Drei Söhne statt der ersehnten Tochter
: „So ein Mädchen ist für eine Mama etwas Besonderes“

Eine 57-Jährige aus dem Alb-Donau-Kreis erzählt von ihrer unerfüllten Sehnsucht nach einem Mädchen, die bis heute nachwirkt. Auch auf Social Media sprechen immer mehr Mütter offen über sogenanntes „Gender Disappointment“. Will niemand mehr einen Jungen?
Von
Verena Eisele
Alb-Donau-Kreis
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Mädchen schaut aus ihrem Kinderbett

Mädchen gelten vielen als einfühlsamer und weniger wild als Jungen – Klischees, die über einzelne Kinder wenig aussagen.

Christin Klose/dpa-mag/dpa
  • 57-Jährige aus Alb-Donau-Kreis ringt mit unerfülltem Wunsch nach Tochter
  • Beim dritten Kind: Hoffnung auf Mädchen, Fruchtwasser-Test ergab Jungen
  • Gefühl heißt „Gender Disappointment“; Wunsch kann beide Richtungen betreffen
  • Psychologin: Eltern wünschen oft „Gender Balancing“; Stereotype prägen Erwartungen
  • Peters liebt ihre drei Söhne, spricht offen über Enttäuschung und Rollenbilder

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als sie zum dritten Mal schwanger wird, will sie nichts dem Zufall überlassen. Diesmal soll – muss! – es ein Mädchen werden. Vorbereitet hat sie sich, ihren Eisprung berechnet, sogar ein Buch über Geschlechtsplanung und über die vermeintlich entscheidende Mondphase hat sie gelesen – auch wenn sie eigentlich an solch esoterisches Zeugs gar nicht glaubt. Und tatsächlich, die Schwangerschaft, irgendwie fühle sich doch alles etwas anders an als mit ihren beiden Jungs davor? „Ich hab's mir eingebildet“, sagt Caroline Peters (Name geändert) aus dem Alb-Donau-Kreis heute. Sie lächelt gequält.

Damals war Caroline Peters, die ihre Geschichte lieber anonym erzählen möchte, 39 Jahre alt, die Schwangerschaft war daher mit Risiken verbunden. Der Arzt empfahl eine Fruchtwasseruntersuchung, um sicherzugehen. Nach der Untersuchung dann: Erleichterung. Das Kind ist gesund! Peters’ Körper wird vor Freude leicht.

Doch dann der Dämpfer: Es ist ein Junge!

Plötzlich fühlt sie etwas anderes: Trauer. „Trauer, um dieses Mädchen, das ich nie haben werde“, sagt die heute 57-Jährige. Eine Narbe, wie sie sagt, die bis heute schmerzt.

Familien wünschen sich vorwiegend beide Geschlechter

Ein Gefühl, das heute in der Fachsprache mit „Gender Disappointment“ umschrieben wird, erklärt Psychologin Julia Ditzer. Sie promoviert an der Technischen Universität Dresden im Bereich Kinder- und Jugendpsychologie. Der Begriff beschreibt eine Enttäuschung oder Traurigkeit darüber, dass das Geschlecht des eigenen Kindes nicht dem entspricht, was man sich erhofft hat. Dieses Gefühl könne grundsätzlich in beide Richtungen auftreten – auch wenn derzeit vor allem über ungestillte Sehnsüchte nach einer Tochter gesprochen werde. Denn Peters ist damit nicht allein. Auf Social Media berichten immer mehr Mütter offen von ihrer Enttäuschung darüber, einen Jungen statt eines Mädchens bekommen zu haben, etwa aus Sorge vor „toxischer Männlichkeit“.

„Toxische Männlichkeit“

Der Begriff bezeichnet „giftige“ Verhaltensweisen und Einstellungen, die mit traditionellen Männlichkeitsbildern verbunden sind, wie etwa Aggressivität, Gewalttätigkeit und Sexismus. Diese werden als schädlich für andere und für Männer selbst angesehen. Entstanden ist der Begriff in den 1980er-Jahren. Er kritisiert dabei nicht Männlichkeit an sich, sondern problematische Rollenbilder und Verhaltensmuster, die durch patriarchale und sexistische Normen gefördert werden und unter denen auch Männer selbst leiden.

Spiegeln diese Posts tatsächlich einen gesellschaftlichen Trend wider? Eher nicht, antwortet Julia Ditzer. Die Forschung zeige vielmehr, dass sich viele Eltern vorrangig eine „ausgeglichene“ Familie wünschten – also Kinder beider Geschlechter. In der Forschung wird das „Gender Balancing“ genannt. „Kommt es aber anders als erträumt, scheint es bisher so, als hätten Mütter im Schnitt etwas mehr daran zu knabbern als Väter“, sagt die Psychologin. Männer werden dazu in der Forschung aber bisher kaum befragt.

Mit Blick auf die Frage, warum sie sich so sehr ein Mädchen gewünscht hat, muss Peters nicht lange überlegen. „So ein Mädchen ist für eine Mama etwas Besonderes“, sagt sie. Dasselbe Geschlecht verbinde anders, glaubt sie. Die Bindung sei näher. Vertrauter.

„Vielleicht spielt dieses Mädchen lieber Fußball“

Solche Vorstellungen seien weit verbreitet, erklärt Julia Ditzer. Mädchen gelten vielen als einfühlsamer, pflegeleichter oder weniger wild – auch wenn solche Zuschreibungen wenig über den einzelnen Menschen aussagen. Oft gehe es beim Wunsch nach einem bestimmten Geschlecht weniger um das Kind selbst als um die Bilder und Erwartungen, die Eltern damit verbinden. Viele gingen davon aus, mit einem gleichgeschlechtlichen Kind Dinge teilen zu können, die mit dem anderen Geschlecht schwieriger seien. „Dabei vergessen werdende Eltern oft, dass selbst ein lang ersehntes Mädchen nicht automatisch den eigenen Vorstellungen entspricht – vielleicht spielt dieses Mädchen lieber Fußball.“

Auch persönliche Erfahrungen können eine Rolle spielen. Frauen, die Gewalt durch Männer erlebt haben, tun sich laut der Psychologin manchmal schwer damit, sich vorzustellen, einen Sohn großzuziehen. „Für manche ist das ein Grund, sich besonders ein Mädchen zu wünschen.“

Viele Eltern, besonders Mütter, schämten sich zudem für solche Gefühle. Schließlich gelte die Erwartung, dass man sein Kind unabhängig vom Geschlecht bedingungslos willkommen heißen müsse. Eine kurze Enttäuschung sei aber nicht ungewöhnlich und flaue oft mit der Zeit ab. Auch könne es helfen, die eigenen Rollenbilder zu hinterfragen. „Vielleicht gibt es Dinge, die ich mir mit einem Mädchen vorgestellt habe, die ich mit einem Jungen genauso gut machen kann.“

Rosa Kleider, erste Liebe, Haare flechten

Diese Erfahrung machte auch Caroline Peters. „Ich habe mit meinen Jungs alles machen können“, sagt sie. „Basteln, singen, Plätzchen backen, malen, spielen, kuscheln …“ Doch manches, was ihre Söhne begeistert, liegt ihr selbst weniger. Die hohe Wasserrutsche im Schwimmbad zum Beispiel: Wenn es sein musste, raste sie auch mit hinunter – auch wenn sie das lieber dem Vater überlassen hat. „Das ist halt einfach gar nicht mein Ding“, sagt sie und lacht.

Mit einer Tochter, glaubt sie, wäre manches vielleicht anders gewesen. Sie spricht von rosa Kleidchen und davon, wie sie ihrer Tochter die Haare geflochten hätte. Von Gesprächen über den eigenen Körper, über erste Liebe und all das, was sie selbst als Mädchen erlebt hat. Ihr sei bewusst, dass es auch „burschikose“ Mädchen gebe, die solche Rollenvorstellungen ablehnen. „Aber dann wäre es noch immer ein Mädchen gewesen“, sagt sie leise.

Bei der ersten Schwangerschaft sei das Geschlecht noch zweitrangig gewesen, erzählt Caroline Peters. Sie wollte ohnehin mehrere Kinder – am liebsten zwei Mädchen und einen Jungen. Beim zweiten Kind sollte es dann aber wirklich ein Mädchen werden. Es wurde ein Junge. Mit jedem Sohn wuchs der Wunsch nach der Tochter. Jedes Mal hatte sie eine lange Liste mit Mädchennamen angefertigt. „Ich weiß noch, wie ich die Liste jedes Mal zerrissen und weggeworfen habe.“ Auf der Jungsliste standen hingegen nur zwei Namen.

Mit jedem Sohn wuchs der Wunsch nach der Tochter

Dass sich solche Wünsche mit der Zeit verstärken können, beobachten auch Forschende. „Viele Eltern haben beim ersten Kind keine starke Präferenz“, sagt Julia Ditzer. „Mit jedem weiteren Kind wächst aber tendenziell der Wunsch nach dem Geschlecht, das in der Familie noch fehlt.“

So auch bei Caroline Peters. Das dritte Kind sei auch nur aus diesem Gedanken heraus entstanden, erzählt sie offen – auch gegen anfänglichen Widerstand ihres Mannes. „Für mich war die Familie nicht rund. Es hat etwas gefehlt“, erzählt sie. Diesmal wollte sie vorbereitet sein, Einfluss nehmen, nichts dem Zufall überlassen. Als sich die Schwangerschaft tatsächlich anders anfühlte, klammerte sie sich an diese Vorstellung. Sicher war sie sich: Dieses Mal hat es geklappt.

Beziehungen
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Doch mit der Fruchtwasseruntersuchung endete diese letzte Hoffnung endgültig. Keine weitere Chance, kein weiteres Kind. Dennoch: „Die Freude hat überwogen“, stellt sie klar. Das Kind war gesund. Aber gleichzeitig war da diese tiefe Enttäuschung. Sie war fast 40, die Schwangerschaft schwer gewesen. Ein viertes Kind kam nicht infrage. Sie sucht nach den richtigen Worten. „Es ist ein Lebenstraum, der platzt“, sagt sie dann. „Vielleicht mein Lebenstraum.“ Ihre Stimme bricht, sie wischt sich ein paar Tränen ab.

Seitdem hat sie einen besonderen Blick für Familien mit Mädchen entwickelt. Im Alltag und in ihrem Umfeld beobachtet sie genau, wie sie miteinander umgehen. „Eine Familie wirkt einfach harmonischer, wenn beide Geschlechter dazugehören“, sagt sie. Außerdem seien es häufig die Töchter, die später für die Eltern da seien. „Frauen übernehmen nach wie vor mehr Care-Arbeit, das ist einfach so“, fügt sie hinzu.

Was macht das mit dem Sohn?

Je nachdem, wie stark diese Enttäuschung ausfalle und wie Eltern damit umgehen, könne sie sich theoretisch auch auf die Beziehung zum Kind auswirken – vor allem, wenn sie mit einer postpartalen Depression einhergehe. „Mütter können dann Schwierigkeiten haben, eine enge Bindung zu ihren Kindern aufzubauen“, sagt Julia Ditzer. In solchen Fällen könne das auch Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung der Kinder haben. Kinder lernen dann möglicherweise schlechter, ihre eigenen Gefühle zu regulieren – also Frust, Angst oder Traurigkeit einzuordnen und sich zu beruhigen.

In Caroline Peters’ Fall ist es glücklicherweise anders gekommen. Sie wisse, wie ihre Enttäuschung klingen könne. Sie habe drei gesunde Kinder, das sei keine Selbstverständlichkeit. „Ich habe ja die Erfahrung, überhaupt Mama zu sein.“ Andere könnten diese gar nicht erst machen. Sie habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihren drei „ganz tollen“ Söhnen, betont die 57-Jährige. Der jüngste ist heute 18, der älteste wird 30. Nie habe sie einen von ihnen abgelehnt, nie sei da Enttäuschung ihnen gegenüber gewesen, sie alle wüssten, dass sie sie liebe. Sie könnten auch offen über dieses Thema reden. „Es ist schon alles gut, wie es gekommen ist“, resümiert sie. Zeitweise habe sie noch „wider jeder Vernunft“ überlegt, ein viertes Kind zu bekommen. Da war sie 47 Jahre. „Aber für diese Dinge gibt es ein Zeitfenster.“