Konzern spricht von „Neuaufstellung“
: Bosch baut bis zu 1100 Stellen in Reutlingen ab

Der Geschäftsbereich der Steuergerätesparte sei in Reutlingen nicht mehr wettbewerbsfähig. Der Konzern spricht offen von einem Stellenabbau, Reutlingens Oberbürgermeister mit klarem Statement.
Von
Maik Wilke
Reutlingen
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Der Bau der neuen Fertigungshallen für Halbleiter hat bei Bosch in Reutlingen aktuell absolute Priorität.

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Als erstes Unternehmen in Deutschland setzt Bosch in Reutlingen 5G bei der Produktion ein. Der Test soll zeigen, ob die elektromagnetische Wellen ein Störfaktor sind.

Der Bau der neuen Fertigungshallen für Halbleiter hat bei Bosch in Reutlingen aktuell absolute Priorität.

Martin Stollberg/Bosch
  • Bosch plant bis 2029 den Abbau von bis zu 1100 Stellen in Reutlingen.
  • Geschäftsbereich Mobility Electronics wird eingestellt – Fokus künftig auf Halbleiterproduktion.
  • Gründe: Rückgang bei Steuergeräte-Nachfrage und zunehmender Preisdruck.
  • Halbleiterproduktion in Reutlingen wird ausgebaut, Investitionen von 3 Mrd. Euro seit 2023.
  • Gespräche mit Arbeitnehmervertretern sollen sozialverträgliche Lösungen finden.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Technologiekonzern Bosch fokussiert sich in Reutlingen künftig nahezu komplett auf die Produktion von Halbleitern – in der Steuergerätesparte werden dagegen Stellen abgebaut. Das Unternehmen geht von bis zu 1100 Stellen bis Ende 2029 aus; betroffen davon sind die Steuergerätefertigung und -entwicklung sowie die Verwaltung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Bereichen arbeiten in Reutlingen und dem Werk im benachbarten Kusterdingen.

Der Geschäftsbereich in der Steuergerätesparte leidet erheblich unter der schwachen Autokonjunktur und „ist mit sich rasch verschärfenden Markt- und Wettbewerbsbedingungen konfrontiert und verzeichnet weiterhin deutliche Stückzahlrückgänge, auch aufgrund der Verzögerung von Schlüsseltechnologien wie der Elektrifizierung“, erklärt das weltweit agierende Unternehmen am Dienstag in einer Mitteilung. Der Wettbewerbs- und Preisdruck in diesem Segment hätten sich verschärft. „Dies führt dazu, dass die Steuergerätefertigung am Standort Reutlingen nicht mehr wettbewerbsfähig ist“, so Bosch.

Die Beschäftigten am Standort in Reutlingen und in Kusterdingen wurden am Dienstag über die „Neuaufstellung des Standorts“, wie es in der Bosch-Pressemitteilung heißt, informiert. Für einen Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind Arbeitsplätze in Gefahr. „Das Unternehmen muss Strukturen anpassen und Kosten senken. Vor diesem Hintergrund plant Bosch, den Standort in Reutlingen neu aufzustellen und künftig vor allem auf die Produktion von Halbleitern auszurichten. Auf Basis dieser Planungen rechnet Bosch mit einem Anpassungsbedarf am Standort Reutlingen bis Ende 2029 von bis zu 1100 Stellen in der Steuergerätefertigung und -entwicklung sowie in der Verwaltung“, schreibt der Konzern. Auf Nachfrage unserer Zeitung nennt das Unternehmen konkrete Zahlen für die beiden Werke: Betroffen sind rund 650 Stellen im Steuergerätewerk und rund 450 Stellen in der Steuergeräteentwicklung sowie in der Verwaltung.

Wie viele Arbeitsplätze werden gestrichen?

Wichtig: Der „Anpassungsbedarf“ von bis zu 1100 Stellen sei nicht gleichbedeutend mit einem Stellenabbau von 1100 Arbeitsplätzen. Das bestätigt eine Bosch-Sprecherin in Reutlingen auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. „Es gibt zum aktuellen Zeitpunkt keine Entscheidungen über mögliche Maßnahmen. Das Unternehmen wird die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern nun aufnehmen. Sobald Ergebnisse vorliegen, wird Bosch wie üblich zuerst die Mitarbeitenden informieren.“

Dass die Neustrukturierung mit einem Stellenabbau verbunden sein wird, ist offenbar sicher. Nur nicht, wie viele Stellen gestrichen werden. „Der erforderliche Stellenabbau fällt uns nicht leicht, ist zur Zukunftssicherung des Standorts jetzt aber dringend erforderlich“, wird Dirk Kress, Mitglied des Bereichsvorstands Mobility Electronics bei Bosch, in der Pressemitteilung zitiert. „Wir möchten gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern eine Lösung finden und die Umsetzung der Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich gestalten.“

Bosch: schnelle Anpassungen erforderlich

Der Geschäftsbereich Mobility Electronics umfasst beide Bereiche; Halbleiterproduktion und Steuergerätefertigung. Während die Nachfrage in einem Segment stetig steigt, sinkt sie im anderen.

An den Standorten Reutlingen und Kusterdingen entwickelt, industrialisiert und fertigt Bosch elektronische Automotive-Steuergeräte (ECUs) für die Partner-Geschäftsbereiche. „Wir müssen unsere Aufstellung schnell an die raschen Veränderungen im Markt anpassen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern, um den Standort nachhaltig zu stärken. Der europäische Markt für Steuergeräte ist stark preisgetrieben und durch neue Anbieter hart umkämpft,“ so Dirk Kress.

Die geplante Neuausrichtung des Standorts Reutlingen erfolgt laut Unternehmen vor dem Hintergrund fortgesetzter Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Halbleiterbereichs. Im Halbleiterbereich hat Bosch allein in den vergangenen drei Jahren rund drei Milliarden Euro aus eigenen sowie EU-Fördermitteln an den deutschen Standorten Dresden und Reutlingen investiert. Bis Ende 2025 wird die Reinraumfläche in Reutlingen um mehr als 5000 Quadratmeter erweitert. Ab 2026 soll die Produktion von Siliziumkarbid-Halbleitern dort vollständig auf Basis der neuesten Generation von Wafern erfolgen, die erhebliche Skaleneffekte ermöglichen.

OB Keck: Entscheidung scheint „unvermeidlich“

Bosch beschäftigt in Reutlingen insgesamt rund 10.000 Mitarbeitende und ist somit größter Arbeitgeber in der Region. Die Nachricht vom Stellenabbau habe Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck „mit großem Bedauern vernommen“, so Keck. „Für uns hier in Reutlingen ist einerseits jeder einzelne verlorene Arbeitsplatz einer zu viel. Andererseits liegt es auf der Hand, dass der Konzern auf Rentabilität achtet und auf den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit am Standort reagieren muss.“ Er könne die Entscheidung daher nachvollziehen. „Umso wichtiger ist es, dass die Bundesregierung mit den angekündigten, dringend notwendigen wirtschafts- und konjunkturpolitischen Maßnahmen zügig vorankommt.“

Die geplante Neuaufstellung bezeichnete Keck als „unvermeidlich“ und zugleich sei der Fokus auf die Halbleiterproduktion weiterhin ein klares Bekenntnis zum Standort Reutlingen.

eBike-Systems und Sensortec nicht betroffen

Die Aktivitäten des Geschäftsbereichs Bosch eBike Systems und der Tochtergesellschaft Bosch Sensortec am Standort Reutlingen sind von den Plänen nicht betroffen.

Mehrfach hatte der Konzern gegenüber der SÜDWEST PRESSE betont, dass man in Reutlingen die Halbleiterproduktion stärke. Das wurde als Bekenntnis zum Standort interpretiert. Andere Projekte, beispielsweise die gemeinsame Arealsentwicklung mit der Stadt Reutlingen, wurden aufgrund der angespannten Wirtschaftslage bereits auf Eis gelegt. Als im Frühjahr ein Personalabbau an anderen Standorten verkündet wurde, wurde Reutlingen nicht genannt. Nun trifft die schwächelnde Wirtschaft also auch die Achalmstadt.

Markt für E-Autos: Autohersteller geben Projekte auf

Bosch entwickelt und fertigt seit mehr als 60 Jahren Halbleiter, in Reutlingen seit mehr als 50 Jahren. Die hier entstehenden Halbleiter auf Basis der 150- und 200-Millimeter-Technologie kommen sowohl in Automobilanwendungen als auch in der Konsumentenelektronik zum Einsatz.

Die internationale Steuergerätesparte, zu der auch das Werk in Kusterdingen gehört, umfasst die Entwicklung und Fertigung von Steuergeräten im automobilen Bereich, zum Beispiel Motorsteuergeräte, Fahrzeugcomputer, Wechselrichter, Steuergeräte für Radar-, Kamera oder Airbagsysteme. Doch besonders der Markt für E-Autos macht Bosch zu schaffen. In einer Mitteilung erklärte der Konzern, auch der Markt für Zukunftstechnologie entwickle sich anders als ursprünglich erwartet. Das Unternehmen nannte dabei Fahrerassistenzsysteme, Lösungen zum automatisierten Fahren sowie Steuergeräte für zentralisierte Fahrzeugarchitekturen. Aktuell würden viele Projekte in diesem Geschäftsfeld von Automobilherstellern zurückgestellt oder aufgegeben. Der Wandel zum elektrifizierten, softwaredefinierten Fahrzeug verzögere sich enorm.