Kinderarzt im Ruhestand: Welches Fazit Dr. Klaus Rodens nach 30 Jahren in Langenau zieht

Klaus Rodens war drei Jahrzehnte in Langenau als Kinder- und Jugendarzt tätig.⇥
Oliver HeiderDie Praxis baute er mit seiner Frau Astrid, einer Kinderkrankenschwester, auf. Sie nennen sie liebevoll „unser Baby“. Dr. Klaus Rodens (66) erinnert sich an den ersten Arbeitstag, damals in der Hindenburgstraße in Langenau. Am 1. Oktober 1993. Es kamen nur drei Patientinnen und Patienten. Doch die Zahl stieg schnell an, erzählt der Kinder- und Jugendarzt.
In der Angertorstraße, wo Rodens 23 Jahre mit Armin Schaer eine pädiatrische Gemeinschaftspraxis betrieb, waren es zuletzt 100 bis 150 Patienten. Pro Tag. Aus dem Raum Langenau, sogar aus Gerstetten und Günzburg. Seit 3. Januar ist der Vater dreier erwachsener Kinder, der in Unterelchingen wohnt, im Ruhestand.
Herr Dr. Rodens, wie leicht fällt Ihnen das Loslassen?
Klaus Rodens: Wenn man aufhört, ist schon Wehmut dabei. Aber man muss einen Punkt machen, weil die eigene Restlaufzeit nicht unendlich ist. Ein Alptraum wäre, mit 85 aus der Praxis getragen zu werden.
Ihr Fazit nach 30 Jahren?
Es hat mir etwas gebracht, aber hoffentlich vor allem den Kindern und Eltern. Ich würde es wieder so machen. Wichtig ist, sich selbst nicht zu wichtig nehmen – Kinder, Eltern, Mitarbeiterinnen aber schon. Die uns anvertrauten kleinen Patienten haben es verdient. Als Arzt Familien von Anfang an zu begleiten, ist ein Privileg.
Was bleibt im Gedächtnis?
Ich erinnere mich an Begebenheiten, Kinder und Eltern in der gesamten Bandbreite: nett, traurig, skurril, anstrengend, aber immer bereichernd. Eine Fünfjährige sagte zu mir: „Ich will auch mal Tierarzt werden.“ Ein Junge auf die Frage, wann er die Zähne putze: „Immer vor Weihnachten.“ Gefreut hat mich, dass viele Eltern, die ich als Kinder betreuen durfte, mit ihren Kindern wie selbstverständlich beim alten Kinderarzt angeklopft haben.
Und die schlimmsten Erlebnisse?
Ein Junge, der an Leukämie starb. Drei plötzliche Kindstode – bei einem musste ich selbst die Leichenschau machen. Die Schilderung einer Mutter, deren Sohn im Schwimmbad ertrunken ist.
Wie schwer fiel es Ihnen generell, abends abzuschalten?
Man nimmt die Patienten im Kopf mit nach Hause, die Beziehung hört nicht mit dem Verlassen der Praxis auf. Mich hat vieles bedrückt und beschäftigt – und ich habe schlecht geschlafen.
War die Corona-Zeit die herausfordernste Ihres Berufslebens?
Ja. Viele Kleinkinder und Säuglinge haben uns nur mit Masken erlebt. Dabei spielt doch die nonverbale Mimik beim Vertrauensaufbau eine zentrale Rolle.
Ihre Praxis nahm (und nimmt) nur Kinder auf, die die empfohlenen Impfungen vorweisen. Warum?
Natürlich verprellt das die unbelehrbaren Eltern. Ich habe aber letztes Jahr zwei Kinder auf der Intensivstation erlebt, die nicht geimpft waren gegen Wundstarrkrampf. Potenziell lebensbedrohlich – und vermeidbar. Es wäre zudem schrecklich, wenn sich noch nicht impffähige Säuglinge im Wartezimmer mit Masern ansteckten, mit allen schwerwiegenden Folgen. Ein schwer erkranktes Kind wird aber unabhängig vom Impfstatus behandelt.
Wie gesund sind Kinder heute?
Viele alte Probleme wie Infekte oder angeborene Organstörungen sind geblieben. Deutlich zugenommen haben Entwicklungsprobleme: Sprache, Motorik, Lernstörungen. Auch psychosoziale Hintergründe haben große Bedeutung. Es gibt mehr Fälle von Adipositas, ADHS und Allergien einschließlich Asthma. Und wir sehen massive negative Auswirkungen des übermäßigen Bildschirmmedien-Konsums, schon bei den ganz Kleinen. Auch hat bei mir ein 15-Jähriger, in Abwesenheit seiner Eltern, formuliert, dass er süchtig nach Spielen im Internet ist und Hilfe braucht.
Wie hat „Dr. Google“ das Arzt-Eltern-Verhältnis verändert?
Meistens nicht zum Guten. Bei allem nachvollziehbarem Anspruch auf Informiertheit filtern Online-Portale schlecht, liefern oft unhaltbare Diagnosen, begründen hanebüchene Therapie-Empfehlungen, machen unbegründete Ängste, verhindern vernünftigen Umgang mit medizinischen Problemen. Geduld, Beharrlichkeit, verständliche Krankheitserklärung auf Augenhöhe sind gefragt.
Wie haben sich die Eltern verändert?
Die Hilflosigkeit hat zugenommen. Es fehlen die Berater in der Familie. Zum Beispiel die Oma, die schon fast alles erlebt hat. Die Arztpraxen müssen viele Erziehungsaufgaben übernehmen.
Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz in Kinderarzt-Praxen spielen?
Es wird Bereiche geben, in denen sie eingesetzt wird. Aber Beziehung aufbauen zu Kindern kann die KI nicht. Die Hälfte aller Probleme, die wir betreuen, sind nicht unbedingt Organprobleme.
Wie geht es nun mit der Praxis nach Ihrem Rückzug weiter?
Ich habe für mich keinen Nachfolger gefunden. Die Stelle war ein Jahr ausgeschrieben, es gab keine Interessenten. Mein Kollege ist jetzt alleiniger Praxisinhaber mit zwei angestellten Kolleginnen. Es geht also weiter.
Was haben Sie sich persönlich für den Ruhestand vorgenommen?
Weniger Hamsterrad, nichts Durchgetaktetes, mehr Selbstbestimmtheit. Ab diesem Jahr bin ich für fünf Jahre zum Jugendschöffen bestellt worden – das wird sicher spannend. Und: Mit meiner Frau habe ich endlich mehr gemeinsame Zeit.
Aktive berufspolitische Rolle bundesweit
Dr. Klaus Rodens wuchs in Stuttgart auf, studierte Medizin in Ulm und Tübingen. Er absolvierte Weiterbildungen zum Kinder- und Jugendarzt in Ulm und San Francisco sowie zum Kinder-Endokrinologen und -Diabetologen. Von 2003 bis 2014 war er Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg, von 2007 bis 2023 Vorstandsmitglied auf Bundesebene (BVKJ); seit 2005 (bis Ende 2024) ist er Vorstandsmitglied der wissenschaftlich ausgerichteten Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Er ist Mitherausgeber eines in dritter Auflage erscheinenden Praxishandbuchs der pädiatrischen Grundversorgung.


