Preisgekrönter Journalist
: Thumilan Selvakumaran für seine hartnäckige Recherche ausgezeichnet

Der Redakteur vom Haller Tagblatt hat für seine Recherchen unter dem Titel „Polizeibeamte im Blindflug“ den bundesweit renommierten Stern-Preis bekommen. In der Redaktion wurde das mit einem Empfang gefeiert.
Von
Marcus Haas
Schwäbisch Hall
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Stern-Preis für Redakteur Thumilan Selvakumaran - Bericht "Polizeibeamte im Blindflug" wurde 2024 als bundesweit beste lokale Recherche ausgezeichnet.  Empfang dazu in der Redaktion des Haller Tagblatt

Stern-Preis für Redakteur Thumilan Selvakumaran - Bericht "Polizeibeamte im Blindflug" wurde 2024 als bundesweit beste lokale Recherche ausgezeichnet. Empfang dazu in der Redaktion des Haller Tagblatt

Ufuk Arslan

Im Journalisten-Leben ein eher seltenes Ereignis: Es gibt einen Preis für eine außerordentlich gute Leistung. Noch seltener: Der Preis zählt deutschlandweit zu den renommiertesten, ist gar der renommierteste über alle Mediengattungen hinweg – dann wird es historisch. Redakteur Thumilan Selvakumaran vom Haller Tagblatt hat genau das in seinem Beruf erreicht. Der 42-Jährige ist mit dem Stern-Preis (früher Henri-Nannen-Preis) ausgezeichnet worden, der einen Scheinwerfer auf hochwertigen Journalismus richtet.

Selvakumaran setzte sich dabei in der Kategorie „Lokal“ unter dem Titel „Polizeibeamte im Blindflug“ im Alleingang gegen Beiträge, gegen Rechercheteams von Medienunternehmen wie Süddeutsche Zeitung, Bayerischer Rundfunk oder hr-Fernsehen durch. Mit seinen Recherchen machte er mutig und hartnäckig da weiter, wo andere längst aufgegeben haben, setzte in Abstimmung mit Angehörigen kriminaltechnische Methoden am Tatort ein, ließ mit Luminol Blutspuren sichtbar werden – bis die Recherchen das Schweigen unmöglich machten.

Tötungsdelikt übersehen

Selvakumaran deckte auf, dass die Polizei bei den „Witwenmorden“ von Schwäbisch Hall ein Tötungsdelikt übersehen hatte. Am Ende entschuldigte sich der Polizeipräsident öffentlich und bestätigte, dass Qualitätsstandards der Spurensicherung nicht eingehalten worden seien. Der Oberstaatsanwalt machte als Konsequenz deutlich, dass er bei Todesfällen künftig wohl eher eine Obduktion anregen werde. Klar, dass diese sehr besondere Auszeichnung in der Geschichte des Haller Tagblatts mit einem Empfang in der Redaktion gewürdigt wird. Eingeladen hat Thomas Radek, Geschäftsführer der SÜDWEST PRESSE Hohenlohe.

„Wir gratulieren unserem Redakteur Thumilan Selvakumaran ganz herzlich zu dieser herausragenden publizistischen Leistung, zu diesem tollen Erfolg“, sagt Radek. In der journalistischen Recherche müssen vor allem die Fakten, die harten Fakten stimmen. Selvakumaran betont: „Gerade im lokalen Raum, wo man regelmäßig mit den Akteuren zu tun hat, sind Gegenreaktionen auf kritische Berichte groß – und werden häufig auch persönlich, wie ich mehrfach erleben musste. Dennoch ist es unsere journalistische Pflicht, dranzubleiben und nicht wegzuschauen. Umso dankbarer bin ich meinen Kollegen, der Redaktionsleitung und der Geschäftsführung für die Rückendeckung.“

Stern-Preis für Redakteur Thumilan Selvakumaran - Bericht "Polizeibeamte im Blindflug" wurde 2024 als bundesweit beste lokale Recherche ausgezeichnet.  Empfang dazu in der Redaktion des Haller Tagblatt mit Redaktionsleiter Marcus Haas und Geschäftsführer Thomas Radek

Zusammen mit einem Teil der Kollegen in der Redaktion wurde der Preis gefeiert. Vorne stehen Thomas Radek, Geschäftsführer der SÜDWEST PRESSE Hohenlohe (SHO), Thumilan Selvakumaran und SHO-Redaktionsleiter Dr. Marcus Haas.

Tobias Würth

Rechte und Pflichten

Die preisgekrönte Arbeit des Kriminalreporters Selvakumaran macht deutlich, warum Grundlagen wie Pressefreiheit und öffentliche Aufgabe der journalistischen Arbeit im Grundgesetz, in Landespressegesetzen verankert sind, damit Kritik- und Kontrollfunktion wahrgenommen werden kann, damit solche Missstände ans Licht kommen. Zur Erfüllung der öffentlichen Aufgabe haben Journalisten Sonderrechte wie den Informationsanspruch gegenüber Behörden. Doch manchmal reichen diese nicht, weswegen investigative Methoden und vor allem Hinweisgeber gebraucht werden, um zur Wahrheit zu gelangen – auch bezüglich Quellen schützt der Gesetzgeber Journalisten und Informanten.

Der Gesetzgeber hat ihnen aber auch besondere Pflichten auferlegt wie die Sorgfaltspflicht, die Journalisten anhält, alle Nachrichten vor ihrer Verbreitung sorgfältig auf Wahrheit, Inhalt und Herkunft zu überprüfen. Die Sorgfaltspflicht ist besonders im lokalen Nahraum wichtig, denn die Medienschaffenden sind Teil der Region, aus der sie berichten. Selvakumaran packt heiße Eisen im vertrauten Lebensumfeld an, recherchiert an kontroversen Themen – das polarisiert, erzeugt besonders oft hartnäckigen Widerstand, Einschüchterungsversuche und mitunter abwehrstrategische Reflexe der Protagonisten gegenüber dem Berichterstatter wie Skandalisierung und Kampagnenjournalismus. Deshalb muss immer wieder ein Faktencheck erfolgen, kritische Substanz abgeklopft, die eigene Vorgehensweise in der Recherche hinterfragt, Gegenpositionen eingenommen, Widersprüchen auf den Grund gegangen werden, um der Wahrheit Schritt für Schritt näherzukommen.

Kein Glückstreffer

Ein Blick auf einige Beispiele der Arbeit von Selvakumaran verdeutlicht, dass dieser Preis kein Zufall, kein Glückstreffer ist, sondern vielmehr Folge einer Entwicklung hin zum investigativen Journalisten. Der 42-Jährige hat sich bereits mit Recherchen zur rechtsextremen Terrorgruppe NSU bundesweit einen Namen gemacht, war aufgrund seiner Expertise Sachverständiger im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags. Seine Recherchen führten mit dazu, dass es zum Prozess gegen einen Ex-OB vor dem Haller Amtsgericht wegen Untreue und Vorteilsannahme kam. Dieser zahlte 15.000 Euro, damit das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde. Selvakumaran machte öffentlich, dass es an der Haller Waldorfschule zu einem Missbrauchsfall kam. Er berichtete über einen Haller Bestatter, der Kunden betrog und Verstorbene pietätlos behandelte. Dies alles erfordert Mut und Rückgrat, viel Kraft für die nächsten kontroversen Themen, an denen Selvakumaran bereits recherchiert.

Stern-Preis für Redakteur Thumilan Selvakumaran - Bericht "Polizeibeamte im Blindflug" wurde 2024 als bundesweit beste lokale Recherche ausgezeichnet.  Empfang dazu in der Redaktion des Haller Tagblatt mit Redaktionsleiter Marcus Haas und Geschäftsführer Thomas Radek sowie der damalige Preisträger Michael Sylvester Koziol ( 1983, Wächterpreis )

Zwei bedeutende Preise mit nehr als vier Jahrzehnten Abstand: Links Thumilan Selvakumaran mit den Stern-Preis 2024, rechts Michael Sylvester Koziol mit dem Wächterpreis 1983.

Tobias Würth

Ähnliche Preise vor über 40 Jahren

Dass diese Auszeichnung etwas ganz Besonderes ist, verdeutlicht auch ein Rückblick, denn es ist über vier Jahrzehnte her, dass Redakteure vom Haller Tagblatt einen ähnlich bedeutsamen Preis erhielten: 1983 erreichten Michael Sylvester Koziol, Gerd Haida und Alfred Schmidt den dritten Platz bei der Verleihung des Wächterpreises der Tagespresse. Sie hatten über Zwangsaufenthalte für ausländische Mütter und deren Kinder im Dritten Reich im Gantenwald nahe Bühlerzell berichtet. 1980 wurde Klaus Hellweg vom Haller Tagblatt mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. In seinen Recherchen ging er der Frage nach, welche Daten von ihm bei Behörden und Stellen vorlagen. 1982 bekam Knut Siewert beim Hohenloher Tagblatt in Crailsheim einen Wächterpreis. Er recherchierte und schrieb unerschrocken über die kommunalpolitische Selbstherrlichkeit in Crailsheim.

Seit 2006 Redakteur beim Haller Tagblatt

Thumilan Selvakumaran wurde am 21. Februar 1982 in Point Pedro, dem nördlichsten Punkt der Insel Sri Lanka geboren – rund ein Jahr vor Ausbruch des bewaffneten Bürgerkriegs dort. 1984 flüchtete sein Vater als von der singhalesischen Regierung politisch verfolgter Tamile, kam über Umwege nach Schwäbisch Hall, holte die Familie schließlich nach. Am 10. Mai 1986 landeten der damals vierjährige Thumilan Selvakumaran, seine Mutter, seine sechsjährige Schwester, sein neunjähriger Bruder in Frankfurt, verbrachten einige Zeit in der LEA in Karlsruhe, durften später aber zu ihrem Vater nach Schwäbisch Hall.

Nach Erasmus-Widmann-Gymnasium und Zivildienst bei der städtischen Kinder- und Jugendarbeit bekam Selvakumaran in der Folge von Praktikum und freier Mitarbeit ein Volontariat beim Haller Tagblatt. 2006 wurde er direkt als Redakteur übernommen.

In der Anfangszeit war er beim Haller Tagblatt zum größeren Teil als Fotograf neben Ufuk Arslan im Einsatz. Das veränderte sich immer mehr in Richtung Schreiben und Recherchieren von Geschichten, in Richtung investigativer Journalismus.

Inzwischen ist Thumilan Selvakumaran verheiratet und hat drei kleine Töchter. Seine Eltern und sein Bruder (Abteilungsleiter Bausparkasse) mit Familie leben auch noch in Schwäbisch Hall, seine Schwester (Vorstandsmitglied für Finanzen) mit ihrer Familie in London. ⇥cus