Konzern-Standort in Reutlingen: Bosch baut weniger Stellen ab und investiert 650 Millionen Euro

Protest gegen Entlassungen bei Bosch in Reutlingen: Im November gingen rund 900 Angestellte des Konzerns auf die Straße, um sich gegen den Stellenabbau zu wehren.
Mathias Grimm (Archivfoto)- Bosch streicht bis Ende 2029 in Reutlingen und Kusterdingen 950 Stellen statt der geplanten 1100.
- Abbau soll sozialverträglich erfolgen: Abfindungen, Altersteilzeit, interne Vermittlungen.
- Konzern investiert bis 2029 rund 650 Millionen Euro in die Halbleiterproduktion.
- Steuergerätefertigung in Kusterdingen läuft aus, Fokus auf Leistungsmodule der neuesten Generation.
- IG Metall und Oberbürgermeister Keck äußern Bedauern, sehen aber Neuaufstellung als notwendig.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Bosch hatte im Juli 2025 Pläne zur Neuausrichtung des Standorts Reutlingen angekündigt, um Strukturen anzupassen und Kosten zu senken. Nun haben der Konzern als Arbeitgeber und die Vertreter der Arbeitnehmer eine Einigung gefunden. Es werden nicht wie angekündigt 1100 Arbeitsplätze in Reutlingen und Kusterdingen abgebaut, sondern 950 Stellen. Das gab Bosch am Montag, 19. Januar, bekannt.
„Bis Ende 2029 sollen 950 Stellen der ursprünglich geplanten 1100 Stellen möglichst sozialverträglich über Angebote für Altersteilzeit und Vorruhestand, auf Freiwilligkeit beruhenden Abfindungen, interne Vermittlungen sowie die Nicht-Nachbesetzung von frei werdenden Stellen abgebaut werden“, heißt es im Statement von Bosch.
Bosch investiert 650 Millionen Euro in die Neuausrichtung
Gleichzeitig plant Bosch „unter Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Lage“ bis 2029 weitere rund 650 Millionen Euro in den Standort zu investieren und ihn künftig vor allem auf die Produktion und Entwicklung von Halbleitern auszurichten. „Im Werk Kusterdingen wird die Steuergeräteherstellung in den kommenden Jahren schrittweise auslaufen, um sich auf die Produktion von Leistungsmodulen der neuesten Generation zu konzentrieren“, erklärt Bosch. Wie die Investitionssumme auf die Werke in Kusterdingen und in Reutlingen entlang der Bantlinstraße und der Tübinger Straße aufgeteilt werden, ist offen.
Die Entwicklung von Steuergeräten und Leistungselektronik werde in Reutlingen in reduziertem Umfang fortgeführt. „Wie bisher sollen in Reutlingen rund 70 Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, mit der Möglichkeit für die Auslerner, nach ihrer Ausbildung vom Unternehmen unbefristet übernommen zu werden“, erklärt Anita Bunk, Pressesprecherin von Bosch in Reutlingen.
Neuausrichtung, weil die E-Mobilität kriselt
Im Juli 2025 hatte der Konzern in einem Statement die Neuausrichtung am Standort Reutlingen öffentlich gemacht. Bosch konzentriert sich hier nahezu komplett auf die Produktion von Halbleitern – in der Steuergerätesparte werden dagegen Stellen abgebaut. „Der Bosch-Geschäftsbereich Mobility Electronics ist in seiner Steuergerätesparte mit sich rasch verschärfenden Marktbedingungen konfrontiert und verzeichnet weiterhin deutliche Stückzahlrückgänge, auch aufgrund der Verzögerung von Schlüsseltechnologien wie der Elektrifizierung. Zudem haben sich der Wettbewerbs- und Preisdruck in diesem Segment insgesamt verschärft. Dies führt dazu, dass die Steuergerätefertigung am Standort Reutlingen weiterhin nicht mehr wettbewerbsfähig ist“, erklärt Bosch im Statement.
In den vergangenen Jahren haben Autohersteller viele Projekte in der E-Mobilität zurückgestellt oder aufgegeben. Das wirkt sich vor allem auf das Werk in Kusterdingen aus, weil dort bislang unter anderem Steuergeräte im automobilen Bereich – Motorsteuergeräte, Fahrzeugcomputer, Wechselrichter, Steuergeräte für Radar-, Kamera- oder Airbagsysteme – entwickelt und gefertigt wurden.
Der Geschäftsbereich Mobility Electronics umfasst beide Bereiche: Halbleiterproduktion und Steuergerätefertigung. Während die Nachfrage in einem Segment stetig steigt, sinkt sie im anderen. „Der erforderliche Stellenabbau fällt uns nicht leicht, ist zur Zukunftssicherung des Standorts jetzt aber dringend erforderlich“, wurde Dirk Kress, Mitglied des Bereichsvorstands Mobility Electronics bei Bosch, in der Pressemitteilung im Juli 2025 zitiert. „Wir möchten gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern eine Lösung finden und die Umsetzung der Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich gestalten.“
Betriebsrat: Abbau ist dennoch schmerzhaft
Das ist nun geschehen. Dass Bosch in Reutlingen und Kusterdingen weniger als 1100 Stellen abbaut und zudem 650 Millionen Euro in die Neuausrichtung investiert, sind angesichts der Umstände gute Nachrichten für die Standorte.
Schönreden möchte Thorsten Dietter die Situation trotz einiger Erfolge für die Arbeitnehmerseite in den Verhandlungen aber nicht. „Es ist dennoch traurig. Wenn 950 Stellen abgebaut werden, ist das auch für einen großen Standort wie hier sehr schmerzhaft“, sagt der Betriebsratsvorsitzende im Gespräch mit unserer Zeitung.
Dass die Auszubildenden übernommen werden, ist ebenso ein Erfolg für die Arbeitnehmer, wie die Absicherung der Leistungselektronik im Werk in Kusterdingen. Dort wird eine Großserienfertigung für die Leistungselektronik (Powermodule) angesiedelt, die eigentlich an einem Standort außerhalb Deutschlands aufgebaut werden sollte. Das gebe Zukunftsperspektive und sichere 63 Arbeitsplätze. Die weiteren 87 Stellen konnte man in den Verhandlungen sichern, „indem wir der Arbeitgeberseite aufgezeigt haben, dass der Stellenabbau in diesem Umfang nicht notwendig ist“, sagt Dietter.
Das sagt die IG Metall zu den Verhandlungen
Auch die IG Metall Reutlingen-Tübingen äußert sich auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE zu den Verhandlungen: „Der Beschäftigungsabbau beim größten Arbeitgeber ist ein harter Einschnitt – auch für die gesamte Region“, betont Geschäftsführerin Claudia Hülsken. „Für die Umsetzung in den nächsten vier Jahren wurden vielfältige Möglichkeiten, wie Übergangs- und Ausstiegsmodelle im Rahmen eines Freiwilligenprogramms geschaffen. Auch Versetzungen in andere Bereiche des Standorts werden vorgenommen.“
Dass das Unternehmen den Halbleiterbereich am hiesigen Standort mit 650 Millionen Euro stärkt, „sendet ein klares Signal: Die Region Reutlingen bleibt ein relevanter Innovations- und Produktionsstandort“, betont Hülsken.
Die Aktivitäten des Geschäftsbereichs Bosch eBike Systems und der Tochtergesellschaft Bosch Sensortec am Standort Reutlingen sind von den Plänen nicht betroffen.
Reutlingens Oberbürgermeister: Neuaufstellung „unvermeidlich“
Bosch beschäftigt in Reutlingen und Kusterdingen insgesamt (noch) etwa 10.000 Mitarbeitende und ist somit größter Arbeitgeber. Die Nachricht vom Stellenabbau habe Oberbürgermeister Thomas Keck „mit großem Bedauern vernommen“, so Keck im Juli 2025. „Für uns hier in Reutlingen ist einerseits jeder einzelne verlorene Arbeitsplatz einer zu viel. Andererseits liegt es auf der Hand, dass der Konzern auf Rentabilität achtet und auf den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit am Standort reagieren muss.“ Er könne die Entscheidung daher nachvollziehen. Die geplante Neuaufstellung bezeichnete Keck als „unvermeidlich“ und zugleich sei der Fokus auf die Halbleiterproduktion weiterhin ein klares Bekenntnis zum Standort Reutlingen.

