25. Jahrestag von 9/11
: So haben unsere Leserinnen und Leser den 11. September 2001 erlebt

Der Anschlag auf das World Trade Center in New York jährt sich zum 25. Mal. Leserinnen und Leser des TAGBLATTS berichten, wie sie das schreckliche Ereignis erlebt haben.
Von
red/jut
Tübingen
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FILES-US-ATTACKS-9/11-ANNIVERSARY-EDUCATION: (FILES) In this file photo commercial aircraft United Airlines flight 175 approaches the south tower of the World Trade Center as smoke billows from the north tower in lower Manhattan, New York on September 11, 2001. When 17-year-old student Max Avena visited the site of New York's fallen Twin Towers, hearing the first-hand accounts of survivors of the deadliest attacks on US soil left him "speechless." (Photo by SETH MCALLISTER / AFP)

United Airlines Flug 175 nähert sich dem südlichen Turm des World Trade Center in Manhattan, New York am 11. September 2001.

Seth McAllister/afp
  • Leserinnen und Leser schildern, wie sie den 11. September 2001 weltweit erlebten.
  • Viele erfuhren per TV oder Radio von den Anschlägen auf das World Trade Center.
  • Reisen brachen zusammen – Flüge fielen aus, Flughäfen und Brücken wurden gesperrt.
  • Berichte reichen von Gambia über Kalifornien bis München und Tübingen – oft Fassungslosigkeit.
  • Persönliche Details prägen die Erinnerungen, etwa gescheiterte Urlaube und bange Rückreisen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der 11. September 2001. Ein Tag, der nicht nur in die amerikanische Geschichte eingehen sollte. Um 8.46 Uhr Ortszeit schlug eine entführte Boeing 767 des American-Airlines-Flugs 11 von Boston nach Los Angeles in den Nordturm des World Trade Centers in New York City ein. 17 Minuten später folgte die ebenfalls entführte Maschine des United-Airlines-Flugs 175 von Boston nach Los Angeles. Etwa eine Stunde später, um 9.59 Uhr, brach der Südturm zusammen, der Nordturm folgte nach etwa 30 Minuten. Eine weitere entführte Maschine wurde in den Westteil des Pentagons, des US-Verteidigungsministeriums in Arlington, Virginia, gesteuert. Die letzte zerschellte auf einem Feld im Bundesstaat Pennsylvania. Rund 3000 Menschen verloren bei dem islamistisch motivierten Terroranschlag ihr Leben.

Die Schreckensnachricht aus New York verbreitete sich rund um den Globus über Fernsehen, Radio, Internet und Mund-zu-Mund-Erzählungen. Leserinnen und Leser des TAGBLATTS berichten, wie sie von dem Anschlag erfahren, und die Tage rund um den 11. September 2001 erlebt haben.

Gisela Schneider:

Ich unterrichtete einen HIV‑Workshop in Gambia, Westafrika, und war zusammen mit circa 25 Ärzten, Pflegenden und so weiter.

Wir kamen zur Mittagspause ins Restaurant. Da lief ein Fernseher. Es gab zu der Zeit dort kein Internet. Ich schaute auf den Bildschirm und dachte: „Was für ein Film läuft hier mitten am Tag?“ Um dann zu realisieren: Nein – kein Film, sondern CNN. Und wir erlebten das, was gerade in New York passiert war.

Wir waren alle fassungslos und an dem Nachmittag wurde immer wieder diskutiert. Was passiert da gerade? Auch in Westafrika war das ein unfassbares Ereignis.

Gert-Henning Spellenberg:

Vor 25 Jahren war ich als Pressesprecher der Bundespolizei (damals, glaube ich, noch Polizei des Bundes) in der heutigen BPOLD Böblingen. Nun bin ich diesen Monat 75 Jahre alt.

Mein damaliger Chef in Böblingen wollte, dass ich die Geschehnisse in den USA (am Tag nach meinem Geburtstag) am Fernseher in der Pressestelle verfolge. Es war eine schlimme Zeit, dies im Fernsehen zu verfolgen.

Barbara und Helmut Wilhelm:

Wir erlebten den 11. September 2001 im „Asilomar Conference Center“ in Kalifornien. Asilomar liegt im Stadtgebiet Monterey, wo 1967 die Hippie-Kultur ihren Anfang hatte, also ein geschichtsträchtiger und sehr malerischer Platz. Wir waren Teilnehmer des 30. „Pupil Colloquium“, einer Tagung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit der Pupille befassen.

Am 11. September ging die Tagung zu Ende und wir wollten eigentlich nach San Francisco, um am Abend nach Hause zu fliegen. Auf dem Weg zum Frühstück trafen wir einen Kollegen, der uns fragte, ob wir unser Zimmer schon verlängert hatten. Wir waren ratlos. „Wisst ihr nicht …?“, fuhr er fort und berichtete, dass gegen sechs Uhr kalifornischer Ortszeit der Terroranschlag begonnen hatte.

Asilomar war ein alternatives Konferenzzentrum, Fernseher waren verpönt und WLAN gab es nicht. Es wurden aber rasch zwei große Fernseher herangeschafft, um die sich die Konferenzteilnehmer scharten und das schreckliche Ausmaß des Terrors miterlebten.

Wir fuhren später nach San Francisco, um in Erfahrung zu bringen, wie es mit dem Rückflug gehen könnte. Alle großen Brücken waren gesperrt, von einem Angriff auf die USA war die Rede. Am Flughafen in San Francisco waren alle Maschinen am Boden, der Betrieb eingestellt, niemand wusste, wie es weitergehen würde. Es sollte noch eine Woche dauern, bis wir zurückfliegen konnten. Air France, die uns hergebracht hatte, konnte uns keinerlei Angaben machen. Nur der amerikanische Partner Delta wusste schließlich, wann Air France wieder fliegen würde.

Auch an einem der schönsten Plätze der Welt, war dies eine belastende Zeit. Unsere Kinder, 14 und 18 Jahre, waren bei den Großeltern, und wir wussten lange nicht, wie wir nach Hause kommen sollten. Hinzu kam die sich aufschaukelnde Stimmung in den USA. Es war schwer, an sachliche Informationen zu kommen. Schon am zweiten Tag fuhren Pickups mit Aufschriften wie „Nuke them out!“ durch die Straßen. Wir verbrachten zu viert mit zwei Kollegen eine Woche in der Umgebung von San Francisco, bevor wir wieder nach Hause zu unseren Kindern konnten.

Hans Hägele:

Montag, 10. September, Geschäftsreise nach Montréal in Kanada. Am nächsten Morgen, dem 11. September, um kurz nach 9 Uhr vor dem ersten Kundentermin den Wagen meines Vertreters, eines gebürtigen Schweizers, vollgetankt. An einer Tankstelle zwischen Quebec und Montmagny.

Hier wurde noch von einem Tankwart das Fahrzeug befüllt, und ich erinnere mich genau an alle Details: Der Tankwart war so um die 50, Rastalocken, und in seinem québécois Dialekt fragte er uns „ob wir das mit den Türmen in New York wissen“. Mein Vertreter und ich schauten uns an und dachten das Gleiche: „Mann, der ist ja um 9 schon high, was erzählt der da?“

Nach dem Tanken Autoradio an und wir hörten, dass soeben auch ein zweites Flugzeug in die Türme eingeschlagen hatte. Beim nächsten Kunden konnten wir die Fernsehbilder sehen. Ein ordentliches Kundengespräch kam überhaupt nicht zustande, so sehr waren alle aufgewühlt.

Erste Reaktion meinerseits: Telefonat vom Wagen meines Vertreters aus mit der Familie, dass meinerseits alles okay ist.

Am Donnerstag, 13. September, war eigentlich meine Weiterreise nach Vancouver geplant, aber keine Chance. Es war das pure Chaos in Bezug auf sämtliche Flüge. Nur mit der Hilfe der Frau meines Vertreters und einem guten Freund, der Familie bei Air Canada hatte, kam ich in die Maschine am Freitag, dem 14. September.

Noch nie hatte ich einen solchen Flug erlebt. Jeder fixierte mehr oder weniger jeden weiteren Mitfliegenden, ob dieser unter die Kategorie „Terrorist“ fallen würde oder nicht. Auf diesem Viereinhalb-Stunden-Flug gab es nicht einmal ein Lachen, noch gab es Gespräche unter den Passagieren. Absolute gespenstische Ruhe.

Am Montagnachmittag, dem 17. September, war mein Rückflug von Vancouver nach Frankfurt gebucht. Wie üblich, war ich 3 Stunden vor Abflug am Flughafen. Am Lufthansa-Schalter nur der deutsche Stationsleiter, sonst keine Seele. Auf meine Frage hin, was mit dem heutigen Flug los sei, schnauzte er mich an, ob ich nicht wisse, was in New York passiert sei, und ich solle gefälligst mal vor den Flughafen schauen, wo inzwischen von den kanadischen Behörden eine Zeltstadt für 7000 Passagiere errichtet wurde.

Glücklicherweise hatte Lufthansa für einige Passagiere Übernachtungen in Hotels in Vancouver organisiert. Ich zählte auch zu den Glücklichen, und mir wurde eingetrichtert, am nächsten Morgen um 8 Uhr an den LH-Schaltern zu sein, wenn ich für diesen Tag mitfliegen wollte.

Also war ich um 7.30 Uhr ohne Frühstück wieder am Airport, Nummer sieben in der noch kleinen Warteschlange. Und nach ungefähr sechs Stunden des Anstellens gab es dann einen Platz auf der Maschine nach Frankfurt mit einer Flugzeit von guten neuneinhalb Stunden.

Wir haben zu Hause einen gewebten Wandkalender des World Trade Centers aus dem Jahr 1980, wo von meiner Frau und mir auf dem Dach im 107. Stock ein Foto gemacht wurde. Noch heute habe ich jedes Mal Gänsehaut beim Anblick dieses Wandkalenders.

FILES-US-ATTACKS-9/11-ANNIVERSARY: (FILES) A hijacked commercial plane crashes into the World Trade Center on September 11, 2001 in New York. September 11, 2026, will mark the 25th anniversary of the September 11, 2001, attacks that killed nearly 3,000 people in New York, Washington and Pennsylvania. (Photo by SETH MCALLISTER / AFP)

Am 11. September 2026 jähren sich zum 25. Mal die Angriffe vom 11. September 2001, bei denen knapp 3000 Menschen in New York, Washington und Pennsylvania ums Leben gekommen sind.

Seth McAllister / afp

Volker Rademacher:

Ich war an diesem Tag beruflich auf einer Konferenz in München. Dieses Treffen fand statt im Konferenzzentrum des Flughafens.

Irgendwann zwischen 15 und 16 Uhr wurden einige Teilnehmer unruhig, tippten nervös auf ihren Mobiltelefonen herum und waren offensichtlich nicht mehr in der Lage, dem Sitzungsverlauf zu folgen. Die Sitzungsleitung hatte sich inzwischen auch informiert und die Konferenz abgebrochen, denn es war erkennbar, dass eine Heimreise über die geplanten Inlandsflüge schwierig würde.

Auf dem Flughafen hatte ich dann eine chaotische Situation vorgefunden. Die Sicherheitsmaßnahmen waren drastisch verschärft worden. Direkte Flüge in die USA wurden in der Folge ganz abgesagt. Tausende Reisende waren erst mal in München gestrandet. Auch ich hatte Zweifel, dass ich noch irgendwie nach Hause kommen würde.

Und was nun so ganz genau passiert war, wusste keiner so richtig. Es gab vereinzelt Bildschirme. Da sah man Szenen, die man nicht glauben konnte, die irreal erschienen.

Mit etwa drei Stunden Verspätung, am späten Abend, saß ich dann im Flugzeug nach Düsseldorf und alle Leute unterhielten sich natürlich über die Situation. Mein Sitznachbar sagte einen Satz, den ich nicht vergessen werde:

„Dieses Ereignis wird die Welt und den Gang der Geschichte verändern.“

Karin Lehmann:

Wer erinnert sich nicht an diesen Tag? Ich saß in meinem Büro am MPI, als eine Kollegin reingestürzt kam und vom Attentat erzählte. Keiner verstand natürlich in dem Moment das eigentliche Ausmaß des Geschehens. Wie auch? Ich gestehe, ich dachte kurz, dass die Kollegin tendenziell zu Hysterie neigt.

Was ich jedoch mit diesem Tag absolut immer in Zusammenhang bringe, ist die Reaktion meiner damals schon schwer an Alzheimer erkrankten Mutter. Da an diesem Tag auf sämtlichen Kanälen nichts anderes berichtet wurde, und immer wieder die schrecklichen Bilder gezeigt wurden, dachte meine Mutter jedes Mal, es sei wieder irgendwo aufs Neue passiert und wieder und wieder … Sie war völlig verstört. Der Fernseher musste ausgemacht werden.

Sigrid Jäger:

Ich habe an diesem Tag, also am 11. September 2001, meinen 61. Geburtstag gefeiert und gleichzeitig meinen Rentenantritt. So hatte ich natürlich Verwandte und Freunde eingeladen. Es war Nachmittag bei Kaffee und Kuchen, als mich mein Schwager, der in Lindau wohnte, anrief und sagte, ich solle mal den Fernseher anschalten, denn so etwas hätte ich noch nie gesehen. Mehr hat er nicht gesagt.

Gespannt, was auf mich zukommen würde, schaltete ich das Gerät ein. Aber was ich dann sah, hat mich total entsetzt und ein Grauen ausgelöst. Auch meine Gäste konnten kaum glauben, was sie da sahen, und der Nachmittag war erfüllt von Trauer und Mitgefühl für die Menschen, die jetzt so viel Angst, Leid und Schmerzen ertragen müssen. Auch wir haben noch lange über diese Katastrophe geredet und der Menschen gedacht, die um Angehörige, Freunde und Bekannte trauern müssen.

Daniel Hiller:

Am 11. September 2001 mähte ich eine größere Rasenfläche im Garten meiner Eltern im Hohenlohischen. Plötzlich rief mein Vater, dass ich doch die Gartenarbeit unterbrechen solle.
„Offenbar sind zwei Flugzeuge in das World Trade Center geflogen!“, rief er mir zu. Schließlich fand ich mich im Wohnzimmer ein, wo ich mit meinen Eltern die Nachrichten im TV verfolgte. Die Sondersendungen und Eilmeldungen überschlugen sich. Wir waren alle überrollt von den Eindrücken der Fernsehbilder. Und dies nicht ohne Grund, da ein Teil unserer Verwandtschaft an der Ostküste in den USA lebt.

Der 11. September 2001 blieb für mich indes nicht folgenlos. So sah ich dieses Ereignis zusätzlich aus einer ganz anderen Perspektive: Nach meinem Abitur im Juni 2001 wurde ich direkt im Juli 2001 zum Grundwehrdienst eingezogen und befand mich in jener Septemberwoche, nach meiner Spezialgrundausbildung, im ersten Diensturlaub. Meine Stammeinheit befand sich in Tauberbischofsheim.

Von Dezember 2001 bis Januar 2002 verlegte mein Zug in die „Storck Barracks“ in das nahegelegene fränkische Illesheim, wo sich ein größerer US-Stützpunkt befindet. Die dort ansässige „11th Aviation Brigade“ und „6th Squadron, 6th Cavalry Regiment“ der US‑Armee zogen zwischenzeitlich ihre dort stationierten Apache-Kampfhubschraubereinheiten komplett nach Afghanistan ab. In dieser Folge übernahmen wir dort einen mehrwöchigen Wach- und Sicherungsauftrag, bis wir von anderen Einheiten abgelöst wurden.

Weihnachten 2001 verbrachte ich also mit meinen Kameraden in einer US‑Kaserne. Gut in Erinnerung blieb mir, als ein Offizier der US‑Army an Heiligabend eine Ansprache hielt und mit folgendem Satz beendete: „And now we kick that terrorists in their ass“. Ich musste feststellen, dass ich schon schönere Weihnachten erlebt hatte.

Bernd Jürgen Warneken:

Meine Frau und ich kamen von einem herrlichen Spaziergang in St. Angelo auf Ischia in unser Hotel zurück. Dort fanden wir mehrere Angestellte und Gäste vor, die vor einem Fernseher saßen und standen. Die Bilder der brennenden, dann zusammenstürzenden Twin Towers (drei Jahre vorher hatten wir von dort aus auf die Stadt geschaut) bildeten den größtmöglichen Kontrast zu unserer Ferienidylle.

Jemand sagte, so erinnere ich es: „Dafür werden sich die USA rächen. Das kann 100.000 Tote geben.“ Welch gewagte Aussage! Sie erwies sich als grobe Untertreibung.

Sabine und Johannes Rieger:

Am 7. September 2001 heirateten wir standesamtlich im Tübinger Rathaus, einen Tag später kirchlich in Bebenhausen. Am Folgetag starteten wir in unsere Flitterwochen. Zuerst ging es mit dem Flieger nach Athen, das wir zwei Tage lang bestaunten. Danach bestiegen wir mit Rucksäcken bepackt in Piräus unsere Fähre, die uns auf eine der Kykladeninseln bringen sollte. Es war ein für griechische Verhältnisse großes Fährschiff, bei dem an den Wänden im Passagierbereich zahlreiche Fernsehschirme hingen. Während der Überfahrt sahen wir plötzlich die Aufnahmen, die den Angriff auf den ersten der beiden Twin Towers zeigten.

Da die Fernseher auf stumm geschaltet waren, dachten wir zuerst an einen schlechten Katastrophenfilm. Sobald jedoch die zweite Maschine in den anderen Turm stürzte und viele amerikanische Mitreisende vor Entsetzen schrien, wurde uns klar, dass das eine Live-Übertragung von CNN war und somit bittere Realität.

Voller Sorge um die weltpolitische Situation kamen wir auf der kleinen Insel Amorgos an. Da diese abgeschieden liegt und damals ein sehr beschaulicher Ort mit wenig Touristen war, fühlten wir uns dort jedoch sicher und kehrten drei Wochen später wohlbehalten nach Tübingen zurück.

Joachim und Susanne Stumm:

Meine Frau und ich, wir verbrachten unseren Jahresurlaub 2001 am Gardasee in Italien. Am 11. September 2001 haben wir das Westufer des Sees erkundet und in Sirmione die Grotten des Catull (Grotte di Catullo e Museo Archeologico di Sirmione) besucht.

Wir parkten außerhalb der historischen Altstadt und betraten diese über eine Brücke. Beim Gang durch die Altstadt fiel uns auf, dass sich an einem Eiscafé auf der Straße vor einem Fernsehgerät eine Menschentraube gebildet hatte und alle gebannt auf den Bildschirm sahen.

Wir mussten uns den Weg durch die Menge bahnen und konnten einen Blick auf den Bildschirm werfen. Ich sah ein Hochhaus, aus dem Rauch aufstieg. Bestimmt wieder so eine Sendung, dachte ich, in der über den Abriss von Gebäuden berichtet wird, was damals ein beliebtes Sendeformat in Nachrichtensendern war. Besonders dann, wenn bei Abriss oder Sprengung etwas schief lief.

Doch dann lasen wir in der eingeblendeten Bildunterschrift „America under attack“.

Später im Auto auf der Rückfahrt zur Unterkunft hörten wir einen Radiosender in italienischer Sprache, der von den Anschlägen berichtete, aber wir konnten es nicht so recht fassen, was da gesprochen wurde. Hatten wir das Italienisch im Radio missverstanden?

Später in der Ferienwohnung suchten wir im Fernsehgerät einen deutschsprachigen Sender, wurden bei der ARD fündig und hörten die Berichte in den „Tagesthemen Extra“ (so hieß es, glaube ich) mit Ulrich Wickert, der damals gefühlt den ganzen Tag auf Sendung war.

Wilfried Neuendorf:

Am 11. September 2001 befand ich mich gemeinsam mit meiner Ehefrau sowie einer unserer Töchter und ihrem damaligen Ehemann im Flugzeug auf dem Weg zu unserem lange geplanten Kalifornien‑Urlaub. Wir waren frühmorgens in Stuttgart gestartet und flogen über Paris (Charles de Gaulle) Richtung San Francisco. Während des Mittagessens, über Schottland, informierte uns der Flugkapitän, dass der gesamte amerikanische Luftraum geschlossen worden sei und wir nach Paris zurückkehren müssten.

Bereits nach der ersten Durchsage in französischer Sprache begannen einige Passagiere zu weinen. Erst die anschließende englische Durchsage ließ uns das Ausmaß der Situation wirklich begreifen. Trotz zahlreicher Nachfragen wollte oder konnte uns niemand erklären, weshalb der amerikanische Luftraum gesperrt worden war. Die Stimmung an Bord war angespannt und beängstigend.

Nach der Landung in Paris und dem dortigen Chaos an den Flugschaltern wurde klar, dass wir nach Stuttgart zurückreisen mussten. Erst ein Telefonat mit meinem Sohn, den wir baten, uns mitten in der Nacht vom Flughafen abzuholen, brachte Gewissheit darüber, was geschehen war.

So endete unser Kalifornien‑Urlaub nach einem Mittagessen über Schottland noch am selben Tag. Im Rückblick waren wir dankbar, nicht bereits einen Tag früher geflogen zu sein. Viele Jahre vergingen, bis wir die Reise 2013 schließlich nachholen konnten.

Claudia Gehrke:

Ich saß im Auto auf dem Weg zum Stuttgarter Bahnhof, wollte die Verwandlungs-Künstlerin Bridge Markland abholen. Sie war mit ihrem Riesenkostümkoffer unterwegs und plante, zwischen zwei Auftritten ein paar Tage in Tübingen zu bleiben. Wir waren für eine gemeinsame Veranstaltung, ein kleines „Love Bites“, gebucht, die ein paar Tage später zur Finissage einer Ausstellung mit erotischer Kunst im „Gelben Haus“ in Flims in der Schweiz stattfinden sollte.

Als ich es mit halbem Ohr beim Autofahren hörte (das Radio lief nur wegen der Staunachrichten), dachte ich, eine Filmbesprechung zu hören. Ein neuer Katastrophenfilm. Etwas später realisierte ich, was ich hörte. Mein Herz begann zu rasen: Das wird ein Krieg, dachte ich nun. Wurde es.

Afghanistan, Irak. Zum Irakkrieg erzählte mir später ein Videomensch, der Videos für große Firmen schnitt, dass und wie Videos dieses Kriegs manipuliert wurden. Bridge und ich und die damalige Mitarbeiterin Kerstin saßen wie alle am 11. September bis in die Nacht vor dem TV, hier in Hagelloch, und sahen live den Südturm, den Nordturm und später das große Nebengebäude einstürzen.

Der Kurator der Ausstellung in Flims, Luciano Fasciati (er ist noch heute dort), wollte die Veranstaltung trotzdem stattfinden lassen. So reisten wir nach Flims, schliefen in einem Luxushotel, Bridge führte ihre berühmten Nummern „Die schönste Frau der Welt“, „Sweet Dreams“ etc. auf und ich las aus „Mein heimliches Auge“. Alles in sehr eigenartiger, getrübter Stimmung.

Alexandra Zimmerman:

Ich war im Jahr 2000 von Dettenhausen nach Chicago gezogen. Meine Eltern waren beide in Chicago geboren, also wollte ich auch immer mal dort wohnen, und da ich die doppelte Staatsbürgerschaft habe, kann ich dort auch arbeiten.

Im September 2001 arbeitete ich downtown im Board of Trade Building bei der Deutschen Börse Systems Inc. – einer Tochtergesellschaft der Deutschen Börse in Frankfurt – als Assistentin der Geschäftsführung. Ich kam morgens um 8 Uhr zur Arbeit. Zuerst war alles wie immer, es waren erst wenige Leute da, meine deutschen Chefs natürlich und einige andere. Bald jedoch kam Unruhe auf. Ich weiß noch, wie wir fassungslos vor einem der Monitore eines Mitarbeiters standen, auf dessen Computer ständig Nachrichten liefen. Wir dachten, es war ein Unfall. Als aber das zweite Flugzeug in den zweiten Turm einschlug, was wir live mitbekamen, dachten wir, dass wir womöglich an der Börse in Chicago das nächste Ziel der Terroristen wären.

Meine Chefs schickten alle nach Hause. Ich weiß noch, wie ich auf der total überfüllten Plattform der Hochbahn stand, und Angst hatte, ob ich wohl überhaupt noch nach Hause käme. Ich wohnte in Old Town, einem Viertel in der Nähe der Innenstadt. Sobald ich dort war, rief ich meinen Freund, meinen jetzigen Mann, an, der dann auch, sobald er konnte, zu mir kam. Dann rief ich zu Hause bei meinen Eltern an, denn es war auch der 50. Geburtstag meines ältesten Bruders Billy.

New York Marks 24th Anniversary Of September 11 Terror Attacks: NEW YORK, NEW YORK - SEPTEMBER 11: A police officer takes a photo at the South Tower reflecting pool during the annual 9/11 Commemoration Ceremony at the National 9/11 Memorial and Museum on September 11, 2025 in New York City. Local and national government officials joined family, friends, and first responders as they gathered at Ground Zero honoring the lives of their loved ones on the 24th anniversary of the terror attacks of September 11, 2001, at the World Trade Center.   Michael M. Santiago/Getty Images/AFP (Photo by Michael M. Santiago / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Getty Images via AFP)

Vergangenes Jahr gedachten die Menschen zum 24. Jahrestags der Angriffe am nationalen 9/11 Denkmal und Museeum am Ground Zero in New York den Opfern.

Michael M. Santiago/AFP

Sibylle Hornberger:

In der fraglichen Zeit war ich mit einem Freund auf einem Campingplatz im Yosemite-Park. Neben uns zelteten zwei Italiener und auch eine Gruppe Studenten der Journalistikschule aus San Francisco, mit denen wir uns schon angeregt unterhalten hatten. Am Morgen des 11. Septembers waren wir unterwegs zu den mächtigen Sequoiastämmen in der Nähe. Dort angekommen trafen wir die beiden Italiener ziemlich aufgelöst an ihren Handys an.

Wir verstanden so der Spur nach, dass es einen heftigen Anschlag in New York gegeben hätte und wir unbedingt zu Hause anrufen sollten. Das versuchten wir am Campground dann auch. Vergebens, denn die Landline war dauerbelegt, bzw. zusammengebrochen und Mobiles hatten damals nicht alle, auch wir nicht. Auch war von Notstand die Rede und das erfuhren wir dann am anderen Morgen, als wir am Stausee in der Nähe wandern wollten: Wir wurden von gut bewaffneten Soldaten zurückgeschickt, denn dieser Stausee war unter anderem für die Wasserversorgung von Los Angeles verantwortlich und alle kritischen Anlagen wurden ab sofort bewacht.

Eindrücklich blieb mir in Erinnerung, dass die Journalisten gerne Nachrichten aus Europa gehabt hätten (aber auch dahin war kein Durchkommen bei dem einzigen Telefon im Campground), mit der Begründung: „Unsere Nachrichten hier sind zensiert – da erfahren wir nicht, was wirklich passiert ist.“ Uff!

Wir fuhren dann am nächsten Tag zurück nach Santa Clara zu meinen Verwandten und konnten erstmals die Nachrichten sehen und nähere Informationen erhalten. Die Fernsehberichte waren für mich eher verstörend, denn in erster Linie wurden Emotionen bedient und keine Fakten oder Hintergründe des Anschlags genannt, so wie wir das eher aus dem deutschen Fernsehen gewohnt waren. So wurde zum Beispiel ganz lange auf einen roten Stöckelschuh vor den zerstörten Gebäuden gezoomt – was war die Aussage dahinter? War es das, was die Journalisten gemeint hatten? Dieses Bild habe ich tatsächlich heute noch im Gedächtnis.

Unglaubliches Glück hatten wir mit der Ausreise. Tagelang war der Flugverkehr unterbrochen und die Leute saßen auf den Flughäfen fest. Unser Flug war der allererste, der regulär ausflog! Was für ein Glück, den verwandtschaftlichen Beziehungen und Fachwissen zu verdanken: Ken arbeitete für eine Fluglinie und wusste, wie er an Informationen herankam. Alleine wären wir aufgeschmissen gewesen. Es sollte ein denkwürdiger, aber auch der letzte USA‑Aufenthalt bleiben.

Hans-Peter Kaps:

Am frühen Vormittag des 11. September 2001 bat ich die Mitarbeiter der ergotherapeutischen Abteilung der Berufgenossenschaftlichen Klinik Tübingen in mein Arbeitszimmer. Als Chefarzt der Abteilung für Querschnittgelähmte, Orthopädie und Rehabilitationstherapie war ich ärztlicherseits für die ergotherapeutische Abteilung zuständig. Anlass der Zusammenkunft war ein runder Geburtstag der Leiterin der Ergotherapieabteilung.

Als Geschenk überreichte ich ihr eine Vase. Ich erläuterte, dass ich diese Vase im Museums-Laden des World Trade Centers 1 Jahr zuvor erworben hatte. Das Besondere an dieser Vase ist, dass sie aus Material der Fassade des World Trade Centers hergestellt ist: Aluminium und Glas. Wir ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, welche Katastrophe sich kurze Zeit später am gleichen Tag in New York ereignen würde.

Dies wurde uns spätestens nachmittags auf dem Nachhauseweg bewusst. Ich war erschüttert ob der Zeitgleichheit der Ereignisse. Diese Geburtstagsansprache am 11. September 2001 werde ich nie vergessen.

Simone Holzer:

Der Tag ist untrennbar mit unserer Ankunft in Santiago de Compostela nach einer erlebnisreichen Radreise durch Nordspanien verbunden. Nach vielen interessanten Begegnungen, euphorisierenden Radkilometern unter der zuweilen sengenden Spätsommersonne, hartnäckigen Platten und schnarchgeprüften Pilgerherbergsnächten waren wir sehr gespannt auf die Stadt Santiago.

Nach unserer Ankunft trafen wir bekannte Radpilger wieder und setzten uns in einer kleinen Gruppe zusammen auf die Terrasse eines Cafés. Der junge Mann, der uns einlud und bezahlen wollte, blieb sehr lange weg und kam mit einigermaßen ratlosem Gesicht zurück. Er konnte die Bilder auf dem Fernsehschirm im Café nicht einordnen. Es sähe aus wie eine Übertragung, aber das könne doch nicht sein, es handele sich dann wohl eher um irgendeinen Hollywood-Actionfilm.

Dass es nicht so war, erfuhren wir bald, bevor das Mobilfunknetz in der Stadt zusammenbrach. Die letzten Reisetage an Galiziens Atlantikküste waren keine unbeschwerten Urlaubstage mehr.

Serpil Prange:

Mein Mann und ich vergessen regelmäßig unseren Hochzeitstag – nie aber den Tag unseres ersten Kusses am 11. September. An dem Tag nehmen wir uns beide jedes Jahr frei, um zusammen etwas zu unternehmen.

Am 11. September 2001 machten wir einen Ausflug nach Zürich. Wir spazierten durch die Spiegelgasse, wo einst im Cabaret Voltaire die Dadaisten, argwöhnisch beäugt von einem Nachbarn namens Lenin, ihren Schabernack trieben. Wir tranken Kaffee im Café Sprüngli und gingen auf der Bahnhofstraße shoppen.

Den Tag wollten wir mit einem Abendessen ausklingen lassen. Auf der Suche nach einem Restaurant zeigte mein Mann plötzlich auf eine Dönerbude, vor der sich eine große Menschenmenge versammelt hatte. „Da kehren wir ein“, sagte er im Scherz. Doch als wir nähertraten, verschlug es uns den Atem. Der Andrang galt nicht dem gastronomischen Angebot, der Grund für den Menschenauflauf war vielmehr ein Fernsehapparat, der in Endlosschleife die Schreckensbilder von den Twin Towers reproduzierte. In panischer Angst riefen wir zu Hause unsere Tochter an, und nachdem wir uns vergewissert hatten, dass alles mit ihr in Ordnung war, fuhren wir ohne Abendessen zurück nach Tübingen, um so schnell wie möglich als Familie wieder zusammen zu sein.

Und die Schweizer? Wir hatten den ganzen Tag mit Dutzenden von Menschen Kontakt, sprachen mit Kellnern und Verkäuferinnen. Aber kein Wort von dem, was in Amerika passiert war.

„Tu felix Helvetia!“ Oder: „Was gaht eus de Schissdräck in andere Länder a?"

Rosemarie Sieß-Vogt:

Meine Familie und ich unternahmen im August/September 2001 eine 4-wöchige Rundreise durch die USA. Unsere Route führte über einen Verwandtenbesuch in Maryland zu den Niagara-Fällen und nach Toronto, weiter zu Freunden in Ohio bis hin zu einer Freundin in Aspen, Colorado. Zurück ging es über die Südstaaten. Am Donnerstag, 6. September, kamen wir in Washington D.C. an und waren über das riesengroße Pentagon erstaunt.

Wir gingen einfach eine Außentreppe hoch und konnten problemlos, am Pförtner vorbei, ohne Kontrolle (jede und jeder hatte einen Rucksack auf dem Rücken) oder Frage nach unserem Vorhaben, ins Pentagon gelangen und uns dort umschauen. Weiter ging es nach New York. Am Freitag, 7. September, besuchten wir die Freiheitsstatue. Mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken durfte man die Freiheitsstatue im Innern erklimmen. Abends brachten wir eine unserer Töchter zum Flughafen, da sie noch 3 Wochen in Ohio die Schule besuchen wollte – woraus dann allerdings nichts wurde …

Unser Flug zurück nach Deutschland ging am Samstagabend, 8. September. Da wir zwischendurch auf unserer Reise den Camper hatten wechseln müssen, wussten wir, dass das gesamte Interieur des Campers im Container landen würde. So nahmen wir im Handgepäck Pfannen, Teller, Besteck und lange Brotmesser mit. Kein Mensch interessierte sich am Flughafen dafür, niemand öffnete unser Handgepäck! Als wir losflogen, sahen wir von oben um die Twin Towers ein wunderschönes Feuerwerk – wie für uns zum Abschied gemacht, sagten wir… Ja, es war ein Abschiedsfeuerwerk, allerdings anderer Art.

Am Dienstag, 11. September, kam um 15 Uhr mein Mann ins Haus gerannt: „Schnell, mach den Fernseher an, im Radio kam soeben, dass in New York ein Attentat passiert ist.“ So sahen wir noch – live –, wie das zweite Flugzeug einige Minuten später in den zweiten Turm krachte. Unsere Tochter in Ohio fühlte sich ab diesem Tag sehr unwohl. Kein Unterricht mehr, das ganze Volk war hysterisch. In der Schule und auch zu Hause nur noch Fernsehen. Wir waren alle glücklich, als sie zweieinhalb Wochen später wieder daheim war.