Nach Jahrzehnten im Archiv der Universität Tübingen: Forscher entdecken neue Riesenassel-Art aus Puerto Rico

Die Wissenschaftler Ingmar Werneburg (links) und Benedikt Kästle im Archiv der Paläontologischen Sammlung in Tübingen mit „Bathynomus tuebingoborikensis“, von fossilen Krebstieren umgeben.
Julie Klaess- Tübinger Forscher identifizieren in einer Uni-Sammlung eine neue Riesenassel-Art.
- Das Exemplar aus Puerto Rico heißt „Bathynomus tuebingoborikensis“ und ist 32,2 cm lang.
- Es lag seit den 1980er-Jahren dort, erworben von Adolf „Dolf“ Seilacher für Lehrzwecke.
- Analyse und Vergleich zeigen: bisher wissenschaftlich unbeschriebene, heute lebende Art.
- Stammbaum-Studie: Ursprung der Gattung im Golf von Mexiko, spätere weltweite Ausbreitung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Sie ist 32,2 Zentimeter lang, hat viele Beinpaare und einen Körperpanzer aus kalkhaltigen Segmenten. Besonders appetitlich sieht sie nicht aus. Ein besonderer Fund ist die getrocknete Riesenassel aus Puerto Rico trotzdem, die jahrzehntelang in der Paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen lag. Denn das Tier gehört zu einer bislang unbekannten, noch heute lebenden Art. Und die trägt jetzt sogar Tübingen im Namen.
„Bathynomus tuebingoborikensis“ haben der Paläontologie-Student Benedikt Kästle und Ingmar Werneburg vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment das Krebstier getauft. Der Name verbindet Tübingen mit Boríken, der indigenen Taíno-Bezeichnung für Puerto Rico. Ihre Entdeckung haben die beiden Forscher in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Unterseite des Außenskeletts der neu entdeckten Riesenassel "Bathynomus tuebingoborikensis" mit zahlreichen Beinpaaren.
Julie KlaessRiesenassel kam in den 1980er-Jahren nach Tübingen
Dass die Riesenassel überhaupt nach Tübingen gelangte, ist dem Fossilienforscher Adolf „Dolf“ Seilacher zu verdanken. Der 2014 verstorbene Tübinger Professor hatte das Tier in den 1980er-Jahren auf einer Forschungsstation in Puerto Rico erworben und für Lehrzwecke nach Tübingen gebracht. Nun haben Kästle und Werneburg das getrocknete Exemplar im Archiv wiederentdeckt.
Mit modernen bildgebenden Verfahren untersuchten sie das Tier und verglichen es anatomisch mit anderen bekannten Riesenasseln. Dabei stellten sie fest, dass es sich um eine bisher wissenschaftlich nicht beschriebene Art handelt.
In Form und Gestalt ähneln Riesenasseln den sehr viel kleineren Landasseln, die man aus feuchten Kellern und Höhlen kennt. Die Riesenasseln aus der Tiefsee erreichen allerdings ganz andere Dimensionen: Bis zu 50 Zentimeter lang und mehrere Kilogramm schwer können die Tiere der Gattung Bathynomus werden. Damit gehören sie zu den größten wirbellosen Organismen überhaupt. Sie leben in allen Ozeanen in Tiefen von bis zu 2500 Metern und sind Allesfresser.
Vom Golf nach Mexiko nach Japan ausgebreitet
Eine Stammbaum-Analyse der Tübinger Forscher ergab, dass die Gattung Bathynomus wohl vor mehr als 15 Millionen Jahren im Golf von Mexiko entstand. Damals war die Meeresverbindung zwischen Nord- und Südamerika noch offen. „Die Tiere konnten sich nach Westen, zunächst bis nach Japan, ausbreiten“, sagt Werneburg.

Rückenansicht des Außenskeletts der neu entdeckten Riesenassel-Art "Bathynomus tuebingoborikensis".
Julie KlaessIm Indopazifik hätten sich zahlreiche neue Arten entwickelt, die sich unter anderem in ihrer Körpergröße unterschieden. So entstanden Kästle zufolge „Giganten“ mit bis zu 15 Zentimetern Länge und „Supergiganten“, die mehr als 15 Zentimeter lang wurden. Die Riesenasseln breiteten sich nach Australien, Ostafrika und – vor der Kollision der Arabischen und Afrikanischen Kontinentalplatten – auch nach Europa aus. Dort starben sie allerdings am Ende des Miozäns aus.
Als sich die Erde vor rund 5,333 Millionen Jahren abkühlte, entwickelte sich im Indopazifik eine Gruppe besonders großer Riesenasseln. „Diese wahrhaften Kolosse wurden mehr als 25,2 Zentimeter groß und waren physiologisch an die neuen klimatischen Verhältnisse bestens angepasst“, erklärt Werneburg.
Nah verwandt mit Riesenassel-Art vor Mexiko
Von Australien aus hätten sich diese, von Kästle als „Kolossogiganten“ bezeichneten Riesenasseln, über die Antarktis bis nach Süd- und Mittelamerika ausgebreitet. Dort seien sie auf ihre kleineren, ferneren Verwandten getroffen, die nach der ursprünglichen Ausbreitung der Gattung nach Westen zurückgeblieben waren. Zu den später eingewanderten Riesenasseln zählt nach Erkenntnissen der Forscher auch die neu entdeckte Art aus Puerto Rico. „Die neue Spezies ist sehr nah mit einer anderen Riesenart verwandt, die vor der Yucatán-Halbinsel Mexikos vorkommt“, sagt Kästle.
Der Fund zeige, so Werneburg, welch große Bedeutung naturwissenschaftliche Sammlungen als weltweite Archive der Natur haben. Seit den 1980er-Jahren lag ein bislang unbekannter Vertreter der Riesenasseln in einer Tübinger Sammlung. Nun hat er einen wissenschaftlichen Namen bekommen.

