Geplantes Gewerbegebiet „Bol“: Wird wertvolle Fläche verschwendet?

Auf dieser Fläche im „Bol“ möchte die Stadt ein Gewerbegebiet entwickeln, das sieht zumindest der neue Flächennutzungsplan vor.
Alexander Thomys (Archivfoto)- In Reutlingen sollen 16 Hektar Gewerbeflächen entstehen, was Anwohner kritisieren.
- Solveigh Fuchs vom Reiterhof befürchtet erhöhtes Verkehrsaufkommen: 280 Lastwagen und 1900 Autos täglich.
- Friedhof vergrößert, Pferdepension betroffen, Stadtverwaltung prüft Flächennutzungsplan.
- Bürger können bis Ende Mai per Mail Stellung nehmen: beteiligung.stadtentwicklung@reutlingen.de.
- Fuchs fordert mehr Transparenz von der Stadt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Fläche ist für Kommunen ein knappes und umkämpftes Gut – gerade dort, wo mehrere Interessen aufeinandertreffen. Fläche ist endlich und fast jede Nutzung verdrängt eine andere. Das zeigt sich immer wieder, aktuell in Reutlingen rund um das Gebiet „Bol“. Dort sollen zwischen dem Römerschanzfriedhof und dem Orschel-Park 16 Hektar neue Gewerbeflächen entstehen, das sieht die Stadt zumindest im neuen Flächennutzungsplan vor. Doch das Thema ist brisant.
Die Pferdepension Eulengarten hat beim Baseball-Platz ihre Koppeln und wäre direkt von einem neuen Gewerbegebiet betroffen. Vor kurzem verteilten Reiterhof-Inhaberin Solveigh Fuchs und ihr Team Flyer bei Anwohnern – dabei stellte sich laut Fuchs heraus, „dass kein Anwohner über die Pläne informiert war. Es ist eigentlich nicht unsere Aufgabe, die Bürger über diese Entwicklungen zu informieren. Die Stadt hätte dies klar und transparent kommunizieren müssen. Die empörten Reaktionen sprechen für sich – die ‚Stimmung‘, die wir damit angeblich gemacht haben, entsteht allein durch die Kenntnisnahme der Fakten.“
280 Lastwagen und 1900 Autos mehr pro Tag
Und diese Fakten zeigen laut Fuchs ein alarmierendes Verkehrsaufkommen von zusätzlich 280 Lastwagen und 1900 Autos pro Tag, das durch das neue Industriegebiet verursacht würde. Das Gutachten, das auf dem Flyer aufgegriffen wird, hatte die Stadt in Auftrag gegeben. „Die geplante Verkehrsführung durch die Römerschanze über die Justinus-Kerner-Straße, Sickenhäuser Straße, Schanzstraße und Dietweg und die angrenzenden Wohngebiete sowie durch Sickenhausen, Degerschlacht und Betzingen wird die Sicherheit, Lebensqualität und Gesundheit der Anwohner erheblich beeinträchtigen“, betont die Reiterhof-Inhaberin.
Stadtplaner Stefan Dvorak hatte sich vor Kurzem bei einem von der Stadt organisierten Pressegesprächs zur möglichen Verkehrsanbindung geäußert. Die künftige Anbindung an die B 464 im Reutlinger Norden Richtung Stuttgart sei noch nicht geklärt, aber: „Wir brauchen eine gute Straßenanbindung“, sagte Dvorak. Nur dann sei das neue Gebiet für Gewerbetreibende interessant.
Kleinbetriebe könnten in Baulücken Fläche finden
Solveigh Fuchs führt weiter aus: „Die Stadt bestreitet vehement, jemals von ‚Großindustrie‘ gesprochen zu haben. Doch wir hatten eine zehnminütige Diskussion über die Bedeutung dieses Wortes und den zugehörigen Schwerlastverkehr, und es wurde uns mitgeteilt, dass dies die letzte zusammenhängende Fläche auf der Gemarkung Reutlingen sei, die für große Bauvorhaben attraktiv sei. Nun wird plötzlich von Gewerbe gesprochen, was in der Tat eine noch besorgniserregendere Entwicklung darstellt. Es ist nicht nachvollziehbar, warum für etwa 50 kleine Betriebe eine wertvolle große Fläche verschwendet werden soll, während in den bestehenden Gewerbegebieten in der Umgebung zahlreiche Leerstände existieren.“ Fuchs hätte sogar eher Verständnis dafür, wenn eine solche Fläche für einen Großinvestor genutzt würde. „Diese aber für 50 Kleinbetriebe zu verschleudern, die man genauso gut in Baulücken ansiedeln könnte, ist überhaupt nicht einzusehen.“
Dass die Veränderung des Flächennutzungsplans für strittige Debatten sorgen wird, ist der Stadtverwaltung bewusst. Widerstand von Anwohnern ist wahrscheinlich. Solveigh Fuchs wundert sich zudem darüber, wie die Stadt die 16 Hektar an Fläche ermittelt hat, denn: Ein Hektar entfalle auf die Hofstelle der Pferdepension Eulengarten. „Die wurde einfach mal mit eingerechnet, obwohl sie im Eigentum ist.“
Friedhofsfläche für Industrie
Weitere Flächen betreffen den Friedhof, der dann kleiner würde und direkt an einem Industriegebiet mit hohem Verkehrsaufkommen liegen würde. Dass der Friedhof Römerschanze tatsächlich verkleinert werden soll, hatte TBR-Chef Dirk Kurzschenkel bereits in einem anderen Gespräch gegenüber unserer Zeitung erklärt. Reutlingens Friedhöfe seien zu groß, weil man vor zehn Jahren von mehr Erdbestattungen ausgegangen ist. „Flächen, die wir ursprünglich für Bestattungen vorgehalten haben, brauchen wir dafür schlicht nicht mehr“, sagte Kurzschenkel im vergangenen Oktober. Damals war bereits von insgesamt vier Hektar Fläche die Rede, die auf den städtischen Friedhöfen eingespart werden soll.
Neben den Anwohnern werden auch Behörden den Flächennutzungsplan genau prüfen; die Frist für Stellungnahmen wurde bis Ende Mai verlängert. Bürgerinnen und Bürger können per Mail an beteiligung.stadtentwicklung@reutlingen.de Anregungen und Kritik äußern. Solveigh Fuchs hofft, dass viele genau dies tun werden: „Es ist an der Zeit, dass die Stadt Reutlingen die Interessen der Bürger ernst nimmt und transparent mit den geplanten Vorhaben umgeht. Der Erhalt von stadtnahen Naherholungsgebieten und kulturellen Einrichtungen sollte Vorrang vor kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen haben, die sich auch andernorts und anderweitig ohne neuen Flächenverbrauch verwirklichen lassen.“

