Kiosk in Ulm
: Nach 21 Jahren: Peter Eilert übergibt beliebten Kiosk an Nachfolger

Der 77-jährige Kiosk-Betreiber Peter Eilert hat aufgehört. Endgültig Tschüss sagt der Ulmer aber erst, wenn er seinen Nachfolger im Geschäft am Atlantenbrunnen eingelernt hat. Sein Plan für den Ruhestand: die Füße hochlegen.
Von
Alexander Kern
Ulm
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  • Peter Eilert (links) steht seinem Nachfolger Abbas Toloui Fard noch eine Weile zur Seite.

    Peter Eilert (links) steht seinem Nachfolger Abbas Toloui Fard noch eine Weile zur Seite.

    Volkmar Könneke
  • Nachfolger Abbas Toloui Fard hat den Kiosk bei seiner Übernahme frisch gestrichen und renoviert.

    Nachfolger Abbas Toloui Fard hat den Kiosk bei seiner Übernahme frisch gestrichen und renoviert.

    Volkmar Könneke
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Eigentlich müsste er ja gar nicht mehr hier sein. Seit dem 1. Oktober ist er offiziell raus, im Ruhestand. Trotzdem sitzt er immer noch da, hinter dem Fenster des Kiosks am Atlantenbrunnen. Zwischen Zeitschriften und Zigarettenschachteln hat er es sich auf einem Holzhocker bequem gemacht, raucht Zigarillo und ist zur Stelle, wenn sein Nachfolger Hilfe braucht.

21 Jahre lang hat Peter Eilert diesen Kiosk betrieben. Der Ulmer könnte die Kasse vermutlich auch mit Augenbinde bedienen. Deshalb ist er ja noch da. Er kann jeden Handgriff, er ist wie ein altgedienter Flugzeugpilot, der seine Maschine einem Jüngeren übergeben hat und nun nochmal mitfliegt, um dem Neuen ein paar Tipps zu geben. Er will, dass das Geschäft, dessen Gesicht er 21 Jahre lang war, ohne Turbulenzen weiterläuft.

Eilert ist kein Mann der vielen Worte. Auf die Frage, warum er aufhört, antwortet der 77-Jährige: „Weil i ned no bis 100 schaffen will.“ Außerdem spiele auch die Gesundheit eine Rolle. Aber zu viel Privates gehöre nicht in die Zeitung, findet er. Statt zu reden, konzentriert sich Eilert lieber aufs Wesentliche. „Abbas, da kommt ein Kunde“, brummt er.

Nachfolger war Taxifahrer

Abbas ist der Neue, Eilerts Nachfolger. Er heißt mit vollem Namen Abbas Toloui Fard und war früher mal Taxifahrer. Jetzt hat er den Kiosk übernommen und muss feststellen, dass hier am Vormittag wenig Zeit für Pausen bleibt. Hier und da tut sich der 47-Jährige noch ein bisschen schwer, mal will die Kasse nicht, mal gibt es sprachliche Barrieren. Aber zum Glück gibt es eben auch Herrn Eilert, der auf seinem Hocker sitzt und immer weiter weiß.

Der Kiosk läuft. Das unscheinbare Häuschen kann man zwischen den umliegenden Geschäften und Kneipen zwar schnell übersehen, trotzdem bilden sich hier vormittags immer wieder lange Schlangen. Die Kunden spielen Lotto, holen Zigaretten, kaufen Zeitungen, Getränke. Oft ist es nur ein kurzes Hallo-Bitte-Danke-Tschüss, manchmal wird sich aber auch der Frust von der Seele geredet. Der alte und der neue Chef sind da, hören zu.

Obwohl es auf den ersten Blick nicht so wirkt, ist es das, was Eilert in all den Jahren am meisten Spaß gemacht habe: der Kontakt mit den Leuten. Viele Kunden kommen vom benachbarten Justizgebäude – Richter, Anwälte. Auch Alt-OB Ivo Gönner kauft hier hin und wieder ein. Das freut Eilert, hausieren geht er damit aber nicht. Passt nicht zu ihm, hat er nicht nötig. Ob Jurist, Politiker oder Handwerker: An der Kiosk-Kasse sind alle gleich, betont er. „Wir sagen hier stets ,Du‘ zueinander, sind freundlich. Das gefällt den Leuten, glaube ich.“

 Dass die Chemie auch mit wenigen Worten stimmt, sieht man, wenn langjährige Stammkunden vorbeikommen. Ein älterer Herr namens Bernd ist an der Reihe, Eilert begrüßt ihn kurz und knapp: „Hallo, Bernd!“ Ohne dass Bernd ein weiteres Wort sagen muss, zieht Eilert einen kleinen Stapel vorsortierter Zeitungen hervor und reicht ihn über den Tresen. Bernd nickt, nimmt seine Lektüre entgegen und geht zufrieden seiner Wege. Das Procedere dauert nicht länger als ein Boxenstopp in der Formel 1 – schon ist der nächste dran.

Vom Chef zum Kunde

Auch Abbas Toloui Fard macht der Kundenkontakt Spaß. Es war einer der Hauptgründe, warum er die Nachfolge angetreten hat. Er kann gut mit Menschen, sagt er. Bereits zu seinen Zeiten als Taxifahrer hat ihm das gefallen. Irgendwann sei es aber Zeit für einen Neustart geworden, erzählt er. Hinterm Verkaufstresen gefällt es ihm besser als hinterm Steuer. Er hat den Kiosk renoviert, geputzt, gestrichen. Jetzt muss er sich beim Ex-Chef noch etwas Routine und Gelassenheit abschauen. „Das bekommt er schon hin, das wird“, sagt ein Kunde in der Schlange.

Eilert, der vor der Kiosk-Zeit unter anderem in der Gastronomie tätig war, wird seinem Nachfolger noch eine Zeitlang zur Seite stehen. Wie lange genau, kann er noch nicht sagen: „Bis eben alles passt.“ Wenn es soweit ist, wird Eilert als Kunde vorbeikommen. Schließlich fallen die Zigarillos, die er raucht, nicht vom Himmel und den ein oder anderen Lotto-Schein füllt er auch gerne aus. Ein paar Millionen für die freie Zeit wären nicht schlecht. Was er sonst im Ruhestand geplant hat? „Ned viel, keine großen Reisen oder so.“ Er will vor allem eine Sache machen, betont er: „D‘ Fiaß hochlega.“