Kriegsende vor 80 Jahren
: Ein Ende mit Schrecken: Flammen verzehren das alte Crailsheim

Vor 80 Jahren endet die „Schlacht um Crailsheim“. Das Städtchen versinkt im Feuer der Granaten. Auch Dörfer wie Brettheim und Oberspeltach werden in jenen Tagen fast ausradiert.
Von
Sebastian Unbehauen
Crailsheim
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Zerstörung Crailsheim: Blick vom Kirchplatz auf Stadttürme

Nach dem Beschuss vom 20. und 21. April 1945 liegt Crailsheim in Trümmern: Blick vom Kirchplatz auf Türme des Rathauses und der Liebfrauenkapelle.

Sammlung Dürr-Hebeiß
  • Vor 80 Jahren endete die Schlacht um Crailsheim. Die Stadt und umliegende Dörfer wurden zerstört.
  • NS-Propagandaminister Goebbels hielt eine Durchhalteansprache am 19. April 1945.
  • Crailsheim wurde von US-Truppen am 6. und 21. April erobert, große Zerstörungen folgten.
  • SS-Terror: Zahlreiche Hinrichtungen und Morde kurz vor Kriegsende.
  • Insgesamt starben etwa 1000 Menschen im Kreis Crailsheim.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Einen Tag, bevor das alte Crailsheim in Flammen versinkt, schallt eine halbstündige Ansprache von Joseph Goebbels aus den Volksempfängern. Der NS-Propagandaminister feuert am Vorabend des 56. Geburtstags Adolf Hitlers eine Kaskade von Durchhalteparolen ins militärisch darniederliegende Reich. „Prüfungen und Belastungen übermenschlicher Natur“ gegen „satanische Weltzerstörungskräfte“ seien zu bestehen, in einem „unvermeidlichen und unausweichlichen“ Kampf, salbadert er. In Gammesfeld und andernorts rückt am selben Tag die amerikanische Artillerie ein, um gewaltige Geschütze in Stellung zu bringen. 15 Granaten werden bald allein von Gammesfeld aus in Richtung Crailsheim fliegen. Goebbels aber verspricht: „Deutschland wird nach diesem Kriege nach wenigen Jahren aufblühen wie nie zuvor, seine zerstörten Landschaften und Provinzen werden mit neuen, schönen Dörfern bebaut werden, in denen glückliche Menschen wohnen.“

Hildegard Bartels von der Heldenmühle vor den Toren Crailsheims, damals 24, hat sich später gegenüber unserer Zeitung daran erinnert, wie sie an diesem 19. April 1945 mit den anderen Bewohnern von Heldenmühle und Aumühle sowie mit deutschen Offizieren am Küchentisch saß und Goebbels zuhörte. Die Militärs hätten mit den Köpfen geschüttelt, seien aufgestanden und aus dem Zimmer gegangen. Am nächsten Tag saßen Amerikaner am selben Tisch, Bartels‘ Schwester briet ihnen Rühreier.

Die Bedeutung Crailsheims

Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit rückt die US-Army auf Crailsheim vor. Bereits am 6. April ist das Städtchen erstmals eingenommen worden. „Wäre es bei dieser ersten Besetzung geblieben“, schreibt Stadtarchivar Folker Förtsch, „so wäre Crailsheim ein Beispiel für eine Stadt, die das Kriegsende glücklich überstanden hat“. Aber die Amerikaner haben mit Crailsheim nur eine Hürde hin zu einem größeren strategischen Ziel genommen, und die Deutschen wissen das. Noch einmal Förtsch: „Geplant war eine große Umfassungsbewegung über Crailsheim hinweg nach Westen, in Richtung Schwäbisch Hall und Backnang, durch die die gesamte deutsche Verteidigungslinie am Neckar-Jagst-Bogen eingekesselt und zum Einsturz gebracht werden sollte.“

Das rückte Crailsheim kurzzeitig ins Zentrum des Kriegsgeschehens. Die Deutschen warfen im Sinne eines finalen, sinnlosen Aufbäumens alle verfügbaren Kräfte zusammen, um den amerikanischen Vorstoß Richtung Ulm, Augsburg und München zu stoppen. Tatsächlich gelang am 10./11. April die Rückeroberung der Stadt – ein einmaliger Erfolg in dieser Spätphase des Zweiten Weltkriegs, der entsprechend propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Das Regime stilisierte die „Schlacht um Crailsheim“ zur entscheidenden Endkampf-Etappe. Für die Amerikaner war es ein kleines Stolpern, für Crailsheim sollte sich die Entwicklung zur historischen Katastrophe auswachsen.

Befestigung der Stadt „absurd, ja verbrecherisch“

Eine friedliche Übergabe der Stadt, in der am Ende nur noch 540 bis 700 Menschen ausharren, würde angesichts der großen überregionalen Aufmerksamkeit und der lang anhaltenden Präsenz der SS großen Mut erfordern. Und die militärische Befestigung Crailsheims nach der Rückeroberung nennt Förtsch angesichts der tatsächlichen Kräfteverhältnisse „absurd, ja verbrecherisch“.

Crailsheim ist bereits am 23. Februar Ziel eines großen US-Luftangriffs geworden, in den Wochen vor dem 20. April kam es ebenfalls immer wieder zu Bombenabwürfen. Die Stadt ist also bereits stark beschädigt. Jetzt wird sie endgültig in Schutt und Asche gelegt. Die US-Luftwaffe macht den Auftakt, Großbrände fressen sich durch die Straßen und können nicht mehr gelöscht werden. Es folgt stundenlanges Artilleriefeuer. US-Einheiten rücken am späten Nachmittag bis an die Stadtgrenzen heran. Die deutschen Truppen sind da schon Richtung Ellwangen abgezogen, haben vorher die Jagstbrücke, die Eisenbahnbrücke und die Viadukte an der Haller Straße und an der Gaildorfer Straße gesprengt. Gegen Abend schießt die US-Artillerie weiter massiv mit Phosphorgranaten in die Stadt hinein. „Dann sahen wir es: ein riesiges Feuermeer“, erinnerte sich Hildegard Bartels von der Heldenmühle im Jahr 2015. „Und der Rauch stand wie ein Pilz über der Stadt.“

Der Beschuss dauert bis in die frühen Morgenstunden an. Danach ist der Krieg vorbei. Die Crailsheimer Innenstadt gleicht einer Trümmerwüste, 90 Prozent der Gebäude sind zerstört.

Detailliert dokumentiert die Erinnerungsstätte „Männer von Brettheim“ die Tragödie des Dorfes: Unvergessen sind in Brettheim die dramatischen Ereignisse am Kriegsende 1945, als in dem Dorf in der Landwehr nach der Entwaffnung von „Hitlerjungen“ nicht nur die drei Männer des Dorfes am 10. April 1945 von der SS ermordet wurden, sondern eine Woche später auch das Dorf bei völlig sinnlosen Kämpfen zwischen der deutschen Wehrmacht und der US-Armee in Schutt und Asche gelegt und weitere 19 Menschen getötet wurden.

Brettheim nach dem Beschuss am 17. und 18. April 1945.

Erinnerungsstätte Brettheim

Nicht nur Crailsheim ist kaputtgeschossen und niedergebrannt, auch viele Dörfer liegen waidwund in der Frühlingslandschaft. Brettheim beispielsweise, wo nach den Morden an drei Bürgern niemand mehr die weiße Flagge zu zeigen wagte: US-Bomben und deutsche Granaten haben am 17. und 18. April 75 Prozent aller Häuser und Höfe zerstört, 19 Menschen sind an den zwei Tagen gestorben.

„Unglaublicher Feuersturm“

Oberspeltach wird noch am 21. April, dem letzten Tag der Kampfhandlungen in Hohenlohe, zum Angriffsziel aus der Luft. Gegen 10 Uhr werfen vier US-Jagdbomber ihre tödliche Fracht ab. „Brennender Phosphor lief durch die Straßen, die Häuser standen sofort in Flammen, ein unglaublicher Feuersturm fegte durch die Gassen – und danach herrschte Totenstille“, so erinnerte sich später Friedrich Frank, damals ein 14-jähriger Bub aus dem Ort.​

Frankenhardt: Luftbild US Air Force nach dem Luftangriff vom 21. April 1945 auf Oberspeltach

Frankenhardt: Luftbild US Air Force nach dem Luftangriff vom 21. April 1945 auf Oberspeltach

Us Air Force

Etwa 1000 Menschen sind zwischen dem 6. und dem 21. April 1945 bei den Kämpfen im Kreis Crailsheim gestorben, darunter mindestens 50 Kinder.

Kurz vor Kriegsende zieht die SS mordend durch Hohenlohe

Nicht nur das unmittelbare Kriegsgeschehen machte den Menschen im April 1945 zu schaffen, sondern auch der Endzeitterror der SS. Über die Schicksale der erhängten Männer von Brettheim und der sechs Erschießungsopfer von Kirchberg hat unsere Zeitung in den vergangenen Tagen berichtet. Der Kaufmann Wilhelm Daunke wurde am 13. April 1945 im Drachenwald bei Wallhausen hingerichtet, die Täter sind unbekannt. In Rot am See erschossen SS-Männer am 14. April den ukrainischen Zwangsarbeiter Roman Baran und erhängten einen Tag später seinen 15-jährigen Sohn Wasylus an einem Birnbaum. Am 15. April wurde der Landwirt Friedrich Gerlinger aus Obereichenrot erschossen. Karl Happold aus Sattelweiler ist am 19. April durch mindestens drei Genickschüsse getötet und 100 Meter entfernt vom Satteldorfer Ortseingang tot zurückgelassen worden. Der Dreher bei Bosch und fünffache Familienvater stand wegen seines „kommunistischen Weltbilds“ auf der schwarzen Liste des Regimes. Ihm wurde vorgeworfen, den Amerikanern am 6. April den Weg nach Neidenfels gewiesen zu haben. Ebenfalls am 19. April wurde in Lautenbach der Bauer Friedrich Späth auf einer Wiese Richtung Wildenstein mit drei Kopfschüssen getötet. Auf seinem Leichnam ein Plakat: „Ich wurde wegen Verleumdung und Verrat deutscher Menschen an den Feind erschossen.“

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