Blauer Turm Tübingen
: Clubleben: Mit Schiller auf den Dancefloor

Im Blauen Turm eröffnet wieder ein Tanzlokal. Betrieben wird das „Friedrichs“ von einem Radsportler und zwei Stuttgarter Immobilien-Unternehmern.
Von
Ulrich Janßen
Tübingen

Seit Monaten kündet ein Transparent von der schillernden Zukunft des Clubs im Blauen Turm.

Ulrich Janßen

Auf e ine n genauen Termin will sich Julian Rammler noch nicht festlegen lassen, doch lange, sagt er, dauere es jetzt wirklich nicht mehr bis zur Eröffnung des neuen „Friedrichs“ im Blauen Turm. Der langwierige Umbau des einst beliebten Clubs ist weitgehend abgeschlossen, Lightshows und Plattenspieler sind installiert und selbst die Getränke schon eingekauft. „Hier ist praktisch nichts mehr wie es war“, sagt Rammler, der das neue Tanzlokal gemeinsam mit seinen Partnern Philipp und Benjamin Stoll betreiben wird.

Den Stuttgarter Zwillingen gehört das siebenstöckige Gebäude an der Blauen Brücke. Im September 2017, als die langjährigen Pächter wegen interner Streitigkeiten Insolvenz anmelden mussten, suchten sie eigentlich einen Nachfolger aus der Gastronomie. „Doch die Leute, die sich damals beworben haben, überzeugten uns alle nicht“, erinnert sich Rammler. Der ehemalige Radsportler, der nebenbei noch ein Radsportteam managed, ist seit über 12 Jahren mit den Stuttgarter Immobilien- und Fitness-Unternehmern befreundet. „Wir haben uns dann angeschaut und gesagt: Warum machen wir es nicht selber?“

Mehrere hunderttausend Euro investierten die drei gastronomischen Neulinge seither in den Umbau. „Wir haben alles selbst geplant“, sagt Rammler. Das knapp 100 Quadratmeter große Café im Erdgeschoss mit Riesen-Bildschirm und Sky-Abo soll täglich geöffnet sein, das 300 Quadratmeter große Tanzlokal (mitsamt einer originellen 198-Birnen-Lightshow) im Untergeschoss dagegen nur von Donnerstag bis Samstag. Hinzu kommt im nächsten Jahr voraussichtlich noch ein „Members Club“ mit 200 Quadratmetern und, sofern die Stadt es genehmigt, eine Dachterrasse auf der Plattform über dem Café. 32 Mitarbeiter sollen in der neuen Location bis zu 350 Gäste versorgen.

Der Umbau zog sich lange hin

Für den 31-jährigen Ex-Radsportler ist Tübingen nicht nur „eine wunderschöne Stadt“, sondern auch die Heimat vieler „Dichter und Denker“. Direkt am künftigen Dancefloor im Untergeschoss hängen deshalb auch stylische Poster von Goethe, Alfred Nobel, Gerhard Hauptmann und Friedrich Schiller. Der große deutsche Dichter fungierte nicht nur als Namenspatron des neuen Clubs, sondern lieferte auch den Wahlspruch: „Das Überraschende macht Glück“. Literarisch ambitioniert gibt sich auch die Facebook-Seite des Friedrichs: „Die gewünschte Ästhetik der Modernisierung wurde zur Realität“, heißt es dort unter anderem. Mit Mottoparties und wechselnden DJs will der Club aber nicht nur beim studentischen Publikum punkten.

Eigentlich sollte das Lokal längst geöffnet sein. Seit vielen Monaten hängt das Friedrichs-Transparent am Gebäude, und „Coming Soon“ hieß es schon im Oktober auf Facebook. Dass der Umbau solange dauerte, erklärt Rammler mit komplexen baulichen Problemen. Die Pläne hätten nicht gestimmt, Toiletten fehlten, Lagerräume wurden verlegt, Öltanks ausgebaut und Wände verschoben. Hinzu kamen Streitigkeiten mit den ehemaligen Pächtern, die noch Forderungen in Höhe von 30.000 Euro geltend machten.

Discobetrieb nicht erlaubt

Hoch waren auch die Anforderungen an den Brandschutz, die das neue Betreibertrio umzusetzen hatte. Wegen der Kellerlage mussten speziell Fluchtwege und Brandmeldeanlagen den Vorschriften angepasst werden. „Da machen wir keine Kompromisse“, betonte Tübingens Baubürgermeister Cord Soehlke. Noch immer seien auch nicht alle Auflagen erfüllt, weshalb die Genehmigung für den Betrieb bis gestern nicht erteilt wurde.

Der Baubürgermeister legt auch Wert darauf, dass im Club kein Discobetrieb stattfinden darf: „Das ist in dem Gebiet nicht zulässig.“ Erlaubt sei lediglich ein zeitlich eingeschränkter Betrieb als „Tanzcafé“. Die Stadtverwaltung achte zudem darauf, dass die Lärmobergrenzen eingehalten werden: „Wir werden das messen und zwar vor den Fenstern der Nachbarn.“

Mit den eingeschränkten Möglichkeiten an der Blauen Brücke hatten schon die Vorgänger zu kämpfen. 15 Jahre führte der Tübinger Gastronom und Ex-Stadtrat Ulf Siebert gemeinsam mit seinem Partner Stefan Schwend (dessen Eltern einst das Alleencafé betrieben) sowie zeitweise den Stuttgarter Gastronomen Fabian Baur und Philipp Deutsch die Location im Blauen Turm - bis sie im September 2017 insolvent gingen. Seither steht der vor allem bei Studierenden angesagte Tanzclub leer.

Dass die neuen Betreiber keine Erfahrung mit Clubs und Tanzlokalen haben, ist für Rammler ein Vorteil: „So haben wir einen anderen Blickwinkel.“ Die drei Freunde hätten sich in vielen Clubs informiert. Vorteilhaft dürfte sein, dass mit den Stoll-Zwillingen zwei finanzstarke Partner an Bord sind. Nach unseren Informationen besitzen die Brüder rund um Stuttgart zehn größere Immobilien und führen auch das Clever-Fit-Sportstudio im Stuttgarter Osten.

Umtriebige Investoren

Zum kleinen Imperium der Unternehmer zählen auch zwei Jugendstilhäuser am Stuttgarter Neckartor, dem bundesdeutschen Feinstaub-Rekordhalter. Dort ist unter anderem ein Bordell untergebracht, das die Stolls zum Verdruss der Stadt gern erweitern würden. Außerdem gehören ihnen zwei Drittel des etwa 5000 Quadratmeter großen Geländes beim Reutlinger Westbahnhof, auf dem zumindest nach den städtischen Plänen irgendwann einmal ein 14-stöckiges Hochhaus errichtet werden soll.

Im Blauen Turm, in dem bis 2018 die Tübinger Stadtverwaltung residierte, wird voraussichtlich das Studierendenwerk übergangsweise zwei Etagen belegen (siehe den Infokasten). Für das Stockwerk darüber interessiert sich das Software-Unternehmen itDesign, das gerade erst einen Neubau schräg gegenüber bezogen hat, aber schon über Erweiterungsmöglichkeiten nachdenkt. In der Diskussion ist, dass itDesign nach dem Auszug des Studierendenwerks in ein paar Jahren weitere Etagen übernehmen könnte. Im Rest des Gebäudes befindet sich ein Clever fit-Studio. Zu hören ist, dass die Stolls, die in Stuttgart-Ost schon ein Studio der Franchise-Kette betreiben, die Tübinger Dependance auf Dauer gern in Eigenregie übernehmen würden.

Die wechselvolle Geschichte des Blauen Turms

Gebaut wurde der Blaue Turm im Jahr 1965 von der Iduna-Versicherung, die den Bau als reine Geldanlage sah und nie selbst dort präsent war. In die unteren Etagen zog zunächst das Kaufhaus Baro mit stolzen 40 Fachabteilungen ein. Es folgten ein Schreibwarenladen und das Musikgeschäft von „Piano Stopper“. Als die Versicherungen wegen der Nullzinspolitik unter Druck gerieten, verkaufte die Iduna ihren Besitz an den Stuttgarter Wasen-Festwirt Göckelesmaier, der ihn vor gut sieben Jahren an die Geschwister Stoll weiterverkaufte. 2002 gründeten Ulf Siebert und Stefan Schwend im Erdgeschoss eine „Loungebar“, die zehn Jahre später zum Tanzlokal ausgebaut wurde. 2017 musste die GmbH Insolvenz anmelden. Im restlichen Bau waren viele Jahre die universitären Psychologen untergebracht, ehe 2012 die Tübinger Stadtverwaltung übergangsweise dort einzog. Die Räume und die Fassade sollen jetzt in Etappen renoviert werden.