Streuobst im Fokus: Worum es beim ersten Lucas-Fest in Reutlingen ging

August Kottmann ist Küchenmeister und derzeit in 6. Generation im Restaurant Hirsch in Gosbach tätig. Er kennt zudem hunderte Apfelsorten. Seine Lieblingssorte: die Luike. Beim ersten Lucas-Fest hielt er einen Vortrag.
Lea IrionReutlingen hat am 14. September Geschichte geschrieben. So sieht es zumindest Ralf Röckel. Als er kurz nach 11 Uhr am Samstag mit einem Mikrofon vor die Leute trat und verkündete, dass der 14. September ein „historischer Tag“ für die Stadt werden würde, zog der Himmel über ihm auf. Das herbstliche Wetter des Vortags machte wohl extra für die Zeit seiner Ansprache eine Pause. Ein Zeichen? Für Röckel eindeutig. „Man muss nur die richtigen Leute einladen, dann klappt’s auch mit dem Wetter!“
Doch worum ging es eigentlich? Die Farbe von Röckels Pullover deutete das Thema an: ein sattes Grün, wie man es auf den Reutlinger Streuobstwiesen findet. Denn diese nehmen im Landkreis eine wichtige Rolle ein: Viele Menschen lesen Jahr für Jahr das Obst ihrer Bäume auf und verarbeiten es weiter. Der richtige Baumschnitt spielt da ebenso eine Rolle wie die Pflege der Wiesen und die Artenvielfalt in der Region. Ralf Röckel, seinerseits Vorsitzender des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Reutlingen, weiß um die Wichtigkeit des Streuobsts. Und um die Wichtigkeit des Mannes, der den Obstbau in Reutlingen entscheidend geprägt hat.

Ralf Röckel (links) und Ulrich Schroefel nach dem Fassanstich.
Lea IrionAus diesem Grund stieg am 14. September das erste Lucas-Fest in der Pomologie, in „Reutlingens Rohjuwel“, wie Oberbürgermeister Thomas Keck laut Ralf Röckel gesagt haben will. Der Name rührt von Eduard Lucas, der als Pionier des deutschen Obstbaus gilt und im Jahr 1860 in Reutlingen eine private Lehranstalt für Gartenbau, Obstkultur und Pomologie gegründet hatte. Eduard Lucas war auch Geschäftsführer des von ihm gegründeten Deutschen Pomologen-Vereins. Um dieses Erbe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, entschied sich der Kreisverband dazu, einen Tag zu seinen Ehren zu veranstalten – und im selben Zuge einen Förderverein zu gründen. Aus Sicht Röckels nur logisch, denn in der Pomologie sieht er „so etwas wie das heilige Land der Streuobstbauern“.
„Wir wollen viel mehr Leute dafür begeistern, vor allem die jungen“
Röckel sagt, jeder kenne die Pomologie in Reutlingen, aber was dahinter steckt, bliebe oft im Verborgenen. „Wir wollen das Bewusstsein für das Erbe von Eduard Lucas wecken“, so der Vorsitzende des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine. Ulrich Schroefel, ehemaliger Geschäftsführer der Reutlinger Kreisobstbauern, pflichtet dem bei. „Wir wollen viel mehr Leute dafür begeistern, vor allem die jungen“, sagt Schroefel. Denn die seien es, die die heutigen Streuobstwiesen im besten Fall irgendwann bewirtschaften.
Davon waren am Samstag sogar schon zwei vertreten: Fabio und Felix, 19 und 15 Jahre alt, waren an ihrem eigenen Stand in der Pomologie anzutreffen. „Zukunftsgeneration Streuobst“ nennen sie sich, und sie betreiben einen eigenen Account auf Instagram, auf dem sie ihr Hobby unter Gleichaltrige bringen möchten. „Ich war schon im Kindesalter mit meinem Vater immer auf den Wiesen unterwegs“, blickt Fabio zurück, und Felix hat eine ähnliche Vergangenheit. „Mein Uropa hatte viele Streuobstwiesen und ich habe früh gelernt, wie man Bäume schneidet. Irgendwann habe ich dann meinen Juniorfachwirt gemacht“, erzählt der 15-Jährige. Vor einem Jahr haben sich er und Fabio zur Zukunftsgeneration Streuobst zusammengetan.
„Wir haben zum Beispiel schon einen Schnittkurs gemacht, da waren 12 Leute da“, erinnert sich Fabio. Ein Meilenstein für das Duo, aber das Thema Streuobst ist keines, das unter jungen Leuten einfach zu vermarkten ist. Trotzdem versuchen die beiden Reutlinger, ansprechende Inhalte auf Instagram zu posten. „Wir stellen gerade jede Woche eine ‚Sorte der Woche‘ vor“, sagt der 19-Jährige und zeigt ein Video auf seinem Handy, auf dem er selbst mit zwei Äpfeln der Sorte „Rote Sternrenette“ zu sehen ist. Auch wenn die Arbeit mühsam ist: Die beiden machen weiter – und begeisterten vor allem beim Lucas-Fest die älteren Streuobstbauern. „Das hier ist die Zukunftsgeneration, von der wir viel mehr brauchen“, war Ralf Röckels Urteil, als er den Stand besuchte.
Fortsetzung könnte es schon im Folgejahr geben
Die Vielfalt dieser Stände war indes groß: Marmeladen und Liköre, Most, Essig und Seccos, Kettensägenkunst und seltene Sorten waren nur eine kleine Auswahl dessen, was beim ersten Lucas-Fest geboten wurde. Die Krönung des Tages war jedoch wie eingangs erwähnt die Gründung des neuen Fördervereins „Eduard Lucas-Haus“, zu der nebst OB Keck auch Staatssekretärin Sabine Kurtz vom Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft geladen war. Ziel des Fördervereins ist es zum Beispiel, Fortbildungen im Lucas-Haus anzubieten und über die Vergangenheit der Pomologie aufzuklären.
Insofern hat der Kreisverband der Obstbauern ja wirklich sein eigenes, kleines Stück Geschichte geschrieben. Ob es 2025 eine Fortsetzung des Lucas-Tages gibt? Ralf Röckel hat keine eindeutige Antwort, aber man darf es wohl hoffen: „Wir haben es das erste Lucas-Fest genannt. Drum müssen wir ja eigentlich auch ein zweites machen, und ein drittes …“











