Christopher Street Day
: Reutlingen feiert zum zweiten Mal seine Vielfalt

Nach 2023 organisierte der Verein CSD Reutlingen zum zweiten Mal eine Pride-Parade in der Innenstadt. So verlief die Veranstaltung.
Von
Lea Irion
Reutlingen
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Am 8. Juni 2024 fand zum zweiten Mal eine Parade anlässlich des Christopher Street Days in Reutlingen statt.

Am 8. Juni 2024 fand zum zweiten Mal eine Parade anlässlich des Christopher Street Days in Reutlingen statt.

Lea Irion

Vor fast genau einem Jahr war es so weit: Reutlingen hatte seinen ersten Christopher Street Day bekommen. Maximilian Berg und Sarah Süßmuth hätten bei der Planung damals nicht gedacht, dass am Ende über 1000 Menschen durch die Innenstadt ziehen würden. Und jetzt, 364 Tage später, haben sie es wieder getan: die Straßen Reutlingens lauter, bunter und vielfältiger werden lassen.

Begonnen hatte das Spektakel um 14 Uhr beim Bahnhof, führte zuerst durch die Kaiserstraße zum Leonhardsplatz, ging weiter über Burgstraße und -platz und mündete letztendlich in der Wilhelmstraße, durch die der Demozug besonders viele Außenstehende erreichte. Es wehten Flaggen aller Art, Beyoncé dröhnte aus mehreren Lautsprechern und die Menschen zelebrierten sich, die Liebe und die Vielfalt, die in diesen Stunden besonders sichtbar wurde.

„Es ist wirklich einfach nur schön“

„Der Altersschnitt ist dieses Jahr viel ausgeglichener“, sagte Dua Look, eine Dragqueen, die im Jahr zuvor bei Reutlingens erstem CSD ihre Premiere als Kunstfigur feierte. Jetzt war sie wieder vor Ort, bewaffnet mit mehreren Outfits, blonder und blauer Perücke, hohen Glitzerstiefeln und schwarzen Pumps. Und einen Bühnenauftritt hatte sich Dua Look auch gesichert.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Dua Look am 8. Juni 2024 beim zweiten Christopher Street Day in Reutlingen.

Lea Irion

Und tatsächlich waren in diesem Jahr weitaus mehr Menschen jenseits der Gen-Z vor Ort; entweder beim Demozug selbst oder auf den Gehwegen, die Musik mitsingend und die Truppe anfeuernd. „Meine Güte, sind die schnell“, kommentierte eine ältere Dragqueen, ihrerseits mit lila Haaren und einer Digicam unterwegs. Sie hatte eine Abkürzung in der Innenstadt genommen, um die Parade von vorne fotografieren zu können.

„Es ist wirklich einfach nur schön“, fand derweil Dua Look und hoffte im Sinne ihres Make-ups auf Glück an der Wetterfront, da zwischenzeitlich eine Warnung vor schwerem Gewitter samt Hagel herausgegeben worden war. So viel vorweg: Bis auf wenige Tropfen blieben alle verschont, und in dem bisschen Regen tanzte es sich sowieso viel ausgelassener zu queeren Beats.

Es war eine knappe Stunde des Grölens und Feierns vergangen, als nach der Demo das Bühnenprogramm losging. Und das blieb freilich nicht unpolitisch, hatten Maximilian Berg, Sarah Süßmuth und das restliche Organisationsteam den 8. Juni doch bewusst ausgewählt, die Kommunal- und Europawahlen im Blick.

Gewalt gegen queere Menschen habe zugenommen

„Wir stehen heute hier, in einer Zeit, in der ein Aufstehen gegen rechtsidentitäre Ströme unverhandelbar ist“, konstatierte Berg und warb im selben Atemzug dafür, wählen zu gehen. Süßmuth sagte, sie höre immer wieder, dass die Community rund um LGBTQI+ doch schon so weit gekommen sei, dass es diese Paraden doch gar nicht mehr brauche.

Aus Süßmuths Sicht steckt eine gewisse Wahrheit dahinter: Ja, man habe schon viele Erfolge feiern dürfen. „Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Gewalt gegen queere Menschen signifikant zugenommen hat und es Parteiprogramme gibt, die unserer Freiheit entgegenstehen“, führte Süßmuth aus.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Lea Irion

Sie und das Organisationsteam forderten deswegen unter anderem die Umsetzung des Aktionsplans „Queer Leben“ von der Bundesregierung. Dieser soll „den Alltag und die rechtliche Stellung von queeren Menschen verbessern“, wie auf der Website der Regierung geschrieben steht. Dazu fordert der Verein hinter dem Reutlinger CSD die Anpassung von Artikel 3 des Grundgesetzes auf den Terminus „alle Menschen sind gleich“ und die Ergänzung des Merkmals der sexuellen und geschlechtlichen Identität.

Von der Landesregierung wünscht sich das Team vor allem, dass queere Lebensrealitäten in den Lehrplan aufgenommen werden und die Enttabuisierung gefördert wird. Und vor Ort in Reutlingen? „Wir fordern von der Stadt den Ausbau von Info-, Beratungs- und Anlaufstellen für queere Menschen im Landkreis“, verkündete Süßmuth, die mitsamt dem Verein CSD Reutlingen schon jetzt einmal im Monat einen offenen Treff für queere Menschen organisiert.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Lea Irion

Außerdem wolle man ein erweitertes Beratungsangebot zu den Themen HIV und AIDS sowie weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten. Und zu guter Letzt: Die Erweiterung des Amts für Integration und Gleichstellung um den Bereich Queer und Diversity, „um einen kommunalen Aktionsplan für queeres Leben in Reutlingen zu entwickeln“, so Süßmuth.

Stadt toleriere keine Art der Diskriminierung

Im Vorfeld eingeladen war auch Oberbürgermeister Thomas Keck, der sich jedoch wie im Jahr davor entschuldigen ließ. Stattdessen trat Anke Bächtiger vom Reutlinger Kulturamt auf die Bühne, deren Redebeitrag viel Applaus erntete. Sie zitierte zunächst Artikel 1 des Grundgesetzes, an dessen Ende sie einen betonten Punkt setzte, denn: „Eigentlich muss man nicht mehr dazu sagen.“ Die Würde des Menschen sei schlicht und ergreifend unantastbar, deswegen sei auch keine Art der Diskriminierung tolerierbar.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Impressionen des CSD Reutlingen am 8. Juni 2024.

Lea Irion

Stichwort Diskriminierung: Im vergangenen Jahr hatten Berg, Süßmuth und Co. Anfeindungen aus der rechten Szene erhalten. Einschüchtern ließ sich das Team nicht. Und jetzt, ein Jahr später? „Es gab dieses Mal gar keine Drohungen“, freute sich Berg. Vielleicht, mutmaßte er, habe man keine negativen Schlagzeilen kurz vor den Wahlen verursachen wollen.

Bauchschmerzen bereitete ihm hingegen eine Gruppe am Rande des Demozugs, die auf dem Weg von Bahnhof bis Bürgerpark in Eigenregie mehrere Wahlplakate der AfD abgerissen und somit Straftaten begangen hatte. Leichtsinnig war das nicht nur in der Hinsicht, weil etliche Polizeibeamte den Demozug begleiteten – die Gruppe wurde obendrauf lautstark angefeuert und das Geschehen durch viele Handys fotografiert und gefilmt.

Doch schlussendlich konnten sich Berg und Süßmuth nur darüber freuen, dass ihr CSD ein weiteres Mal ohne Auseinandersetzungen, dafür laut und bunt verlaufen war und dass erneut geschätzt Tausend Leute den Weg nach Reutlingen gefunden hatten. Es dürfte zum jetzigen Zeitpunkt also außer Frage stehen, ob die Stadt in 365 Tagen ein drittes Mal bunt erstrahlt oder nicht.