Tübingen
: Robert Habeck hielt „Rede des Jahres“

„Zeitgemäße Inszenierung“: Die Tübinger Rhetoriker zeichnen Robert Habecks Video-Ansprache nach dem Hamas-Überfall als „Rede des Jahres“ aus.
Von
Ulrich Janßen
Tübingen

Robert Habeck.

BMWK/Youtube

Die Entscheidung fiel einstimmig, und sie war nicht wirklich überraschend: Die Tübinger Rhetoriker küren in diesem Jahr Robert Habeck zum Redner des Jahres. Der Wirtschaftsminister und Vizekanzler habe mit seiner Videoansprache vom 1. November ein „Musterbeispiel für eine engagierte und bedeutsame politische Rede“ geliefert. Habeck hatte auf der Plattform X (früher Twitter) das Existenzrecht Israels verteidigt.

Für sein knapp zehnminütiges Video, das auch auf Youtube gestellt wurde, bekam der Grünenpolitiker Lob aus allen politischen Lagern. In den sozialen Netzwerken wurde es millionenfach abgerufen und heftig gelikt. Der Wirtschaftsminister hatte, mit Verweis auf den Holocaust, betont, dass Deutschland für die Sicherheit Israels und für die Sicherheit der Juden im Land in besonderem Maße verantwortlich sei. Er forderte muslimische Verbände in Deutschland auf, sich klar von der Hamas und ihrem Überfall zu distanzieren: „Antisemitismus ist in keiner Gestalt zu tolerieren - in keiner.“

Mit seiner Rede habe der grüne Minister, so die 12-köpfige Jury in ihrer Begründung, die Lage analytisch geordnet und „durch tagesaktuelle und persönliche Beispiele“ Anschaulichkeit erzeugt. „Mit Kürze und Klarheit in Wortwahl und Satzbau präsentiert Habeck ein unmissverständliches Statement in einer schwierigen Problemlage“, hieß es. Er biete damit politische Führung. Kritik, auch ins eigene politische Milieu, werde nicht ausgespart, und auch das Leid der Menschen in Gaza und der Schutz der Zivilbevölkerung sei angesprochen worden.

Die Jury schreibt weiter: „Mit seiner Ansprache tritt Robert Habeck als mitfühlender Denker auf, als Politiker und Mitbürger, der seinem persönlichen Anliegen Ausdruck verleihen will. Er artikuliert Gefühle wie Angst, Schmerz und Verzweiflung überzeugend und authentisch. Er kombiniert Emotionen und Argumente zu einer überaus wirkungsvollen Rede, die in eindrückliche Appelle mündet.“

Die Rede sei auch rhetorisch bedeutsam, betonen die Juroren. Habecks Worte wirkten eindringlich, „weil sie durch den Einsatz rhetorischer Stilmittel, Parallelismen, Wiederholungen und Antithesen den Inhalt hervorheben“. Habecks Text sei „bewusst komponiert“ und wirke trotzdem natürlich.

Dass die Rede in Smartphone-Optik und in den sozialen Netzwerken veröffentlicht wurde, wertete die Jury ebenfalls positiv. Die „zeitgemäße Inszenierung“ habe zur „hohe publizistischen Wirkung“ beigetragen. „Mit seiner Nahaufnahme im Hochformat und mehrsprachigen Untertiteln verbindet es klassische und moderne Elemente der überzeugenden Rede und weist auf eine Veränderung der Rede- und Debattenkultur hin.“

Meist werden Reden vor Publikum gehalten, der Redner kann die Reaktionen aus dem Publikum aufgreifen, seine Wort und seinen Auftritt korrigieren und kann, weil Ort und Zeit klar definiert sind, Authentizität erzeugen.

Für den Rhetorik-Professor Dietmar Till, den Sprecher der Jury, ist das Format, das Habeck wählte, deshalb besonders interessant: „Wir beobachten diese Transformation der Redekultur genau.“ Es sei „eine neue Form, sich auf der Bühne zu zeigen“. Man sehe Habecks ganzen Oberkörper, „das ist eher unüblich“. Auch Politiker wie Christian Lindner nutzten zunehmend solch neuartige Formate. Habecks Inszenierung wirke, obwohl sie zweifellos genau durchdacht sei, improvisiert und dadurch sehr authentisch. Der Minister scheine frei zu sprechen, obwohl er, wie Till glaubt, von einem Monitor abliest („die Rede war über neun Minuten lang“).

Dass die Wahl in diesem Jahr auf Habeck fiel, sei „nicht wirklich überraschend, fast schon ein bisschen langweilig“, meinte Till. Es seien aber acht Reden in die engere Auswahl aufgenommen worden. Einen Pokal oder eine Urkunde bekommen die Geehrten üblicherweise nicht. Die Rhetoriker würden aber, erklärte Till dem TAGBLATT, das Ministerium noch per Mail von der Ehrung in Kenntnis setzen. Man hoffe auch, Habeck zu einer Rede in Tübingen bewegen zu können. Ehrlicherweise müsse man aber sagen: „Das klappt eher selten.“

Über die Rede des Jahres

Seit 1998 küren die Tübinger Rhetoriker jedes Jahr eine „Rede des Jahres“. Kriterien der Jury sind neben der Wirkungsmächtigkeit der Rede auch die argumentative Leistung und die stilistische Qualität des Redners. Bewertet werde „das gesamte rhetorische Kalkül des Redners“, heißt es. Ausgezeichnet wurden bislang unter anderem Martin Walser, Joschka Fischer, Papst Benedikt, Rainald Goetz, Gregor Gysi und Angela Merkel. Die Rede des Jahres 2022 hielt Luisa Neubauer.