Kriegsende vor 80 Jahren
: Warum die Erinnerung an 1945 heute wichtiger denn je ist

In vielen Artikel haben wir auf die Zeit zurückgeblickt, als Hohenlohe zur Front wurde und das alte Crailsheim starb. Warum? Weil aus dem Schrecken überlebenswichtige Einsichten erwuchsen.
Kommentar von
Sebastian Unbehauen
Crailsheim
Jetzt in der App anhören
Crailsheim: Zerstörung Crailsheim: Katharine Marie Koppenhöfer

Crailsheim im April 1945: Katharine Marie Koppenhöfer irrt mit Einkaufskorb und Milchkanne durch die Stadt, die ihre Heimat war – und jetzt fast total zerstört ist.

Stadtarchiv Crailsheim

Was schert mich das alte Zeug, wird mancher vielleicht denken, weil es jetzt wieder um den Krieg von vor 80 Jahren geht.

Es sollte uns scheren, heute mehr denn je. Weil aus dem Schrecken von damals, der Familien zerriss und das alte Crailsheim planierte, Einsichten erwuchsen, die Jahrzehnte des Friedens und des Wohlstands brachten: Dass man besser von Freunden als von Feinden umgeben ist, dass Macht eingehegt werden muss, dass internationale Zusammenarbeit zielführender ist als nationales Rambotum, dass Energie besser ins Aufbauen investiert wird als ins Zerschlagen. Diese Nachkriegsordnung kommt gerade an ihr Ende, und was daraus hervorgeht, weiß noch keiner.

Was aber schon sichtbar ist: Die „Unwohlwollenden“ (Rainald Goetz) mit der Lust am Einreißen, die nach gesellschaftlichen Rissen suchen, um den Spaltkeil einzutreiben, haben wieder Konjunktur. Wie damals, vor dem Ersten Weltkrieg, als nach Friedensjahrzehnten ein „reinigendes Gewitter“ herbeigesehnt wurde, dessen Blitze noch 1945 zischten und dessen Donner dumpf nachhallt.

„Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben“, schreibt der französische Autor Olivier Guez in dem Roman Das Verschwinden des Josef Mengele, „erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.“ Lassen wir es nicht zu. Erinnern wir uns daran, von wo wir kommen.

Die Artikel unserer Kriegsende-Serie: