Christoph 22 in Ulm
: Gegen die Zeit, für das Leben: Ein Tag mit den Luftrettern vom Oberen Eselsberg

ReportageFür die Crew des Ulmer Rettungshubschraubers Christoph 22 ist kein Tag wie der andere. Wir haben die Retter aus der Luft anlässlich des heutigen Tags der Luftrettung eine Schicht lang begleitet.
Von
Amrei Oellermann
Ulm
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  • Auch für den Transport schwer- und schwerstverletzter Patienten ist Christoph 22 ausgerüstet. Hier begleitet der Notarzt einen intubierten und beatmeten Patienten in die Klinik. ⇥

    Auch für den Transport schwer- und schwerstverletzter Patienten ist Christoph 22 ausgerüstet. Hier begleitet der Notarzt einen intubierten und beatmeten Patienten in die Klinik. ⇥

    Björn Hossfeld
  • Seit Dezember 2021 ist Christoph 22 in den Wintermonaten bis 20 Uhr alarmierbar. ⇥

    Seit Dezember 2021 ist Christoph 22 in den Wintermonaten bis 20 Uhr alarmierbar. ⇥

    Björn Hossfeld
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Es ist 8.14 Uhr, als Willi Hospach, Pilot der Luftrettungsstation am Oberen Eselsberg und der einzige Zivilist im Team, zum Telefonhörer greift und die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle Ulm anruft. „Wir sind dann ab sofort einsatzbereit„, sagt er. Allerdings mit Einschränkungen: Die Wolkenuntergrenze liegt an diesem grauen Januarmorgen bei nur 300 bis 500 Fuß. „Wir müssen schauen, wo wir heute hinkommen“, meint der 51-Jährige.

Denn die Vorgaben der gemeinnützigen ADAC Luftrettung, die Hubschrauber und Piloten der Station stellt, sind streng: Mindestens 1,5 Kilometer Sichtweite braucht es bei einer Hauptwolkenuntergrenze von 500 Fuß – rund 150 Meter –, je niedriger die Wolken hängen, desto besser muss die Sichtweite sein – bei 300 Fuß sind mindestens drei Kilometer freie Sicht vorgeschrieben. Für Rettungsflüge bei Dunkelheit und mit Nachtsichtgeräten sind die Grenzen mit mindestens 1500 Fuß Wolkenuntergrenze und mindestens fünf Kilometern Sichtweite nochmals enger.

Der erste Einsatz: Eine Amputationsverletzung

Zunächst aber gibt es ein zweites Frühstück. Alexander Frank, an diesem Tag diensthabender Notarzt auf dem fliegenden Rettungsmittel, hat frische Backwaren mitgebracht. Die Kaffeemaschine surrt; Tom Schneider deckt den Tisch. Der 43-Jährige ist Notfallsanitäter mit einer speziellen Zusatzausbildung für die Luftrettung – TC HEMS im Fachjargon. Wie alles medizinische Personal, das mit Christoph 22 fliegt, sind Frank und Schneider Berufssoldaten.

Die Ruhe währt nur kurz: Mit dem ersten Biss ins Marmeladenbrötchen schrillen die Funkmelder. Ein Voralarm der Leitstelle in Biberach, die einen Patienten mit einer Amputationsverletzung meldet.

Jetzt geht alles ganz schnell: Binnen zwei Minuten ist das Team mit Christoph 22 in der Luft. Einen kurzen Flug später erreicht der Helikopter seinen Zielort. Später wird Hospach feststellen: „Von den Bedingungen war das grenzwertig.“ Je näher das Team dem Einsatzort kommt, desto schlechter wird die Sicht. Immerhin: Die Landung am Rande des kleinen Weilers ist kein Problem. Der bodengebundene Rettungsdienst ist bereits vor Ort, der Verletzte schon im warmen Rettungswagen. Dort ist die Stimmung erstaunlich gut.

Vom Dachlandeplatz direkt in die Notaufnahme

Der Patient, ein Mann im Seniorenalter, hat sich bei Arbeiten auf seinem Hof mit einer elektrischen Seilwinde den Zeigefinger der linken Hand nahezu vollständig amputiert. Knochen, Blutgefäße und Sehnen sind durchtrennt, nur ein schmaler Fetzen Haut hält den Finger noch fest. „Das ist ernst“, stellt Notarzt Frank fest, während Schneider bereits mit der Handchirurgie am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm telefoniert. Ob der Finger zu retten sein wird, können die Retter nicht versprechen. Der Verletzte bleibt dennoch entspannt: „Dann ist es halt einer weniger„, meint er. So schlimm sei das nicht.

Mit einem potenten Schmerzmittel im Blut geht es für den Mann in den Hubschrauber. Kurz vor 10 Uhr landet Christoph 22 auf dem Dachlandeplatz des Bundeswehrkrankenhauses. Von dort gelangt der Patient mit dem Aufzug direkt in die Notaufnahme. Er wird noch am selben Tag operiert.

Vom Dachlandeplatz des Bundeswehrkrankenhauses geht es mit einem Aufzug direkt in die Notaufnahme.

Amrei Oellermann

Zurück an der Station schiebt Hospach seinen kalt gewordenen Kaffee in die Mikrowelle. Zeit für ein verspätetes Frühstück.

Seit mehr als zwei Jahren sind Blutkonserven an Bord

Nicht immer, wenn der Rettungshubschrauber abhebt, geht es um Leben und Tod. Manchmal kommt es vor allem darauf an, möglichst schnell einen Notarzt an die Einsatzstelle zu bringen, damit dieser über weitere Maßnahmen entscheiden und starke Schmerzen lindern kann.

Für Fälle, in denen es hart auf hart kommt, ist der Ulmer Rettungshubschrauber seit mehr als zwei Jahren besonders ausgerüstet: Er hat Blut an Bord, zwei Konserven mit Erythrozyten-Konzentrat vom Typ 0 negativ, das für jeden potenziellen Empfänger passend ist. Gebraucht werde es selten, sagt Frank: Nicht jede Woche, nicht jeden Monat. „Wir hatten aber mehrere Fälle, in denen wir das Blut genutzt haben und in denen der Patient ohne es vermutlich verstorben wäre.“

Seit Dezember 2020 hat Christoph 22 Blut und Blutgerinnungsprodukte an Bord.

Amrei Oellermann

Frank erzählt in diesem Zusammenhang von einem schwerstverletzten Mann, der nach einem Unfall in seinem Wagen unter einem Lastwagen eingeklemmt war. Er wurde mit den Blutkonserven versorgt, konnte in einer zeitaufwändigen Rettungsaktion befreit werden – und überlebte. Werden die Konserven über längere Zeit nicht gebraucht, kommen sie zurück ins Bundeswehrkrankenhaus und werden im dortigen OP genutzt. „Wir wollen kein Blut verschwenden“, betont Frank.

Am Nachmittag folgt Einsatz auf Einsatz

Nach einem ruhigen Vormittag hat es der Nachmittag in sich: Aus dem Ostalbkreis kommt eine Anfrage für eine Verlegung eines Patienten, der dringend auf die Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses gebracht werden soll. Nur Sekunden später geht der nächste Notruf ein: Bei einem Arbeitsunfall in einem Logistikunternehmen wurde ein Mann zwischen zwei Lkw eingeklemmt. Die Leitstelle disponiert um und schickt Christoph 22 statt zu der Verlegung zu dem Unfallopfer.

Kaum, dass der Arbeitsunfall versorgt ist, kommt der nächste Einsatz: Eine Patientin im Landkreis Heidenheim klagt über Schmerzen in der Brust – möglicherweise ein Herzinfarkt? Kurz danach geht es ins benachbarte Bayern zu Herzrhythmusstörungen. Die Verlegung aus dem Ostalbkreis übernehmen unterdessen Kollegen.

Ulmer Hubschrauber fliegt das zweite Winterhalbjahr auch im Dunkeln

Mit dem letzten Licht des Tages landet Christoph 22 an der Station. Für diesen Tag ist Schluss – das Wetter ist zu schlecht für Flüge bei Dunkelheit. „Es macht keinen Sinn, im Zweifelsfall vier Leben für eines zu riskieren„, sagt Hospach. Sicherheit ist im Ernstfall die oberste Prämisse – denn wenn der Hubschrauber nicht ankommt, hilft er niemandem.

Bei besserer Sicht hebt Christoph 22 schon das zweite Winterhalbjahr auch nach Sonnenuntergang ab. Hier kommt ein hochmodernes System zur kontrastreichen Darstellung der Umgebung bei Dunkelheit zum Einsatz: Das sogenannte „Night Vision Imaging System“ (NVIS) ermöglicht es Piloten, auch bei minimalen Lichtverhältnissen an unbekannten und unbeleuchteten Einsatzorten sicher zu starten und zu landen. Außerdem wurde der Hubschrauber mit einem zusätzlichen Scheinwerfer zur besseren Ausleuchtung von Einsatzstellen ausgestattet.

Auch bei Nacht in maximal vier Minuten in der Luft

Die Anforderungen an den Einsatz bei Nacht sind nochmals höher als bei Tag. Vom Alarm bis zum Abheben vergehen tagsüber maximal zwei Minuten, bei Dunkelheit sind es zwei bis maximal vier. „Bevor wir zur Maschine laufen, versammeln wir uns alle am Bildschirm“, erklärt Hospach. Dort sind nicht nur ein detaillierter Flugwetterbericht und Webcambilder verschiedener Standorte in der Region einsehbar, sondern auch verschiedenes Kartenmaterial. Im Team wird geschaut, wohin es geht, wo etwaige Hindernisse, wo geeignete Landeflächen und wie die Windverhältnisse sind. Erst, wenn die Route klar ist, hebt Christoph 22 ab.

Willi Hospach ist seit 2002 bei der ADAC Luftrettung beschäftigt. Seit 2014 ist er fester Pilot der Ulmer Station. Er bringt Erfahrung aus fast 6900 Flugstunden mit, jährlich kommen rund 250 bis 300 dazu. „Das ist wenig im Vergleich zu anderen Einsatzbereichen“, sagt er. In der Luftrettung geht es selten um weite Strecken, dafür um viele Starts und Landungen – oft abseits von offiziellen Landeplätzen. „Genau das macht die Sache so interessant“, sagt Hospach. Weil man nie weiß, wohin es als Nächstes geht und wo man als Nächstes landen muss. Immer gegen die Zeit – aber für das Leben.

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Christoph 22 hat landesweit die meisten Einsätze

Zum Tag der Luftrettung präsentiert die gemeinnützige ADAC Luftrettung stets die Einsatzzahlen des zurückliegenden Jahres – heuer im Rahmen einer Pressekonferenz im Landtag von Baden-Württemberg, zu der Christoph 22 in Stuttgart landete.

Kein anderer Rettungshubschrauber im Land war demnach 2022 so häufig gefragt wie der Ulmer: 1356 Mal hob Christoph 22 zu Einsätzen ab. Alarmierungen über die Landesgrenze hinaus mitgerechnet waren es sogar 1567 Notfälle – ein Plus von acht Prozent oder 115 Alarmierungen. Rund die Hälfte der Mehreinsätze geht auf die Flüge in den Abendstunden zurück. Einsatzgrund Nummer eins sind Verletzungen nach Unfällen. Bei Christoph 22 machten sie rund 40 Prozent der Einsätze aus.