SWP Forum mit Joachim Gauck
: „Man muss malochen fürs Glück“ – Ex-Bundespräsident im Ulmer Stadthaus

Mit Witz und Wucht spricht der gebürtige Rostocker Joachim Gauck über Freiheit, das Leben in der ehemaligen DDR und den Zustand der deutschen Demokratie.
Von
Alexander Kern
Ulm
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Stadthaus: FORUM mit Joachim Gauck, Bundespräsident a.D.

Ein Gespräch über die kleinen und großen Dinge des Lebens: Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., (Mitte) stellt sich den Fragen der SWP-Chefredaktion vertreten durch Judith Conrady und Ulrich Becker.

Volkmar Könneke
  • Joachim Gauck sprach im Ulmer Stadthaus über Freiheit, DDR-Erfahrungen und deutsche Demokratie.
  • Freiheit erfordert Mut und Verantwortung, sagt Gauck: „Man muss malochen fürs Glück.“
  • Hohe AfD-Zustimmung im Osten sieht Gauck kritisch, spricht von „Bewunderung und Neid“ auf den Westen.
  • Der gebürtige Rostocker teilte Erinnerungen an die DDR und das Streben nach Individualität.
  • Die Veranstaltung am 7. Oktober war komplett ausverkauft, mit großer Aufmerksamkeit für Gaucks Worte.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Er betritt die Bühne im dunkelblauen Anzug, die Krawatte ordentlich gebunden, das Publikum im Ulmer Stadthaus klatscht. Joachim Gauck, ehemaliger Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, ist mit 85 Jahren noch immer ein Mann von Präsenz und nordostdeutschem Humor. Bevor das Gespräch mit den SWP-Redakteuren Judith Conrady und Ulrich Becker beginnt, ruft Gauck in den Saal: „Können wir das Licht bitte heller machen? Ich will nicht, dass hier jemand einschläft.“ Das Publikum lacht, der Ton für den Abend ist gesetzt.

Das Stadthaus ist am Dienstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt, auf der Empore drängen sich die Spätgekommenen. Am 7. Oktober, dem Gründungstag der DDR im Jahr 1949, spricht der gebürtige Rostocker in Ulm über ein Leben zwischen Unfreiheit und Selbstbestimmung. Gauck, einst Pastor, Mitglied des „Neuen Forums“ und erster Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, erinnert sich an das Lebensgefühl in der DDR – an ein Land, in dem viele zwar arrangiert lebten, aber vom Westen träumten. Das habe schon bei den kleineren Dingen angefangen. „Viele wollten einfach mal ein richtiges Auto fahren, und nicht immer Trabant“, erzählt Gauck. Dieses Bedürfnis müsse er in Schwaben, dem Land von Porsche und Mercedes, ja nicht näher erklären.

Freiheit und Verantwortung

Immer wieder kehrt Gauck an diesem Abend zu seinem zentralen Thema zurück: der Freiheit. Sie sei, sagt er, die schönste Lebensgrundlage, aber auch eine sehr anspruchsvolle. „Freiheit kann überfordern. Sie verlangt Mut – und Verantwortung.“ Wer frei leben wolle, müsse bereit sein, „zu malochen, sich zu schinden wie ein Leichtathlet vor einem großen Wettkampf“. Nur wer diese Arbeit auf sich nehme, könne nachhaltiges Glück finden, sich selbst in einer Gesellschaft verwirklichen. „Wenn man sagt: Ja, ich will Verantwortung übernehmen, dann steht einem die Welt offen.“

Auch über die Nachwirkungen der deutschen Teilung spricht Gauck offen. Der Osten blicke, teilweise bis heute, mit „einer Mischung aus Bewunderung und Neid“ auf den Westen. „Stellen Sie sich vor, Sie spielen beim SSV Ulm in der Dritten Liga – und ständig wird Ihnen erzählt, was der FC Bayern gerade wieder Tolles macht.“ Die Lacher im Saal sind ihm sicher.

Mit Blick auf die hohen AfD-Zustimmungswerte in Ostdeutschland sucht Gauck nach Erklärungen.  Für „komische AfD-Typen“ oder „die merkwürdige Sahra Wagenknecht“ hat er wenig übrig, das macht er an diesem Abend deutlich.

Wenn Gauck spricht, merkt man, dass er einmal Pastor war. Mal holt er weit aus, mal wird es predigtartig – seine Worte sind stets getragen von innerer Überzeugung. Im Publikum ist es still, man hört kaum ein Räuspern. Draußen vor dem Stadthaus wartet eine schwarze BMW-Limousine, Personenschützer stehen diskret am Rand.

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