TAGBLATT-Weihnachtsspendenaktion
: Region der Lebensretter: Das Equipment fehlt, um Leben zu retten

Das System und die Idee dahinter sind relativ simpel: Mithilfe einer App und freiwilliger Ersthelfer soll die Zeit, bis der Rettungsdienst eintrifft, überbrückt werden. Robert Wunderlich und Martin Gneiting haben das System nach Tübingen geholt.
Von
Lisa Maria Sporrer
Tübingen
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Wochengäste Weihnachtsspendenaktion Lebensretter

Der Arzt Robert Wunderlich (links) und der Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes Martin Gneiting haben die Lebensretter in die Region gebracht.

Carolin Albers
  • Projekt „Region der Lebensretter“ in Tübingen: App und Ersthelfer überbrücken Zeit bis Rettungsdienst eintrifft.
  • Über 70.000 Herz-Kreislaufstillstände in Deutschland jährlich, schnelle Hilfe ist entscheidend.
  • Nur 30 von 200 Defibrillatoren im Landkreis sind rund um die Uhr zugänglich.
  • 1200 Lebensretter seit September registriert.
  • Spendenaufruf für mehr AEDs und Outdoor-Boxen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Drei Minuten, da war der erste Helfer da. Der zweite kam kurz danach. Vier Lebensretter wurden am 15. Oktober in Bodelshausen alarmiert, sie hielten die Frau am Leben, bis der Rettungsdienst eintraf. Die Geschichte, die Robert Wunderlich und Martin Gneiting erzählen, ist wahr. Und sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie sinnvoll das Projekt „Region der Lebensretter“ ist.

Robert Wunderlich ist Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, außerdem leitender Notarzt der Uniklinik Tübingen. Martin Gneiting ist Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes. Die Berührungspunkte sind offensichtlich. Beide wollen Leben retten. Und das möglichst effektiv. Deshalb machten sie sich auch zusammen nach Freiburg auf, dort gründete sich 2017 der Verein Region der Lebensretter. Wunderlich und Gneiting wollten, zusammen mit der Notärztin Lisa Federle, das System, das dahintersteckt, auch für den Landkreis Tübingen.

Der plötzliche Herztod ist eine der häufigsten Todesursachen

Das System und die Idee dahinter sind relativ simpel: Mithilfe einer App und freiwilliger Ersthelfer soll die Zeit, bis der Rettungsdienst eintrifft, überbrückt werden. Nicht bei jedem Unfall, es geht um den plötzlichen Herztod. Denn der plötzliche Herztod ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Über 70.000 Menschen erleiden hierzulande jedes Jahr einen Herz-Kreislaufstillstand, sagt Robert Wunderlich. Die meisten sterben daran, weil die Hilfe zu spät eintrifft. Und selbst wenn sie überleben: Wenn das Gehirn ein paar Minuten lang nicht durchblutet wird, kann es unheilbare Schäden nehmen. Und ein Krankenwagen kommt eben nicht innerhalb von ein paar Minuten auf einem kleinen Dorf, weit weg von der Klinik, an.

Deshalb funkt mit der neuen Lebensretter-App die Rettungsleitstelle bei einem Verdacht auf Kreislaufstillstand mit dem neuen System nicht nur Notarzt, Rettungswagen und die „Helfer vor Ort“ an, sondern sucht per Lebensretter-App auch Ersthelfer in der Nähe des Notfalls. Die zwölf Ersthelfer, die sich am nächsten am gemeldeten Notfall befinden, werden ebenfalls alarmiert. Die vier, die sich am schnellsten zurückmelden, werden von der App zum Ort des Einsatzes geführt. Die Aufgaben für die Ersthelfer sind klar verteilt: Die ersten beiden, die dort eintreffen, sollen am Patienten eine Herzdruckmassage durchführen. Aufgabe des Dritten ist es, sich um einen Defibrillator zu kümmern, der Vierte ist dafür zuständig, den Rettungsdienst einzuweisen.

Einen Fehler im System gibt es aber noch und deshalb haben sich Robert Wunderlich und Martin Gneiting für die Weihnachtsspendenaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs beworben. Der dritte Lebensretter, der den Defibrillator mitbringt, muss teils lange Umwege fahren, um an einen heranzukommen. Von den derzeit etwa 200 registrierten Defibrillatoren im Landkreis sind nämlich nur lediglich 30 rund um die Uhr zugänglich. Die übrigen Geräte sind innerhalb von Gebäuden installiert und nur während der Öffnungszeiten von Firmen, Geschäften oder Sportvereinen erreichbar. Ein „Automatisierter Externer Defibrillator“ (AED) ist bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand aber überlebenswichtig. Im besten Fall schlägt nach einem gezielten Elektroschock durch einen AED das Herz wieder normal.

Schon 1200 Lebensretter

„Es gibt im Landkreis Tübingen regelrechte graue Flecken“, sagt Martin Gneiting. Am Österberg etwa gebe es keinen einzigen öffentlichen Defibrillator, in Teilgemeinden von Rottenburg auch nicht. Bis der dritte Helfer also den AED geholt hat, ist vermutlich der Rettungsdienst schon da. Deshalb sollen Firmen und Vereine bei der Anschaffung spezieller Outdoor-Boxen unterstützt werden, mit denen vorhandene AEDs außerhalb der Gebäude installiert werden können. Weiter sollen in Gebieten AEDs finanziert werden, wo sie bisher gänzlich fehlen.

Zur „Region der Lebensretter“ konnte der Landkreis nur dank Spenden und Zuschüsse werden: der Diözese Rottenburg, der Stadt Tübingen, dem Landkreis Tübingen und dem Rotary Club Tübingen.  Die Spenden sind nun aber beinahe aufgebraucht. Zukünftig muss jedoch mit rund 20.000 Euro jährlicher laufender Kosten gerechnet werden und die erhofften weiteren 50 AED-Standorte werden ebenfalls rund 200.000 Euro kosten. „Gerade jetzt wäre es wichtig, das Projekt leben zu lassen, nachdem es so gut angelaufen ist“, sagt Robert Wunderlich. Seit dem Start im September haben sich schon 1200 Retter registriert. Auch dank ihrer hat die Frau aus Bodelshausen ohne bleibende Schäden überlebt.

Für vier Projekte kann gespendet werden

Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Vermerken Sie, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen, und fügen in diesem Fall Ihre vollständige Adresse hinzu. Wollen Sie ein bestimmtes Projekt unterstützen (Projekt 1 „Zauberformel“, Projekt 2 „Defibrillator“, Projekt 3 „Seniorenmobil“ oder Projekt 4 „Café Frieda“), bitten wir um einen entsprechenden Vermerk. Wegen der Datenschutzgrundverordnung werden die Namen der Spender in der Zeitung nicht mehr veröffentlicht.

Martin Gneiting

1982 in Nürtingen geboren, trat Gneiting früh der Jugend des Deutschen Roten Kreuzes bei. Mit 16 Jahren trat er in den Sanitätsdienst ein. Es folgte eine Ausbildung zum Industriekaufmann, Zivildienst beim DRK und eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Erst war er Lehrrettungsassistent, wechselte dann an die Landesschule des DRK als Dozent, kam 2012 aber zurück nach Tübingen. 2017 wurde er Kreisgeschäftsführer und Rettungsdienstleiter beim DRK.

Robert Wunderlich

1986 in Heilbronn geboren, studierte in Berlin und Tübingen Medizin und ist am Universitätsklinikum mittlerweile Oberarzt für und Notfallmedizin und Katastrophenmedizin. Im Landkreis Tübingen ist er außerdem leitender Notarzt (seit 2022) und Sprecher der Leitenden Notarzt-Gruppe (seit 06/2024). Für die Weltgesundheitsorganisation WHO war er Berater der Covid-Kliniken in Ost- und Westafrika und er ist Gründer und erster Vorsitzender von „Schenke eine Ziege e.V.“ mit 450 Vereinsmitgliedern in Deutschland und 5000 Menschen in Uganda inklusive 15 Einsätze vor Ort (www.Schenke-eine-Ziege.de).