Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde dabei unter anderem verkündet, wohin der Rettungshubschrauber „Christoph 41“ aus Leonberg verlegt wird. Bekanntlich hatten die Landkreise Reutlingen und Tübingen hierfür Bewerbungen für passende Standorte abgegeben.
In der Universitätsstadt wurde demnach - nahezu ohne Beteiligung der Öffentlichkeit - ein Standort auf dem Dach der BG-Unfallklinik vorgeschlagen. Im Landkreis Reutlingen wurde nach langer Suche ein Standort auf Wannweiler Gemarkung an der Bundesstraße 28 gefunden, zunächst aber vom dortigen Gemeinderat abgelehnt. Erst nachdem ein Bürgerentscheid dieses Votum des Gemeinderates gekippt hatte, konnte sich der Landkreis zusammen mit den Kreiskliniken, die sich durch den Rettungshubschrauber unter anderem mehr Renommee und einen weiteren Notarzt für den Landkreis erhoffen, offiziell für diesen Standort bei Wannweil und dem Industriegebiet West starkmachen.

Wannweil/Kreis Reutlingen

Allerdings ohne Erfolg. Der Rettungshubschrauber Christoph 41 wird künftig im Landkreis Tübingen an der BG-Klinik stationiert werden. „Wir setzen auf eine hohe Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern“, sagte Klenk. Das wichtigste Ziel sei es gewesen, die Versorgung für die Bevölkerung auf ein gleiches Niveau zu bekommen.
Die Pressekonferenz stand unter dem Motto „Künftiges Luftrettungsnetz - Luftrettungsstandorte Baden-Württemberg“ und stieß auf ein größeres Medieninteresse, zu den Medien sprach dabei Staatssekretär Wilfried Klenk sowie Dr. Stephan Prückner von der Universität München, der im Auftrag des Landes das Strukturgutachten zur Luftrettung in Baden-Württemberg erstellt und dabei unter anderem eine Versorgungslücke auf der Schwäbischen Alb ausgemacht hat. Zwar erreichen schon heute Rettungshubschrauber die Region, allerdings nicht in dem vom Land geforderten Zeitraum von 20 Minuten nach der Alarmierung. Um diese Lücke zu schließen, schlug das Gutachten unter anderem eine Verlegung des derzeit in Leonberg stationierten Rettungshubschraubers „Christoph 41“ auf die Achse Reutlingen - Tübingen vor. Weitere Teilnehmerin der Pressekonferenz war Astrid Rumler, Leiterin des Referates für Rettungsdienst am Innenministerium.
Im Verlauf der Pressekonferenz wurde deutlich, dass das Votum des Wannweiler Gemeinderates eine große Rolle gespielt hat. „Nach diesem negativen Votum im Juli konnten wir natürlich nicht die Hände in den Schoss legen und abwarten, ob sich dort noch etwas tut“, erklärte Staatssekretär Klenk.
Stattdessen habe man die Gespräche mit der Stadt Tübingen und der BG-Klinik intensiviert, was „noch weitere Vorteile des Standortes Tübingen gezeigt“ hätte. Dennoch sei es „super toll“ gewesen, dass die Wannweiler den Bürgerentscheid initiiert hätten. Aus Respekt gegenüber diesem Bürgerentscheid habe man die Entscheidung für Tübingen erst jetzt kommuniziert. „Sonst hätten die Wannweiler den Bürgerentscheid vergessen können“, erklärte Klenk: „So konnten die Wannweiler ein Zeichen setzen und signalisieren, dass sie mehrheitlich nicht gegen den Rettungshubschrauber waren. So gibt es keinen Makel für die Zukunft.“
Das vielkritisierte Votum des Wannweiler Gemeinderates, auch das machte Klenk deutlich, sei landesweit „eine Ausnahme“ gewesen - überall sonst hätten sich die Kommunen gegenüber der Standortdiskussion äußerst offen gezeigt und sich für den Rettungshubschrauber ausgesprochen. Grundsätzlich sei auch der Standort Wannweil möglich gewesen, erklärte Klenk.

BG-Kliniken bezahlen Baukosten

Für den Standort in der Universitätsstadt spreche nach Angaben Klenks unter anderem, dass der Rettungshubschrauber „Christoph 41“ schon heute häufig die Tübinger Kliniken mit Schwerverletzten oder schwer erkankten Patienten als Zielkliniken ansteuern würde, rund 170 Mal pro Jahr in 2021 und 2022. Vermeidbare Rückflüge an den eigentlichen Standort in Wannweil würden damit nicht entstehen. Zudem sei die berufsgenossenschaftliche Unfallklinik in Tübingen bundesweit bisher die einzige BG-Klinik ohne einen eigenen Rettungshubschrauber-Standort. Zuvor hatte der Staatssekretär allerdings noch betont, dass die Rettungshubschrauber weder einer Klinik, noch einem Landkreis oder einer Stadt gehören würden. „Die Verantwortlichen der Stadt Tübingen haben uns zudem signalisiert, dass in Tübingen nicht mit Widerständen und Protesten zu rechnen ist“, erklärte Klenk, schließlich gäbe es dort an den Kliniken schon längst zahlreichen Flugverkehr. Allein: In Tübingen fand eine Beteiligung der Bevölkerung an der Standortentscheidung nicht statt, das Konzept für einen Standort auf der BG-Klinik wurde vorab - auch auf Anfragen von Medienvertretern - nicht veröffentlicht. Der Standort in Tübingen muss massiv umgebaut werden: Zwar gibt es auf dem Dach der BG-Klinik bereits einen Hubschrauberlandeplatz - wie am Reutlinger Klinikum am Steinenberg auch -, doch fehlen dort noch ein Hangar für die Unterbringung und Wartung des Hubschraubers, ebenso fehlen Treibstofftanks für das Flugbenzin. Bei einer Veranstaltung in Wannweil wurde mitgeteilt, dass auch die Statik des Klinikgebäudes massiv verstärkt werden müsste, um diese Dachaufbauten zu tragen. Nähere Informationen hierzu gibt es nicht - die BG-Kliniken veröffentlichten keinerlei Informationen zu ihrer Bewerbung.
Staatssekretär Klenk offenbarte allerdings, dass die BG-Kliniken bereit seien, die kompletten Kosten für den Aufbau des Rettungshubschrauber-Standortes aus eigener Tasche zu bezahlen. Klenk beeilte sich allerdings, umgehend festzustellen, dass dies „nicht zu unserer Entscheidungsfindung beigetragen hat“.

Reaktionen aus Reutlingen

Reutlingens Landrat Dr. Ulrich Fiedler teilte mit: „Seit dem Bürgerentscheid mit dem eindeutigen Votum für Christoph 41 und der Einreichung unseres Konzepts beim Innenministerium sind erst wenige Tage vergangen, auch eine Einladung nach Wannweil zur Besichtigung des möglichen Standorts wurde von Seiten des Innenministeriums nicht angenommen. Wie unter diesen Umständen eine qualifizierte Entscheidung möglich gewesen ist, kann ich mir nicht erklären.
Der Beschluss, den Rettungshubschrauber in Tübingen zu stationieren, ist für mich eine klare Fehlentscheidung. Die Vorteile des Standorts Wannweil wurden bei dieser Entscheidung nicht gesehen: Das absolute Top-Niveau der präklinischen Versorgung, die optimale Anbindung durch die Nähe zu B 28 sowie die ausgezeichnete luftfahrtrechtliche Genehmigungsfähigkeit sprechen eindeutig für Wannweil. Und nicht zuletzt ist die breite Unterstützung in der Bevölkerung ein Standortvorteil. Das würde eine schnelle Realisierbarkeit bei gleichzeitig deutlich geringeren Kosten bedeuten.
Stattdessen soll der Rettungshubschrauber auf dem Dach der Klinik in Tübingen stationiert werden - mitten im Stadtgebiet, ohne die Stimme der Tübinger Bürgerinnen und Bürger gehört zu haben. Vor diesem Hintergrund habe ich keinerlei Verständnis für die Entscheidung.“
Die Geschäftsführung der Kreiskliniken Reutlingen äußerte sich wie folgt: „Wir sind über die Entscheidung des Innenministeriums sehr enttäuscht und können nicht nachvollziehen warum unser Konzept, das neben allen geforderten Gutachten zusätzlich bereits durch den Bürgerentscheid in Wannweil eine breite Unterstützung in der Bevölkerung gefunden hat und auch kostentechnisch erheblich günstiger zu realisieren wäre, offensichtlich nicht einmal ernsthaft geprüft wurde.
Die Sachlage sprach klar für den Standort an der B 28, denn zwei Minuten können im Notfall über Leben oder Tod entscheiden, insofern wäre der Standort hinsichtlich der Flugzeit zu Einsätzen auf der Schwäbischen Alb ideal geeignet. Zudem wird am Standort Wannweil, der genau auf der geforderten Achse Reutlingen-Tübingen liegt, keine Wohnbebauung überflogen.
Geht es um die Qualität der präklinischen Versorgung, so ist der Landkreis Reutlingen mit fünf Notarztstandorten nachweislich seit vielen Jahren in der absoluten Spitzengruppe in Baden-Württemberg vertreten. Eine Stationierung des Christoph 41 in Wannweil wäre hier nur folgerichtig gewesen. Insofern erwarten wir eine transparente und ausführliche Darstellung der Entscheidungsfindung.“

Freude bei Boris Palmer

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer freute sich: „Die Landesregierung hat heute bekannt gegeben, dass Tübingen Standort für den Rettungshubschrauber Christoph 41 wird, der bisher in Leonberg stationiert war. Die Landefläche wird auf der BG Unfallklinik sein, wo ich mir nach meinem Unfall im Sommer schon mal die Aussicht angeschaut habe. Grandios. Schon seit meiner Zeit im DRK Rettungsdienst in Fellbach weiß ich, wie wichtig der Rettungshubschrauber ist, wenn die bodengestützten Notarztfahrzeuge ausgelastet sind.
Der Standort Tübingen ist schon geografisch richtig, weil damit die südliche Alb besser versorgt werden kann als von Leonberg. Dort besteht das größte Defizit. Der Standort BG Unfallklinik ist darüber hinaus medizinisch optimal, weil hier hoch engagierte Fachleute neue Qualitätsstandards einführen wollen und können. Zum Beispiel kann man schon auf dem Anflug wichtige Analysen und Untersuchungen machen, die man sofort an die Klinik überspielt. Da sind noch große technische Fortschritte möglich und hier können sie vorangetrieben werden.
Die Klinikleitung hat die Stadtverwaltung und den Gemeinderat frühzeitig über Ihre Bewerbung informiert. Ich freue mich, dass Tübingen den Zuschlag erhalten hat. Das ist medizinisch und für Notfallpatienten ein großer Fortschritt. Natürlich bedeutet das auch mehr Hubschrauberflüge für Tübingen. Schon heute werden viele Patienten durch die Luft antransportiert. Auch die Uniklinik hat ja einen Landeplatz. Es sind aber keine Nachtflüge vorgesehen. Und für die Rettung von Menschenleben kann Hubschrauberlärm kein Ausschlussgrund sein. Das hat erfreulicherweise auch eine Mehrheit der Bürger in Wannweil so gesehen, wo vor wenigen Wochen ein Bürgerentscheid über die Bereitstellung eines Landeplatzes stattgefunden hat. Also: Herzlich Willkommen Christoph!“
Tübingens Landrat Joachim Walter begrüßt die Entscheidung des Innenministeriums Stuttgart, den Rettungshubschrauber „Christoph 41“ an den Standort Tübingen zu verlegen. „Mit dem Universitätsklinikum Tübingen und der BG-Klinik Tübingen ist der Standort Tübingen geradezu prädestiniert als Luftrettungsstandort“, so Walter. In Tübingen sei eine hohe Notarztverfügbarkeit vorhanden, insbesondere auch in speziellen Bereichen der Notfallmedizin - wie beispielsweise bei Kindernotärzten. „Nachdem auch die logistischen und räumlichen Voraussetzungen bereits in Teilen gegeben sind, ist diese Lösung geradezu ideal – für die langfristige Stärkung und Weiterentwicklung der Rettungs- und Notfallmedizin am Standort Tübingen und vor allem für die Menschen in der Region, die in Tübingen eine medizinische Maximalversorgung auf höchstem Niveau vorfinden.“