Gesund bleiben im Alter
: Ist man wirklich nur so alt, wie man sich fühlt, Herr Prof. Denkinger?

InterviewAlt sein – viele verbinden damit Schmerzen und Unselbstständigkeit. Das muss nicht sein. Man kann einiges tun, um die Lebensqualität zu halten, sagt der Facharzt Prof. Michael Denkinger.
Von
Ulrike Schleicher
Ulm
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Prof. Michael Denkinger beim Gespräch im Hörsaal der Agaplesion-Bethesda-Klinik über das Altern heute und in Zukunft. ⇥

Volkmar Könneke

Der einzige Trost: Es trifft jeden und jede. Wir altern mit jedem Tag. Inzwischen zieht sich dieser Prozess jedoch mehr in die Länge, sprich die Lebenserwartung steigt. Das sagt aber noch nichts über die Lebensqualität aus. Ziel ist es deshalb, gesund zu altern.

Verfliegt die Zeit im Alter schneller?

Wie das geht, was Altern überhaupt ist und über den Stand der Forschung weiß Prof. Michael Denkinger, Ärztlicher Direktor der Agaplesion-Bethesda-Klinik in Ulm und Facharzt, Bescheid.

Schon wieder ist ein Jahr vorüber. Wieso fliegt die Zeit gefühlt schneller, wenn man älter wird?

Prof. Michael Denkinger: Ich glaube, dass dies mehrere Gründe hat. Man hat weniger Zeit im Leben, da viele Jahre bereits verstrichen sind, man braucht länger für einzelne Aufgaben, beginnend beim Anziehen. Es gibt mehr Routinen, die Zeit kosten.

Was passiert, wenn wir altern?

Die Organe altern unterschiedlich schnell. Während zum Beispiel die Nieren bereits nach wenigen Jahren im Leben sehr langsam ihre Leistungsfähigkeit verlieren und damit ihre Spitzenleistung sehr früh haben, sind etwa Leber, Muskel, Nerven und Gehirn deutlich später dran. Zwischen etwa dem 20. und 30. Lebensjahr haben diese Organe die maximale Leistungsfähigkeit.

Aber warum das so ist, weiß man nicht?

Wie unser Organismus altert, ist nicht abschließend geklärt, aber es sind unterschiedliche Mechanismen beschrieben, wie zum Beispiel der programmierte Zelltod, die Seneszenz (Zellen teilen sich nicht mehr), Proteinmissbildungen, die Schädigung durch freie Radikale und anderes. Manche sagen, Altern ist eine Krankheit.

Das würden bestimmt viele Menschen sofort unterschreiben, so viele Zipperlein wie manche Leute haben.

In Ulm an der Uniklinik wird zu der Krankheit Progerie und ihre Unterformen geforscht. Dabei entwickeln Menschen bereits in jungem Alter die typischen Anzeichen des Alterns wie Grauer Star, Haarausfall...

Die Krankheit ist unheilbar, genauso wenig kann man auch das Altern stoppen, oder?

Es gibt keinen Jungbrunnen, wie man so sagt. Aber es wird in dieser Richtung natürlich geforscht, zum Beispiel an der Universität in Ulm mit der synthetischen Substanz Casin, die die Aktivität eines Proteins hemmt, das mit für die Alterung verantwortlich ist. Auch Knochenmarktransplantationen werden als Möglichkeit gedacht sowie einiges andere.

Das biologische Alter zählt, das kalendarische ist nur ein Datum

Stimmt die Behauptung: Man ist so alt, wie man sich fühlt?

Das kann man schon so ausdrücken. Der spannende Grund: Es gibt das kalendarische Alter, da zählt der Tag der Geburt. Und es gibt das biologische Alter. Und das zählt: Da geht es darum, in welchem Zustand der Körper ist. Zwischen kalendarischem und biologischen kann es große Spannen geben.

Das ist sicher auch der Fall, wenn man zwei Menschen gleichen Alters vergleicht...

Ja, weil jeder ganz individuell altert. Das sieht man auch an den Organen. Die Funktionsfähigkeit der Nieren etwa zeigt eine riesige Bandbreite: Zwischen einer nahezu perfekten Niere und einer Dialyse-Niere gibt es bei Menschen alles. Das Problem ist: Es ist noch immer nicht eindeutig, warum der eine schneller altert als der andere.

Aber es gibt Faktoren...

In dem Fall geht es jedoch zunächst um die Frage, warum zwei gleichaltrige Menschen mit genau den gleichen Krankheiten unterschiedlich altern. So kann der eine wesentlich gebrechlicher und vulnerabler sein als der andere. Oder: Beide werden operiert. Und der eine bekommt ein Delir, ist also nach dem Aufwachen orientierungslos. Der andere nicht. Wir können nicht vorhersagen, warum.

Aber spielt das Leben vor der Krankheit und dem Altsein nicht eine wichtige Rolle?

Natürlich. Es ist eine Mischung aus unseren Genen, die besser oder schlechter sein können. Und dem, wie wir leben und unserer Umwelt.

Es gibt die sogenannten blauen Zonen, Gebiete auf verschiedenen Kontinenten. Dort leben auffällig viele Hundertjährige. Was machen die richtig?

Nun, zum einen haben sie wahrscheinlich gute Gene und sie essen gesund. Soll heißen, viel Gemüse, Obst und Fisch, wenig Fleisch oder gar Fertiggerichte. Es ist bewiesen, dass diese mediterrane Ernährung ein längeres Leben ermöglicht.

Was machen die Menschen in den Blauen Zonen richtig?

Gibt es etwas, was alle essen?

Nein. Das eine Superfood gibt es nicht. Es ist nicht nur eine Pflanze oder ein Protein, das zu diesem Ergebnis führt. Es wird die Kombination sein. Und es kommen noch andere Faktoren dazu.

Die da wären?

Sie haben ein intaktes soziales Leben: Familie und Freunde. Und sie bewegen sich täglich, haben etwa einen Garten.

Einen Garten kann nicht jeder haben.

Klar, aber Ergebnisse auch mit unserer Ulmer Studie – sie ist vor 13 Jahren gestartet – zeigen, dass tägliches Gehen sehr gut ist. Unter 65 Jahren kann man bis 9000 Schritte und somit einen Rückgang der Sterblichkeit erreichen. Danach bringt es nichts mehr. Über 65 Jahren etwa 6500 Schritte. Aber die Frage ist: Was wollen wir erreichen?

Was?

Das eine ist, gesund zu altern. Das andere ist eine generell höhere Lebenserwartung, so bis 150 Jahre und mehr. Von Letzterem sind wir noch sehr weit entfernt.

Manche laufen noch im Alter von 80 Jahren Marathons.

Einen Marathon laufen, halte ich nicht für die beste Idee. Denn das stresst den Körper. Die Devise lautet: Maß und Mitte bei allem. Zweimal acht Kilometer pro Woche laufen ist besser als ein Marathon. Muskeltraining bis ins hohe Alter ist ebenfalls enorm wichtig, inklusive eines kleinen Muskelkaters. Auch nach Operationen sollte man so früh wie möglich damit anfangen, um es nicht zu einer Sarkopenie (Muskel- und Knochenschwund) kommen zu lassen.

Sind die heutigen Alten, ab 80 Jahren etwa, schon in einem besseren Zustand als die letzte Generation?

Die heutigen Alten haben eine gute Basis aus ihrer Jugend: Sie waren aufgrund der schlechten Versorgung nach dem Zweiten Weltkrieg im entscheidenden Alter nicht übergewichtig und können sich heute im Alter gesund und angemessen ernähren. Diäten sind dann nicht mehr angebracht.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind seit Jahren in Folge die häufigste Todesursache in Deutschland.

Ja, Übergewicht führt zu Diabetes  Typ II und der schädigt in Zusammenhang mit Bluthochdruck Gefäße, die wiederum zu Schlaganfällen, Herzinfarkten und Herzschäden führen.

Demenz hat nicht in dem Maße zugenommen wie erwartet

Wie ist die Lage bei Demenz? Muss man aufgrund der demografischen Entwicklung damit rechnen, dass sie zunimmt?

Erstaunlicherweise hat Demenz nicht so zugenommen, wie es vor etwa 15 Jahren prognostiziert wurde. Das kann an der Behandlung gegen Bluthochdruck liegen, der ja Hirnzellen schädigt. Es kann auch an Impfungen liegen, die gegen virale Infekte wirken.

Was raten Sie Angehörigen, wenn sie merken, jemand lässt kognitiv nach?

Der erste Schritt ist eine Diagnose. Zuerst müssen behandelbare Ursachen mithilfe eines Blutbildes und einer Aufnahme des Gehirns ausgeschlossen werden. Ebenso kann man sich in der Geriatrischen Institutsambulanz in der Agaplesion-Bethesda-Klinik oder in der Gedächtnissprechstunde des RKU  vorstellen und beraten lassen.

Wie sieht es eine Behandlung aus?

Es gibt inzwischen Medikamente, die auf Antikörpern beruhen. Studien haben gezeigt, dass sie wirken, aber noch nicht mit durchschlagendem Erfolg.  Eines davon soll 2024 zugelassen werden. Es zielt auf die für Demenz typischen Eiweißablagerungen im Gehirn ab.

Wie sieht die Pflege der Zukunft aus? Werden wir von Robotern gefüttert?

Das glaube ich nicht. Die Pflege eines Menschen erfordert viele motorisch hochkomplexe Handgriffe. Und Empathie. Das werden Roboter die nächsten 20 Jahre wenigstens nicht leisten. Was man sich vorstellen kann, ist technologische Unterstützung. Etwa beim Heben von Menschen.

Ohne Personal geht es also nicht.

Ja, eine gezielte Einwanderungspolitik wäre wünschenswert. Bei uns in der Klinik haben 80 Prozent der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einen Migrationshintergrund. Das sind alles tolle Menschen. Aber es sind noch andere Schritte notwendig.

Die da wären?

Dass man viel mehr Krankheiten zu Hause behandelt. Der Arzt diagnostiziert und verschreibt, aber der Patient wird von der Familie oder Fachpersonal zu Hause versorgt. Insgesamt könnte einiges mehr ambulant gemacht werden. Dazu gehören Reha-Maßnahmen und präventive Maßnahmen wie das Training in unserer Sturzambulanz hier.

Dass Angehörige wichtig sind, sieht man an der in der Bethesda-Klinik verfertigten Studie über das sogenannte Delir...

Ja, Studien zeigen, dass kein Medikament gegen diese Orientierungslosigkeit nach Operationen hilft. Dagegen hilft es, wenn der Patient nach der OP aufwacht, einen Angehörigen sieht. Und wenn er dann das zweite Mal aufwacht, derjenige da ist und mit ihm spielt, spricht, Fotos anschaut.

Wie denken Sie über den Tod?

Dass wir mehr über ihn reden sollten, um gelassener damit umzugehen. Dass es wichtiger ist, die Menschen zu Hause zu lassen, als sie in der Klinik oder im Heim scheinbar besser versorgt zu wissen. Wir wissen doch alle, dass es passiert – warum tun wir uns so schwer damit?

Forschung und täglich praktische Erfahrung

Der Ärztliche Direktor der Agaplesion-Bethesda-Klinik, Prof. Michael Denkinger ist 48 Jahre alt und verheiratet. Er ist in Laupheim geboren, in Ehingen aufgewachsen und hat in Freiburg und Cleveland (USA) Medizin studiert. Er ist Facharzt für Geriatrie und Innere Medizin sowie Leiter des Instituts für Geriatrische Forschung an der Uniklink Ulm.

Derzeit läuft etwa noch ein sechsjähriges Projekt, bei dem Computerprogramme für die Chirurgie der Uniklinik entwickelt werden, die eine bessere Behandlung von alten Menschen nach Operationen zum Ziel haben.