FRIZZ: Aufräumcoach – liegt einem das im Blut oder gibt es da einen Erweckungsmoment?
Lea Lang: Ordnung liegt mir im Blut. Ich bin ausgebildete Sozialpädagogin. In meinem Berufsleben bin ich vielen begegnet, bei denen Unordnung zu Überforderung und Überreizung geführt hat. Das war damals aber nicht mein Aufgabengebiet. Nach meinem Mutterschutz wollte ich eine Veränderung und habe mich an den Wunsch erinnert, Menschen zu helfen, ihre eigenen vier Wände zu dem Ort der Ruhe und Regeneration zu machen, der er eigentlich sein sollte. Und so habe ich mich 2019 selbstständig gemacht.
Wie sieht Ihre Wohnung aus? Alles ordentlich oder gibt es auch bei Ihnen eine „Kummerecke“?
Die Garage meines Mannes ist nicht so nach meinen Vorstellungen (lacht). Ich habe aber gelernt, ihn zu lassen und funke ihm nicht rein. Aber natürlich ist es auch bei uns nicht immer picobello: Wir sind beide selbstständig und haben ein Kind, da gibt es auch mal Unordnung, keine Frage! Ich kann das Haus aber schnell aufräumen, weil ich eine Grundordnung habe und weiß, wo jedes Ding hinkommt. Dabei geht es nie um Perfektion, sondern um Wohlgefühl. Manchmal ist das Wohlgefühl einfach Dusche und Sofa, und dann liegt auch mal alles rum – das mach ich einfach am nächsten Tag, das ist auch völlig ok.
Viele Menschen nutzen ja aktuell die Zeit zuhause verstärkt, um aufzuräumen. Werden Sie deshalb mehr nachgefragt?
Ja. Bisher konnte man ins Büro, ins Fitnessstudio, ging zu Events oder ins Restaurant, um eine Auszeit von zuhause zu haben. Hört sich komisch an, aber wenn das Heim kein Ort der Ruhe ist, dann ist es wie eine Flucht vor der Unordnung. Mit Corona und Homeoffice gibt es dazu weit weniger Möglichkeiten. Nun werden Probleme sichtbar und spürbar, deshalb wird aufgeräumt. Sich ein Wohlfühlzuhause zu schaffen, ist etwas sehr Wertvolles und das bleibt auch nach Corona.
Wie läuft das ab, wenn man Sie bucht?
Wir machen in der Regel einen Vor-Ort-Termin, denn online ist es auch oft nur eine Fassade, die ich gezeigt bekomme. Man sieht zwar alles von außen, weiß aber nicht, was in den Schränken ist oder wie der Keller aussieht. Dann erarbeiten wir eine Zielvorstellung. Das geht von, die Tür vom Schlafzimmer wieder öffnen zu können, über jemanden, der sich nicht mehr schämen will, wenn Besuch kommt, bis hin zum Wunsch, ein minimalistisches Leben auszuprobieren. Daran arbeiten wir, bis wir diesen Punkt gemeinsam erreichen.
Wer sind Ihre Kunden?
Es sind nicht, wie man oft glaubt, nur Frauen. Bei mir sind es ungefähr 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer. Viele sind an einem Übergang vom Single zum Paar oder vom Paar zur Familie. Natürlich auch bei Trennungen, beim Auszug der Kinder, bei einem Umzug ins Altersheim oder wenn Eltern sterben und ein Haus ausgeräumt werden muss.
Was kostet Ihr Service?
Zwischen 50 und 100 Euro die Stunde. Kommt auf den Umfang des Aufräumprojekts an. Wir sprechen darüber, dann mache ich ein Angebot. Manche sind schnell, wenn jemand danebensteht und die richtigen Fragen stellt, andere stoßen beim Prozess auf tie­fere Themen, die erst mal gar nichts mit dem Aufräumen zu tun haben, und brauchen dann etwas länger.
Man sagt ja, Aufräumen ist gut für die Seele. Können Sie das bestätigen?
Ja, das eine geht nicht ohne das andere. Womit ich mich umgebe, spiegelt wider, was mich im Inneren umtreibt. Oft stecken hinter diesem Berg an Dingen auch ungelöste Probleme. Klassiker sind Keller und Dachboden – was man an Altlasten noch nicht verarbeitet hat, landet dort. Der Prozess des Aufräumens fordert. Man wird damit konfrontiert, wie man mit seiner Vergangenheit umgeht. Da stapeln sich Sachen aus früheren Beziehungen, aus der Ehe, Kram der Kinder – mit all dem muss man sich auseinandersetzen. Und wenn man anfängt, für Ordnung zu sorgen, dann ordnen sich auch Gedanken und Gefühle, die uns latent beschäftigen. Altes abwerfen und Neues entstehen lassen. Wie eine Schlange: Wenn sie weiterwachsen will, muss sie sich häuten.
Gibt es hoffnungslose Fälle?
Nein. Es gibt zwar Menschen, die zügig anfangen, aber den Prozess unterschätzen und dann mehr Zeit brauchen. Aber jeder, der will, kann das schaffen.
Viele Menschen sind Sammler – etwas wegzuwerfen, fällt ihnen unendlich schwer. Warum ist das so? Und lässt sich das lösen?
Viele heben alles für den Notfall auf, der aber in der Regel nicht kommt – das wurde von den Kriegsgenerationen übernommen, die haben alles gehortet. Andere sammeln, weil sie Gefühle überdecken wollen, weil sie einsam sind, sie kaufen aus Frust, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrem Leben machen sollen. Bei allen gilt: Sobald der Punkt kommt, an dem Dinge belasten, wird es Zeit, sie loszulassen. Viele haben aber starke emotionale Bindungen zu materiellen Dingen, deshalb fällt das schwer. Es ist fast, wie eine Freundin vor den Kopf zu stoßen. Gerade teure Sachen zu entsorgen tut weh. Viele haben deshalb Schuldgefühle, die machen unfrei. Dabei ist niemandem geholfen, wenn man teure Dinge behält. Andere freuen sich: das Handy für Afrika, Bücher für Kindergärten, oft bringe ich auch Küchenausstattung ins Ulmer Frauenhaus.
Was passiert, nachdem Sie tätig waren? Gibt es da regelmäßige Nachkontrollen – also im Sinne von „Nachsorge“?
Ja, meine Arbeit soll nachhaltig sein, das ist mir wichtig. Deshalb halte ich Kontakt zu meinen Kunden. Ich bekomme oft auch Bilder von getaner Arbeit geschickt. Das ist ein kontinuierlicher Prozess und hört nie auf. Ausmisten und Ordnung halten sollte wie Zähneputzen sein: Jeden Tag ein bisschen davon, so spart man sich die Karieslöcher.
Gibt es ein besonders denkwürdiges Erlebnis in Ihrem Job?
Ja, die Arbeit mit einer Frau, bei der alles in Ordnung schien – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte einen guten Job und einen tollen Partner, nur das mit dem Aufräumen fiel ihr schwer. Wir haben also zusammen ausgemistet und im Nachgang rief sie an und sagte, sie hätte ihren Job gekündigt und sich von ihrem Partner getrennt. Als der äußere Ballast weg war, war wieder Entwicklung in ihrem Leben möglich. Sie hat sich gefragt: „Was will ich?“ und hat gemerkt, dass sie in Job und Beziehung unglücklich war. Das war eine Ausnahme, aber man kann in diesem Prozess Energien freisetzen, die vorher gebunden waren.
Wie ist es im privaten Umfeld – räumen Freunde besonders gut auf, wenn Sie kommen? Oder legen Sie selber erstmal Hand an?
Früher war es schlimmer, inzwischen weiß man, es geht nicht um Perfektion. Ich höre aber schon mal: „Ach Lea, heute bin ich gar nicht zum Aufräumen gekommen“ – oder „Dein Besuch war eine gute Gelegenheit aufzuräumen, das stand schon lange aus“. Ich freue mich, wenn Freundinnen nach einem Tipp fragen, wie sie dies oder das umgestalten können, aber ungefragt würde ich das nicht machen.
Von welchen materiellen Dingen würden Sie sich persönlich niemals trennen?
Da gibt es keine, weil ich mich nicht an materielle Dinge binde. Klar, würde jetzt mein Haus abbrennen, würde ich mich nicht freuen, um einige Erinnerungen wäre es schade, aber ich habe die Erinnerungen im Herzen. Man sollte Hüter von Erinnerungen sein, nicht von Dingen. Man vergeudet so viel Energie, indem man auf Sachen aufpasst und sie verwaltet. Man sollte sich lieber Zeit nehmen, um neue Erinnerungen zu schaffen, Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen, das ist das, was bleibt.

Weitere Infos

Lea Lang/Milela
Ordnungscoach für die Regionen Ulm, Neu-Ulm, Heidenheim an der Brenz, Geislingen an der Steige und Günzburg.
Website: www.milela.de
Telefon: 0176 – 2346 8361
E-Mail: info@milela.de