Unfälle im Minutentakt
: Glatteis in der Region – Polizei meldet über 200 Unfälle

Gefrierender Nieselregen verwandelt am Mittwochmorgen viele Straßen und Gehwege in den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und dem Zollernalbkreis in spiegelglatte Rutschbahnen. Die Polizei rät dringend: Bleiben Sie möglichst zu Hause.
Von
Jonas Bleeser
Reutlingen/Tübingen/Zollernalbkreis
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Gefährliche Glätte: Auf einer Straße hat sich eine Eisschicht gebildet.

Gefährliche Glätte: Auf einer Straße hat sich eine Eisschicht gebildet.

Jonas Bleeser
  • Glatteis sorgt für zahlreiche Unfälle in der Region Reutlingen/Tübingen/Zollernalbkreis.
  • Gefrierender Regen bildet eine Eisschicht auf Straßen, Gehwegen und Autos.
  • Polizei meldet seit 5 Uhr unzählige Unfälle, vor allem Blechschäden, auch Leichtverletzte.
  • Polizei rät dringend, zu Hause zu bleiben und Geduld bei Unfallmeldungen zu haben.
  • Streudienste sind im Dauereinsatz, Anlieger sollen Gehwege streuen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es ist eine besondere Wetterkonstellation – und sie ist gefährlich: Am frühen Mittwochmorgen, 15.1.2025, zieht von Norden eine Warmfront über die Region, die Regen und Sprühregen mit sich bringt. Der fällt auf kalte Böden und gefriert, es bildet sich eine Glatteisschicht – und das flächendeckend. Auf geparkten Autos kann man zuschauen, wie sich das Eis auf den Scheiben bildet.

Über 200 Auto-Unfälle bis 10 Uhr

„Seit 5 Uhr gehen die Unfälle bei uns im Minutentakt ein“, sagt Polizeisprecher Michael Schaal vom Reutlinger Präsidium. Betroffen sind alle vier Landkreise des Präsidiumsgebiets, also Tübingen, Reutlingen, Esslingen und der Zollernalbkreis.

In einer vorläufigen Bilanz meldet die Polizei für die Region 205 Unfälle zwischen 5.20 Uhr und 10 Uhr. Bereits gegen 8.30 Uhr waren es über 100 gewesen. Der Sachschaden summiert sich auf etwa eine Million Euro. Bei neun der Unfälle wurden insgesamt elf Menschen verletzt. Nicht mitgezählt sind gestürzte Fußgänger und zu Sturz gekommene Zweiradfahrer, die vom Rettungsdienst versorgt wurden.

Die Streudienste seien bereits seit der Nacht im Dauereinsatz, aber überall können sie nicht sein. „Es ist eine extreme Glätte in einem riesigen Bereich.“ Der dringende Rat der Polizei:  „Bleiben Sie wenn möglich zu Hause“, sagt Schaal.

Polizei bittet um Geduld – Massenkarambolage auf B27

Wer nach einem Unfall die Polizei anfordert, braucht viel Geduld: „Wir sind mit allen verfügbaren Kräften draußen“, sagt Schaal, „aber wir müssen auch anfahren – und das dauert bei diesen Straßenverhältnissen“. Wer auf den Straßen unterwegs ist, solle sehr vorsichtig und langsam fahren.

Auch nach kleineren Unfällen bildeten sich teils zähe Staus auf den Straßen. Auf der B27 zwischen Mössingen und Hechingen stand der Verkehr an verschiedenen Stellen in beiden Fahrtrichtungen. Grund war unter anderem eine Massenkarambolage mit 21 Fahrzeugen bei Hechingen.

Im Bahnverkehr in der Region kam es dagegen nur zu kleineren Verspätungen. Allerdings war für Reisende trotzdem Vorsicht geboten: Längst nicht alle Bahnsteige sind gestreut.

In Tübingen wird seit 4 Uhr gestreut

Um 4 Uhr in der Früh sind in Tübingen die Kommunalen Servicebetriebe (KST) mit Streufahrzeugen ausgerückt, um Salz zu streuen. „Und um 7 ging das Chaos los“, sagt KST-Leiter Stefan Kraus. Dann sei die Feuchtigkeit und mit ihr das Eis gekommen – ausgerechnet im Berufsverkehr. „Wir streuen gerade nur die wichtigsten Straßen und Fahrradwege, alles andere geht nicht.“ Eine Runde nach der anderen wurde gefahren, pro Quadratmeter wurden 20 Gramm Salz gestreut. „Das ist richtig viel“, so Kraus. Trotzdem sei das Eis nicht weggegangen, erst gegen 10.30 Uhr habe sich die Lage entspannt. Trotzdem streuen die KST bis 12 Uhr weiter.

Kraus selbst war im Homeoffice. Er sei nicht weggekommen aus dem Wohngebiet in Rottenburg, wo er lebt. „Da wird nicht gestreut.“ Er riet auch allen anderen, möglichst zuhause zu bleiben. „Das ist richtig gefährlich draußen.“

Tübingen hat einen Räumplan, der online einzusehen ist (www.tuebingen.de/winterdienst). In ihm sind Straßen rot und blau markiert. Die rot markierten Straßen und Radwege haben Priorität und werden zuerst gestreut, erst danach folgen die blauen. Diese zu streuen, haben die KST am Mittwoch aber nicht geschafft.

Rettungsdienste: Zahlreiche Einsätze wegen Stürzen

Die Rettungsdienste sind ebenfalls im Dauereinsatz. In Tübingen beispielsweise wurden die Retter am Morgen bereits über 30 Mal alarmiert. Häufig ging es nach Auskunft der integrierten Leitstelle von Feuerwehr und Rotem Kreuz um Kopfverletzungen nach Stürzen oder um Brüche. Mit der Witterung hatten die Helfer selbst zu kämpfen: Ein Rettungsfahrzeug hatte einen Unfall, zwei weitere kamen auf den nicht geräumten Nebenstraßen nicht mehr vom Fleck und fielen aus. In Tübingen helfen die Hauptamtlichen der Feuerwehr deshalb bei der Erstversorgung von Verletzten mit.

Auch in den Krankenhäusern herrscht Hochbetrieb: Dreimal so viele Patienten wie normal musste die Tübinger BG Klinik bewältigen. „Die Rettungswagen fuhren ab 7.30 Uhr fast minütlich vor und machten sich mit Blaulicht gleich wieder auf den Weg zum nächsten Unfall“, berichtete Eva Schneider, Leiterin der Unternehmens­­kommunikation. Bis 10.30 Uhr waren es schon 83 Personen, aber auch danach trafen noch ständig neue Patienten ein.

Das Klinikum am Steinenberg in Reutlingen musste am Mittwochmorgen ebenfalls etliche verletzte Menschen behandeln, die bei Glatteis gestürzt waren. Vor der Notaufnahme reihten sich die Rettungswagen aneinander. „Die Notaufnahme ist sehr, sehr voll“, sagt Kliniksprecher Christian Hirtz gegenüber unserer Zeitung. „Wir haben definitiv überproportional viele Kopfverletzungen, Arm- und Beinbrüche; von Jung bis Alt.“

Achtung Glatteis! Die besten Tipps für Fußgänger

Glatte Straßen bedeuten nicht nur für Autofahrer eine erhöhte Unfallgefahr. Auch Fußgängerinnen und Fußgänger müssten aufpassen, nicht auszurutschen. Um das Risiko zu minimieren, helfen ein paar einfache Tricks.

  • Gängiger Tipp ist der sogenannte Pinguin-Gang. Am sichersten ist es bei Glatteis so zu gehen, wie die antarktischen Tiere. Statt den Körperschwerpunkt immer in der Mitte zwischen beiden Beinen zu halten, wie es im normalen Gang der Fall ist, sollte man bei Glatteis den Körperschwerpunkt immer auf das Bein verlagern, das gerade auf dem Boden ist. Die Füße sollten dabei immer mit ganzer Sohle aufgesetzt und leicht nach außen gedreht sein – wie ein Watschel-Schritt. Nicht schön, aber stabil.
  • Was das Schuhwerk betrifft, ist eine gute Sohle von Vorteil, denn je glatter die Sohle, desto höher ist die Rutschgefahr. Noch besser sind Spikes oder – als heißer Insider-Tipp – Wollsocken. Letztere einfach über die Schuhe ziehen, sie haften besser auf dem Boden als die blanke Schuhsohle.
  • Langsam und besonders aufmerksam laufen!
  • Hände aus den Taschen! Das hilft, um das Gleichgewicht zu halten und bei Bedarf mit Ausgleichsbewegungen der Arme reagieren zu können.
  • Ältere und gangunsichere Menschen bleiben bei Glatteis am besten zu Hause.
  • Hilft das alles nicht und ein Sturz ist unvermeidbar, gibt es dennoch ein paar Tipps, um die Verletzungen gering zu halten: Die Unterarme sollten als Schutz vor das Gesicht gehalten werden, die Hände als Verlängerung über den Kopf. Das schützt Nase und weitere Gelenke. Bei einem Fall nach hinten hilft es, den Rücken zu krümmen und den Aufprall somit abzumildern. Gegenstände in den Händen sollten losgelassen werden.
  • Last but not least hilft festhalten – an einer Häuserwand, einem Geländer oder einer anderen Person.