Nachruf Winfried „Gofy“ Gaus
: Er machte Zeitung in Tübingen und Horb – mit Gelassenheit und Leidenschaft

Vier Jahrzehnte lang prägte Winfried Gaus mit unermüdlichem Einsatz die Tageszeitungen in Tübingen und Horb. Er starb nach langer Krankheit am vergangenen Donnerstag im Alter von 67 Jahren.
Von
Hans-Jörg Schweizer
Tübingen/Horb
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Winfried (Gofy) Gaus, Schwäbisches Tagblatt, Chef vom Dienst, 26.09.2019

Nur so kannte man ihn: Winfried „Gofy“ Gaus mit einem seiner ungezählten KTM-Pullis.

Ulrich Metz/Archiv
  • Nachruf auf Winfried „Gofy“ Gaus: Er prägte vier Jahrzehnte TAGBLATT und NECKAR-CHRONIK.
  • Er starb am Donnerstag nach langer Krankheit im Alter von 67 Jahren in Tübingen/Horb.
  • Stationen: Redakteur in Sulz, Leiter in Horb, später Chef vom Dienst in Tübingen.
  • Bekannt für Gelassenheit, Pragmatismus und Loyalität – ein „Fels in der Brandung“.
  • Privat liebte er Motorräder und Reisen; zuletzt kämpfte er mit einer Krebs-Diagnose.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Winfried Gaus lebte für die Zeitung. Kaum einer kannte das SCHWÄBISCHE TAGBLATT so gut wie er. Und kaum einer hat so lange für den Verlag gearbeitet. Fast vier Jahrzehnte war er kaum wegzudenken aus den Redaktionen des TAGBLATTs und der NECKAR-CHRONIK: als Redakteur in Sulz, als Reaktionsleiter in Horb und als Chef vom Dienst in Tübingen. Am Donnerstag, 28. Mai, ist er nach langer Krankheit gestorben.

Gaus, geboren 1958, wuchs in Sulz am Neckar auf – der Vater war Schreiner, die Mutter Krankenschwester – und beide waren Zeugen Jehovas. Deren Gemeinde setzte große Hoffnungen auf den wortgewandten jungen Mann, aber mit 18 Jahren kehrte er den Zeugen den Rücken. Diese  Zeit hat ihn geprägt, wie seine Frau Angelika Bachmann sagt. Daher seine Freiheitsliebe und seine Abneigung gegen Hierarchien.

In seiner Jugend spielte Gaus, den eigentlich alle nur „Gofy“ nannten, Fußball, später Handball. Beim TV Sulz brachte er es vom Kreisläufer bis zum Abteilungsleiter. Nach dem Hauptschulabschluss baute er sein Abi am Technischen Gymnasium, machte Zivildienst und einen kurzen Anlauf als Student der Politik und Geografie in Tübingen. Dann wandte er sich doch wieder seiner Leidenschaft fürs wohlgewählte Wort zu: Während seines Volontariats Ende der 1970er Jahre lernte Gaus so ziemlich jede Landredaktion des Schwarzwälder Boten kennen, wo er schon als Volo im Alleingang Personalausfälle ausputzte. Eine Erfahrung, die ihn früh dazu zwang, seine Managementfähigkeiten zu entwickeln.

1982 wechselte Gaus zur SÜDWEST PRESSE. Erst als freier Mitarbeiter in seiner Heimatstadt Sulz, dann 1983 als Lokalredakteur bei der NECKAR-CHRONIK in Horb. 1992 übernahm er als verantwortlicher Redakteur die Leitung der Redaktion in der Horber Schillerstraße und prägte fast 20 Jahre lang den volksnahen Stil dieser Lokalzeitung. Seine Bürotür stand immer offen, nicht nur für die Kollegen, auch für all die Leute aus der Stadt, die regelmäßig bei ihm hereinschneiten und ihm bei einem Schwatz die besten Themen lieferten.

Der Geruch von Benzin

Privat liebte Gofy den Geruch von Benzin, wie er selbst bekannte. Über Suzuki und BMW kam er Anfang der Neunziger zu Motorrädern der österreichischen Marke KTM. Und wenn er sich einer Sache annahm, dann ganz und gar. So sah man ihn fortan nur selten in anderer Kleidung als im KTM-Shirt. Auch seine Leidenschaft für die österreichische Presselandschaft, besonders für die oft knackig formulierten Kolumnen, ist legendär bei allen, die in seinem Whatsapp-Verteiler waren.

Für seine Motorrad-Passion nutzte er oft die Landstraßen im Verbreitungsgebiet der NECKAR-CHRONIK, machte Touren in die Kreise Freudenstadt und Rottweil. Gern mit einer Rast in abgelegenen Schwarzwalddörfern und bei fernen Vereins-Hocketen. Gaus kannte nicht nur jeden Flecken und jede Dorfwirtschaft des Nordschwarzwaldes. Im Urlaub bereiste er aller Herren Länder vom Nordkap bis an die Grenze zum Iran auf zwei Rädern.

Der Urlaub war die einzige Zeit im Jahr, zu der Gaus wirklich weg war. In der Redaktion war er sonst fast immer morgens der Erste und abends der Letzte. So manchen Fehler im Blatt korrigierte er gerade noch rechtzeitig vor Andruck. Davon erfuhren die Redakteure erst am nächsten Morgen, wenn sie einen Ausdruck ihres Artikels mit rotem Kringel auf dem Tisch hatten. Darunter die Abrechnung für die Korrektur in letzter Minute: ein Weizenbier beim Stammtisch in der Kneipe. Und wenn doch mal etwas draußen bei den Lesern für Ärger sorgte, dann stellte sich Gaus unbeugsam vor seine Leute. Überhaupt hatte er ein Herz für seine Mitmenschen. Nicht nur einmal spendete er großzügig für Bedürftige – meist ganz uneitel, anonym.

Fels in der Brandung

Anfang der Neunzigerjahre zog es Gaus in den Kreis Tübingen: Der Liebe wegen siedelte er nach Rottenburg über. Beruflich holte der Verlag ihn 2013 in die Zentrale in der Tübinger Uhlandstraße, von wo er neben Horb die Außenredaktionen Rottenburg und Mössingen leitete. Kurze Zeit später wurde er in Tübingen Chef vom Dienst, kümmerte sich um all das, was bei einer Zeitung im Hintergrund zu managen ist, hielt den Kontakt zu den anderen Abteilungen, zum Druckhaus, zur Mantelredaktion in Ulm. Und er kümmerte sich mit Leidenschaft um die Leserbriefseiten. Nicht selten hörte man ihn – in deutlichem, aber immer respektvollem Ton – mit Leuten telefonieren, die womöglich über die Grenzen des Presserechts hinausgeschossen waren.

Fragt man Kollegen, die er gern mit „Meischter“ oder „Liebschte“ ansprach, nach seinen Stärken, dann hört man oft das Wort Gelassenheit. „Winfried Gaus war in der Redaktion über Jahrzehnte ein Fels in der Brandung“, sagt Matthias Stelzer, einst Kollege beim TAGBLATT und heute stellvertretender Chefredakteur der SÜDWEST PRESSE in UIm. „Reichlich Pragmatismus, wenig Eitelkeit – und dazu, wenn es die Situation erforderte, jede Menge Witz und Selbstironie. Gofy stand fürs Funktionieren und die Loyalität zu seiner Aufgabe – beides brauchen Redaktionen.“

Gaus hörte sich alle Sorgen und Nöte an, berufliche und private. Meist fand er pragmatische Lösungen, an die vorher niemand gedacht hatte. „Herr Gaus war sich für nichts zu schade“, sagt die langjährige TAGBLATT-Verlegerin Elisabeth Frate. Er habe auch wirtschaftlich gedacht und öfter mal höchstpersönlich einen neuen Abokunden geworben. „Ich habe ihn wirklich sehr geschätzt – er war einer meiner Lieblingsmitarbeiter.“

Bis Mai 2020 arbeitete Winfried Gaus mit voller Kraft. Dann kam die Krebs-Diagnose. Von einem Tag auf den anderen war er verschwunden. Es waren die Corona-Jahre, Besuche in der Klinik waren nicht möglich. Umso mehr zog es ihn nach der Entlassung in die Ferne. Mit Frau, Kind und Hund im Wohnmobil. Er wäre so gern noch einmal in die Pyrenäen gefahren. Noch vergangenen Herbst kaufte er sich ein neues Motorrad. Noch drei Wochen vor seinem Tod schraubte er im Hof daran herum – in der Hoffnung, der Krebs würde ihn noch mal eine Runde drehen lassen.