Drohungen und Hetze: Wie die Veranstalter des CSD Reutlingen auf Hass reagieren

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.
Lea IrionEigentlich lief dieses Jahr alles optimal. Sarah Süßmuth und Maximilian Berg standen noch am Nachmittag des 8. Juni 2024 neben der großen Bühne in Reutlingens Bürgerpark und erzählten freudig: „Dieses Jahr hat uns niemand gedroht.“ Keine Selbstverständlichkeit, war es doch 2023 zu Anfeindungen aus der rechten Szene gekommen. 2024 sollte anders werden – dachten sie.
Wenige Tage später ging ein Posting der SÜDWEST PRESSE auf Facebook viral. Der Beitrag selbst sollte nur auf die Berichterstattung über den CSD in Reutlingen verlinken. Doch die Kommentarspalte entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer Sammlung politischer wie persönlicher Hetze gegen die Menschen, die unter der Regenbogenflagge auf die Straße gegangen waren und für ihre Rechte demonstriert hatten.
„Uns war bereits klar, dass es negative Kommentare geben wird“
„Wir haben nicht alle Kommentare durchgelesen“, sagt Maximilian Berg im Nachgang. Über 1100 zählt das Posting bis dato, kein Wunder also, dass sich die Veranstalter nicht jeden Kommentar durchlesen konnten – oder wollten. Denn stellenweise gingen die Beiträge über freie Meinungsäußerungen hinaus. Teils so weit, dass sich die SÜDWEST PRESSE gezwungen sah, sie auszublenden oder zu sperren.

Maximilian Berg (links) und Sarah Süßmuth. Beide sind Teil des Orga-Teams des CSD Reutlingen.
Lea Irion„Uns war bereits klar, dass es negative Kommentare geben wird. Das ist nicht das erste Mal für uns als CSD Reutlingen“, merkt Berg an. Man erinnere sich an die Gewaltandrohungen aus dem letzten Jahr, die aus der rechtsextremen Szene gekommen waren, die Berg und seine Mitstreiter teils mit ungutem Gefühl zurückließen und verstärkte Polizeipräsenz erforderten. Der Einschüchterungsversuch scheiterte, das Team machte weiter – und hat heute ein noch dickeres Fell.
Deswegen gab es unter besagtem Posting auch einige Kommentare, über die Maximilian Berg durchaus lachen konnte. Zum Beispiel jener Kommentar, in dem ein Nutzer schrieb, dass er es den Demonstrierenden ja gönne, er das Thema Sexualität aber nicht permanent vor der Nase haben möchte, weil Kinder das genauso sehen würden. Maximilian Berg lässt sich eine ironische Bemerkung dazu nicht nehmen. „Aber wenn sich ein heterosexuelles Paar auf dem Marktplatz küsst, ist das in Ordnung? Sexualität ist kein Tabu-Thema.“
Veranstalter monieren unzureichende Aufklärung
Berg sagt, queere Menschen hätten sich lange genug in den eigenen vier Wänden versteckt. „Wir haben nun das Recht, genauso wie heterosexuelle Menschen in der Öffentlichkeit die gleichen Dinge zu tun.“ Insofern habe ihn die Bemerkung des Nutzers mehr verwundert als gestört. Doch nicht alle Kommentare waren so harmlos wie die eben beschriebenen.
„Einige zeigen eine Richtung zu der AfD. Andere Kommentare veranschaulichen, wie wichtig Aufklärung ist, denn viele User auf Facebook verstehen nicht genau, was wir mit einem CSD erreichen wollen und warum wir demonstrieren“, moniert der junge Veranstalter. Dazu gehören, zum Beispiel, solche Beiträge: „Ich habe den Verdacht, dass sich hier eher Menschen mit Minderwertigkeitsproblemen und Geltungssucht zur Schau stellen.“ Oder auch: „Wieso macht man sowas? Ich organisiere ja auch keine Parade, weil ich Kekse mag.“
Dass es beim Christopher Street Day aber um die Sichtbarkeit und Demonstration für die Rechte unterdrückter und verfolgter Gruppen geht, scheinen viele der Nutzerinnen und Nutzer nicht realisiert zu haben. „Die Kommentare zeigen schlichtweg, wie wichtig es ist, queeres Leben und somit auch den Christopher Street Day in die Region zu bringen“, sagt Maximilian Berg, der sich trotz allem nicht aus dem Diskurs zurückziehen möchte.
Denn für ihn und seine Mitstreiter sei klar, „warum wir hier in Reutlingen diesen Verein und damit auch dieses Thema in die Öffentlichkeit bringen“. Berg findet, dass solche Annahmen beweisen, wie wichtig es für den Verein ist, weiterzumachen. „Und das haben wir auch vor. Somit motivieren uns solche Kommentare eher.“
„Wir sind hier, um zu bleiben“
Auch deshalb suche man, wo immer es geht, das direkte Gespräch zu jenen Menschen, die dem Thema LGBTQIA+ kritisch gegenüber stehen. Doch für Berg wie auch die restliche Community ist klar: Das machen sie nicht zu jedem Preis. „Uns allen sollte klar sein, dass ein diskriminierendes, beleidigendes und verletzendes Verhalten – psychisch wie physisch – nicht tolerierbar ist“, mahnt er. Vielmehr wolle man da ansetzen, wo konstruktive Diskussionen auf fruchtbaren Boden fallen könnten.
„Wir sind offen für respektvolle und wertschätzende Gespräche. Oft sind es Unsicherheiten oder Falschinformationen, die Menschen dazu bewegen, solche Kommentare zu schreiben“, sagt der Reutlinger. Sein Verein bemüht sich deswegen um Aufklärungs- und Informationsveranstaltungen, die er immer wieder anbietet und bewirbt.
Maximilian Berg wirkt in der ganzen Sache abgehärtet, vielleicht muss er das in seiner Position als Veranstalter eines Christopher Street Days auch sein, und sowieso hatte er schon lange davor in seinem Privatleben genug Ablehnung erfahren. Er will auch jetzt nicht aufgeben – natürlich nicht. „Wir werden weitermachen. Wir sind hier, um zu bleiben.“




Schuldgefühle begleiten unsere Autorin durch ihre Jugend – weil sie Frauen liebt. In ihrem Dorf, in dem das Wort der Katholischen Kirche mächtig ist, ist das nicht erwünscht. Über einen Kampf, den es gar nicht geben dürfte.