123 Autos beschädigt
: Steckt Russland hinter der Bauschaum-Attacke auf Ulmer Autos?

Eine Serie von Attacken auf Autos mit Bauschaum beschäftigt unter anderem die Staatsanwaltschaft Ulm. Mittlerweile gehen Sicherheitskreise Medienberichten zufolge von einer gezielten politischen Aktion aus.
Von
Kerstin Auernhammer,
Michael Scheifele
Ulm/Langenau/Berlin
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Bauschaum Auspuff Auto Autos Achstraße Langenau Aufkleber "Sei grüner" womöglich Klimaaktivisten

Mit Aufklebern unter dem Motto  „Sei grüner“ und dem Konterfei von Kanzlerkandidat Robert Habeck wurden Autos bestückt, die in Ulm und Langenau mit Bauschaum beschädigt wurden. Schnell hatten Ermittlungsbehörden eine False-Flag-Aktion dahinter vermutet.

Oliver Heider
  • Vier Verdächtige, 17-29 Jahre alt, beschädigten 123 Autos mit Bauschaum in Ulm und Umgebung.
  • Verdacht auf russischen Geheimdienst als Auftraggeber; über 270 Fälle in Berlin, Bayern, Brandenburg.
  • Verdächtige kommen aus Serbien, Bosnien, Deutschland, Rumänien; erhielten Geld für Taten.
  • Polizei beschlagnahmte Beweismittel, Verdächtige machten kaum Aussagen.
  • Hinweise auf Versuch, Taten als Klimaaktivismus darzustellen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es klingt wie der Plot eines Polit-Thrillers: Ein Autokrat strebt nach der Weltherrschaft und versucht neben diversen offenen Kriegsschauplätzen mächtige Länder zu destabilisieren. Dazu heuert sein Geheimdienst Amateure an, die in den Ländern Sabotageakte ausführen. In Deutschland macht er sich „das liebste Kind“ vieler Menschen zu eigen: das Auto. Mit der Einführung von Elektroautos, Klimazielen und dem drohenden Aus für den von Deutschen erfundenen Verbrennermotor gibt es in diesem Bereich derzeit genügend Sprengstoff. Wie wäre es also, wenn jemand Autos beschädigen und das einer Partei in die Schuhe schieben würde, die für Umweltschutz steht? So will er die politische Spaltung in den Ländern anheizen.

Klingt ausgedacht, frei erfunden, total abwegig? Sicherheitskreise glauben, dass genau so eine Aktion hinter den Bauschaum-Attacken auf Ulmer Autos steht. Sie haben vier Tatverdächtige im Visier. Es handle sich um insgesamt 123 Sachbeschädigungen. Tatorte seien Blaubeuren, Langenau, Ulm, Blaustein, Beimerstetten und Neu-Ulm. Die vier Männer sind 17, 18, 20 und 29 Jahre alt. Ihren Ausweispapieren nach stammen sie aus Serbien, Bosnien-Herzegowina, Deutschland und Rumänien.

Wer steckt dahinter?

Die Sicherheitsbehörden gehen inzwischen dem Verdacht nach, dass ein russischer Geheimdienst hinter einer Serie von Sabotageakten gegen Autos in mehreren Bundesländern steckt. Man gehe davon aus, dass die Saboteure für ihre Taten Geld von einem russischen Auftraggeber erhalten hätten, hieß es aus Sicherheitskreisen. Zuerst hatte der „Spiegel“ über die Ermittlungsergebnisse berichtet. Demnach geht es um mehr als 270 Fahrzeuge in Berlin, Baden-Württemberg, Bayern und Brandenburg.

Die Ermittler in Baden-Württemberg gingen im Dezember zunächst von drei Tatverdächtigen aus. In der Region Berlin waren drei Personen im Alter von 20, 17 und 18 Jahren in einem Auto kontrolliert worden, hieß es damals. Bei den aus dem Raum Ulm stammenden Personen wurde Bauschaum gefunden, wie die Ermittler berichteten. So wurde die Polizei Ulm eingeschaltet.

Kurz nach der Kontrolle gingen nach einem „Spiegel“-Bericht 43 Anzeigen von Autobesitzern ein, bei deren Fahrzeugen das Auspuffrohr mit Bauschaum verstopft worden war. Auf der Fensterscheibe der Autos brachten die Täter einen Aufkleber mit dem politischen Inhalt an den Fahrzeugen an: „Sei grüner“, heißt es neben einem Konterfei von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Die Fahrzeuge wurden durch die Täter offensichtlich wahllos in Größe, Alter und Modellen ausgewählt.

Grünen-Kreistagsmitglied Stephan Buck kam die Aktion schon im vergangenen Jahr komisch vor

Grünen-Kreistagsmitglied Stephan Buck vermutete bereits im Dezember, dass mit der Aktion jemand den Grünen schaden wollte. Er hat selbst Verwandte und Freunde in Blaubeuren, die Opfer der Vandalismus-Aktion geworden sind. „So eine Aktion ist Wahnsinn“, kommentierte Buck weiter. „Ich hoffe, dass niemand meint, dass die Grünen irgendetwas damit zu tun haben könnten.“ Das seltsam-schlechte Habeck-Foto auf dem Aufkleber weise eher auf eine bewusste Aktion gegen die Grünen hin. „Ich bin schier aus den Schuhen gekippt, als ich das heute erfahren habe“, erklärt Buck am Mittwoch auf Nachfrage der SWP. „Unglaublich, dass Putin nun schon in mein örtliches Leben eingreift.“

Einige der Betroffenen, mit denen die SWP nach der Tat sprach, fielen offenbar auf die mutmaßliche Strategie der Saboteure herein. Sie verdächtigten, ebenso wie die Ulmer Polizei, Klimaaktivisten. Anders das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West, das für den Kreis Neu-Ulm zuständig ist. Die dortige Pressestelle hielt die damaligen Informationen nicht für ausreichend, um eine bestimmte Gruppe zu verdächtigen.

Ulmer Polizei verdächtigte zunächst Klimaaktivisten

Thomas Hagel, der Pressesprecher der Polizei, räumt nun ein, dass der anfängliche Verdacht möglicherweise falsch war. Es sei durchaus üblich, dass sich Ermittlungen in eine andere Richtung entwickeln, als ursprünglich angenommen. Grünen-Kreisrat Robert Jungwirth zeigt dafür einerseits Verständnis, da im vergangenen Jahr mehrere Aktionen von Klimaaktivisten stattfanden. Andererseits gab es einige Indizien, die dagegen sprachen. Bereits damals habe er Zweifel an dem Verdacht geäußert, erklärte er am Mittwoch. Ein möglicher Grund für die Aktion: Der Grünen-Politiker vermutet, dass es in Russland Gegenwind gegen die klare Positionierung der Grünen im Ukraine-Konflikt und zum russischen Boykott von Öl und Gas gebe.

Bei Wohnungsdurchsuchungen in Ulm, dem Alb-Donau-Kreis sowie im Landkreis Günzburg im Beisein der mutmaßlichen Verdächtigen wurden mehrere Dosen Bauschaum sowie weitere Beweismittel beschlagnahmt. Die jungen Männer machten bei der Vernehmung nur wenige Angaben, wie die Polizei damals weiter mitteilte. Das Trio kam nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder auf freien Fuß. Auch in Berlin wurden Autos auf die gleiche Weise wie im Alb-Donau-Kreis und in Ulm beschädigt.