80 Jahre Kriegsende: Historischer Ticker: Wie die Menschen in der Region den „Tag der Befreiung“ erlebten

Die zerstörte Press-Halle des Magirus-Werks II in Ulm.
DZOK60 Jahre bevor er Papst wird, liegt Joseph Ratzinger auf einem nassen Acker vor den Toren Neu-Ulms. Der 18-Jährige ist am 8. Mai 1945 in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft, einige Tage vorher hatte er Fahnenflucht begangen. Die meisten Gefangenen schlafen in Wohnkuhlen im morastigen Boden. Ebenfalls am 8. Mai kapituliert die deutsche Wehrmacht bedingungslos vor den Alliierten. Damit endet der Zweite Weltkrieg in Deutschland. Für Joseph Ratzinger ist der „Tag der Befreiung“ nur ein weiterer schrecklicher Tag in Gefangenschaft.
„Ich vermute, jeder ist froh, dass die Sache zu Ende ist.“ Das schreibt der 19-jährige US-Soldat William Taylor, wenige Wochen nachdem seine Armee Göppingen nahezu kampflos eingenommen hat. Auch eingefleischte Nazis, Wehrmachtsgeneräle und Kindersoldaten, die noch an den "Endsieg" glauben, sehen an vielen Orten, was der Krieg angerichtet hat. Dutzende Städte sind zerstört, viele Menschen hungern, Millionen von ihnen sind obdachlos oder auf der Flucht.
Diese Ereignisse jähren sich 2025 zum 80. Mal. Aus Ulm und vielen anderen Regionen im Südwesten gibt es detaillierte Berichte, was um den 8. Mai 1945 herum passiert ist. Wie haben die Menschen den „Tag der Befreiung“ erlebt? Ähnlich wie in einem Liveticker bilden wir die Ereignisse des Tages über den ganzen Donnerstag hinweg ab. Die Uhrzeiten sind Näherungswerte.
An diesem Ticker haben mitgearbeitet: Magdi Aboul-Kheir, Karin Mitschang, Tobias Würth, Klaus Michael Oßwald, Angelika Bachmann, Ralph Bausinger, Regine Lotterer, Birgit Rexer, Sebastian Unbehauen, Bernhard Raidt, Holger Weyhmüller, Thomas de Marco, Vera Bender, Julia-Maria Bammes, Hardy Kromer, Ernst Klett, Andrea Maute, Verena Eisele, Jonas Bleeser, Matthias Badura und André Bochow.
Hiermit beenden wir den Ticker zum 80. Jahrestag des Kriegsendes. Vielen Dank für ihr Interesse.
Deutschland kapituliert doppelt
0:16 Uhr: Berlin
Alfred Jodl, Generaloberst der deutschen Wehrmacht, hatte schon am frühen Morgen des 7. Mai 1945 eine Kapitulation unterschrieben - im Hauptquartier der westlichen Alliierten im französischen Reims. Doch die Sowjetunion besteht auf einer zweiten Kapitulationsurkunde. Also müssen drei Vertreter der Wehrmacht am 8. Juni nach Berlin reisen: Hans-Jürgen Stumpff, Wilhelm Keitel und Hans-Georg von Friedeburg. Es dauert bis 0:16 Uhr am 9. Mai, bis alle Dokumente in Russisch, Englisch und Deutsch vorliegen und unterschrieben werden. Nachdem alle Unterschriften geleistet sind, fordert der russische Marschall Georgij Schukow die Deutschen auf, den Saal zu verlassen.
Text: André Bochow
2500 Tage lang gewartet
23 Uhr: Crailsheim
Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, am Vortag von Generaloberst Jodl in Reims, Frankreich, unterzeichnet, tritt offiziell in Kraft. Die Waffen schweigen, aber für Rosa Obenhuber aus Nesselbach bei Langenburg im Kreis Crailsheim ist der Krieg nicht vorbei. Ihr Leben kreist um eine Frage: Wo ist Alfred, wie geht es ihm?
Einen Monat früher, am 9. April 1945, haben die Amerikaner auf dem Vormarsch in Hohenlohe Phosphorgranaten auf Nesselbach abgefeuert. Ein Geschoss explodierte inmitten einer Gruppe spielender Kinder. Darunter: der sechsjährige Alfred, Rosa Obenhubers Sohn. Nachbarn bringen den schwerverletzten Buben in einen Keller. „Eine Weile lag das Kind hilflos da und schrie mit zerfetztem Mund immer wieder nach Wasser“, schrieb der Lehrer Werner Schmitt in seiner Kriegsende-Chronik. Ein belgischer Kriegsgefangener verband Alfred Obenhuber notdürftig, Stunden später nahm ihn ein US-Sanitätsauto mit, mutmaßlich ins Lazarett nach Mosbach.
Für die Mutter ist das Kriegsende der Beginn einer unendlich langen Zeit der Ungewissheit. Sie wird sich an den Suchdienst des Roten Kreuzes wenden, ans US-Hauptquartier in Heidelberg, an Verwandte in den USA – vergeblich. Alfred wird verschwunden bleiben, mehr als sechseinhalb Jahre lang. Erst im Dezember 1951 die Nachricht: Alfred ist bereits am 14. April 1945 in Hospital in Tauberbischofsheim gestorben, dort wurde er auch begraben.
Am 8. Mai 1945 bangt und hofft Rosa Obenhuber noch, wie an den rund 2500 folgenden Tagen.
Text: Sebastian Unbehauen

Grabmal des sechsjährigen Alfred Obenhuber auf dem Hauptfriedhof in Crailsheim
Harald ZiganDie Russen kommen
21 Uhr: Crailsheim/ Theresienstadt
Der erste Panzer der russischen Befreier rollt durch das Lager Theresienstadt im heutigen Tschechien, die Gefangenen begrüßen die Rote Armee mit Jubel. Unter ihnen ist Moritz Eichberg, ein Jude aus Michelbach/Lücke im Kreis Crailsheim.
Er hat die siebenfache Hölle auf Erden überlebt. Am 1. Dezember 1941 ist er mit seiner Frau Maximiliane und 16 anderen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Michelbach in das KZ Jungfernhof bei Riga verschleppt worden. Maximiliane Eichbergs Spuren verlieren sich dort, sie wurde ermordet. Moritz Eichberg selbst haben die Schergen des NS-Regimes zu schwerster Arbeit in den Konzentrationslagern von Salaspils und Kaiserwald bei Riga und im KZ Stutthof bei Danzig gezwungen. Weitere Stationen seines Leidenswegs waren das KZ Buchenwald bei Weimar und das Buchenwalder Nebenlager in Rehmsdorf, ehe er nach Theresienstadt verlegt wurde.
Jetzt also, endlich: die Befreiung.
Text: Sebastian Unbehauen

Mit einem unübersehbaren „J“ im Reisepass und mit dem Namenszusatz „Israel“ wurde der Viehhändler Moritz Eichberg aus Michelbach/Lücke in der NS-Zeit als Jude gebrandmarkt.
Stadtarchiv CrailsheimEr, der deutschnational denkende Veteran des Ersten Weltkriegs, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und der silbernen Militär-Verdienstmedaille des Königreichs Württemberg, hätte sich niemals vorstellen können, von seinem Heimatland derart entrechtet zu werden. Er ist geblieben, als viele Familienmitglieder aus dem Reich flohen. Trotz aller Verletzungen wird Moritz Eichberg auch nach dem Krieg nicht emigrieren, sondern in Hohenlohe wieder als Viehhändler arbeiten. Nur engsten Freunden wird er von seiner Odyssee erzählen.