Familie kündigt Haus und geht auf Weltreise
: „Wir haben das doch nicht alles gemacht, um jetzt wieder zurückzugehen“

InterviewDie Hemmingers ließen ihr Haus hinter sich und reisten ein Jahr mit ihren Kindern durch Europa. Im Interview erklären sie, wie ein Kochtopf einem Geschichte beibringen kann und was man auf Europareise auf keinen Fall vergessen sollte.
Von
Julian Ettema
Tübingen
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Patrick und Anna Hemminger am nördlichsten Punkt ihrer Reise in Måløy in Norwegen.

Patrick und Anna Hemminger am nördlichsten Punkt ihrer Reise in Måløy in Norwegen.

Patrick Hemminger

Den ganzen Stress hinter sich lassen. Die Welt erkunden. Neue Menschen und fremde Kulturen kennenlernen. Für viele ein Traum. Für die meisten bleibt es auch einer. Doch die Hemmingers haben genau das gewagt. Anna (46) und Patrick (46) Hemminger ließen ihr Haus und ihr altes Leben in Bernried am Starnberger See hinter sich und reisten ein Jahr lang mit ihren drei Kindern (6, 10 und 12) quer durch Europa – mit besonderem Blick auf lokale Küchen. Ihre Erlebnisse haben sie in einem Buch festgehalten. Patrick Hemminger ist in Tübingen aufgewachsen und kehrt mit seiner Frau in die alte Heimat zurück, um „Travel & Taste“, so der Titel, vorzustellen. Im Gespräch erzählen sie von der Reise, wie man aus Kochtöpfen Geschichte lernen kann und was man bei seiner Europareise auf keinen Fall vergessen sollte.

Bei ihrer Reise haben sie besonderen Fokus auf die Küchen Europas gelegt. Woher kommt diese Liebe zur Kulinarik?
Anna Hemminger: Bei mir war das schon immer so. Früher ging mein Vater beim Spazieren hinter der Familie her, um die Speisekarten von Restaurants zu studieren, und wir haben uns alle darüber lustig gemacht. Und heute mache ich das selber so. Als Patrick und ich uns begegnet sind, haben wir entdeckt, dass wir diese Leidenschaft auch gemeinsam haben.
Patrick Hemminger: Das hat uns nicht mehr losgelassen und wir dachten: Wenn wir so eine Reise machen, dann brauchen wir einen Grund, dann brauchen wir ein Thema. Und dann verbinden wir das mit unserem Herzenssthema: Essen und Trinken.

Und wie entstand die Idee für die Reise?
Anna Hemminger: Wir saßen einmal in den Ferien in der Bretagne an einem Fluss in so einem kleinen Restaurant. Die Madame war in der Küche und kochte, der Monsieur servierte. Es gab auch keine Kinderkarte und unsere Kinder haben alles gegessen. Und wir haben gedacht: Wie kann denn das sein?
Patrick Hemminger: Zuhause picken sie jedes Gemüsestückchen von der Nudel. Nach dem Motto: Wie kannst du nur Vater?
Anna Hemminger: Auf einmal – wir hatten auch schon ein kleines Glas Mittagswein getrunken – dachten wir: Warum machen wir das nicht mal europaweit? Wir gehen durch alle Küchen und gucken: Was gibt es? Was lernen die Kinder daraus über die Geschichte des Landes? Das wäre doch der Plan.

Die Kinder lernen Geschichte übers Essen?
Anna Hemminger: Ja. Die Frage „Was isst du?“ ist ja eigentlich auch „Wer bist du?“. Was hast du für eine Geschichte, für Traditionen?
Patrick Hemminger: Das war davor ja unsere Theorie, dass die Kinder aus den Kochtöpfen mehr lernen als aus jedem Schulbuch. Und das hat wirklich gestimmt. In Thessaloniki in Griechenland sind wir zum Beispiel über Blätterteiggebäck auf den Konflikt zwischen Griechen und Türken Anfang des 20. Jahrhunderts gekommen, wo es danach einen gigantischen Bevölkerungsaustausch gab. Heute geht man ganz selbstverständlich davon aus: Griechenland, das sind diese leckeren Blätterteigteilchen mit Feta. Nein, der Blätterteig kommt eben eigentlich aus Asien.

Stichwort lernen. Das Thema Schulpflicht war bestimmt ein Problem.
Anna Hemminger: In der Tat, Homeschooling ist in Deutschland nicht vorgesehen, man kann die Kinder nicht einfach für ein Jahr aus der Schule nehmen. Zudem hat jedes Bundesland ein eigenes Schulgesetz. Da haben wir erst mal lange gesucht, um eine Ausnahme zu finden.
Patrick Hemminger: Dann ist Anna irgendwann auf diesen Satz gestoßen: „Wenn man sich länger als 6 Wochen außerhalb von Bayern aufhält, erlischt die bayrische Schulpflicht.“
Anna Hemminger: Das haben wir dann den Schuldirektoren geschrieben und die hatten natürlich noch nie davon gehört. Die Grundschule fand die Idee super. Das Gymnasium war sehr skeptisch.
Patrick Hemminger: Als wir dann deutlich gemacht haben, dass es diesen Paragrafen gibt und dass wir das jetzt wirklich machen werden, haben sie aber nachgegeben.

Wo ging es dann überall hin?
Anna Hemminger: Im Prinzip haben wir in Tübingen angefangen. Wir haben unsere Sachen gepackt und sind nach Tübingen zu Patricks Vater gefahren und von dort aus dann los.
Patrick Hemminger: Stimmt, Tübingen war eigentlich die erste Station. Der inoffizielle Auftakt, nachdem wir unser Haus in Bayern verlassen hatten.
Anna Hemminger: Dann haben wir in den Niederlanden gestartet, sind danach nach Frankreich gefahren und dann nach Spanien.
Patrick Hemminger: Wir dachten, wir reisen ein bisschen der Wärme hinterher. Das hat bis Spanien auch ganz gut funktioniert.

Warum nur bis Spanien?
Anna Hemminger: Wir sind durch Nordspanien gefahren und da wurde es dann kalt. Da haben wir auch gemerkt: Wir haben keine Winterjacken dabei, nichts. Wir dachten: Nein, der Winter existiert nicht im Süden Europas. Er existiert! Und es ist eiskalt.

Wie ging es dann weiter?
Anna Hemminger: Mit der Fähre sind wir nach Sizilien und haben dort den Winter verbracht. Dann ging's über Süditalien nach Griechenland, danach Albanien, Montenegro, Bosnien und Kroatien. Von Kroatien nach Norditalien, Österreich und Polen. Dann hoch nach Schweden, von da mit der Fähre bis Norwegen, und dann sind wir umgekehrt.

Das ist einiges.
Patrick Hemminger: Ja, war viel für ein Jahr. Wir haben am Schluss mal gezählt, wir kamen auf ziemlich genau 60 Unterkünfte, in denen wir übernachtet haben. Und das heißt jedes Mal auspacken, einpacken.

Was war eigentlich mit ihrem restlichen Hab und Gut? Das passt wahrscheinlich nicht alles in den Reisekoffer.
Patrick Hemminger: Wir haben viel verschenkt oder verkauft und der Rest ist in einem Container eingelagert worden. Aber auf der Reise haben wir dann gemerkt, wir haben eigentlich immer noch zu viel dabei.
Anna Hemminger: Außer Wintersachen!

Und als die Reise dann vorbei war? Ging es zurück an den Starnberger See, zurück in den Alltag?
Patrick Hemminger: Die mittlere Tochter hat mal so schön gesagt: Papa, wir haben das doch nicht alles gemacht, um jetzt wieder zurückzugehen. Wir haben uns nicht bereit gefühlt.
Anna Hemminger: Wir haben auch ewig nach Schulen gesucht, weil wir uns nicht vorstellen konnten, wieder in das bayrische Schulsystem mit den Kindern zu gehen. In Südfrankreich haben wir dann eine private Schule gefunden, wo wir gesagt haben: Das probieren wir einfach mal ein Jahr aus. Wir gehen jetzt nach Südfrankreich. Und da sind wir gerade. An den Pyrenäen. Wir wissen aber auch noch nicht, ob wir dortbleiben. Also die Reise ist noch nicht zu Ende.

Lesung zu „Travel & Taste“

Die Buchvorstellung von „Travel & Taste: Wie wir unser Haus kündigten, um ein Jahr mit unseren Kindern in Europas Küchen das wahre Leben zu suchen“ ist am Mittwoch, 4. März, um 19 Uhr im Café Viertel vor, Egeriaplatz 12. Anna und Patrick Hemminger erzählen von ihrer Reise und geben kulinarische Eindrücke aus ganz Europa. Moderiert wird der Abend von Michael Miensopust, ehemals künstlerischer Leiter des jungen LTT.

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