Bosch in Reutlingen: Sozialverträglicher Stellenabbau? „Nur schwer vorstellbar“

Das neue Halbleiterwerk von Bosch in der Tübinger Straße in Reutlingen. Diese Sparte, die Produktion von Halbleitern, hat für den Konzern absolute Priorität.
Maik Wilke (Archivfoto)- Bosch plant bis 2029 den Abbau von bis zu 1100 Stellen in Reutlingen und Kusterdingen.
- IG Metall und Betriebsrat kündigen harte Verhandlungen gegen den Abbau an.
- Mitarbeiter fordern Klarheit über Zukunftspläne – Kritik an fehlender Kommunikation.
- Wirtschaftskrise belastet Reutlingen, Stadt und IHK schaffen Runden Tisch für Lösungen.
- Zukunftstarifvertrag bis 2027 schließt betriebsbedingte Kündigungen eigentlich aus.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Bundesweit sorgt die Meldung des geplanten Stellenabbaus von Bosch in Reutlingen und Kusterdingen für Schlagzeilen. Bis zu 1100 Stellen sollen bis Ende 2029 gestrichen werden, das kündigte der Konzern am Dienstag, 22. Juli 2025, an. Die Nachricht vom Stellenabbau beim mit etwa 10.000 Beschäftigten größten Arbeitgeber in der Region schockt lokale Akteure. Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck habe die Meldung „mit großem Bedauern vernommen“, auch wenn Reutlingen kein Einzelfall sei. „Jeder einzelne verlorene Arbeitsplatz ist hier für uns in Reutlingen einer zu viel.“
Gewerkschaft lehnt „Alternativlosigkeit“ ab
In seinem Statement äußerte Keck auch Verständnis für die wirtschaftliche Entscheidung des Unternehmens – ganz anders fällt die Reaktion bei der Gewerkschaft IG Metall aus. „Die öffentliche Ankündigung eines möglichen Abbaus von bis zu 1100 Stellen übertrifft unsere Befürchtungen – sie ist ein schwerer Schock“, erklärt Claudia Hülsken, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Reutlingen-Tübingen. „Eine ,Alternativlosigkeit‘ dieses geplanten Arbeitsplatzabbaus werden wir als Arbeitnehmervertretungen nicht akzeptieren.“
Die schwache Automobilindustrie, vor allem im Bereich E-Mobilität, sorgt für einen Einbruch bei der Steuergerätesparte. „Wir müssen unsere Aufstellung schnell an die raschen Veränderungen im Markt anpassen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern, um den Standort nachhaltig zu stärken“, wurde Dirk Kress, Mitglied des Bereichsvorstands Mobility Electronics bei Bosch, in der entsprechenden Pressemitteilung zitiert.
Die IG Metall erklärt, dass ihr zur Beurteilung der Situation noch viele wichtige Informationen fehlten. Die Gewerkschaft werde daher gemeinsam mit dem Betriebsrat in konstruktive, „aber auch harte Verhandlungen eintreten“, so Hülsken. „Klar ist für uns: Die Beschäftigten in Deutschland haben diesen Konzern erst groß gemacht und verdienen auch an den Standorten Reutlingen und Kusterdingen gute Zukunftsperspektiven.“
Betriebsversammlungen in der Stadthalle
Man werde um jeden Arbeitsplatz kämpfen – nicht nur für die heutige Belegschaft, sondern auch für die zukünftigen Generationen. Das kündigt ebenfalls der Bosch-Betriebsrat an. Am Mittwoch hatte der Automobil- und Technologiekonzern den Beschäftigten in der Reutlinger Stadthalle Betriebsversammlungen angeboten. „Wir sind nicht bereit, jetzt einfach einen Stellenabbau als Betriebsrat abzuwickeln wie einen Aktenvorgang“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Thorsten Dietter gegenüber dem SWR. Es ginge darum, so wenig Beschäftigte wie möglich zu verlieren.
Für die IG Metall und den Betriebsrat ist auch die Kommunikation, beziehungsweise Nicht-Kommunikation, seitens des Konzerns unverständlich. Anfang Dezember beteiligten sich Hunderte Bosch-Beschäftigte am Werk in der Kusterdinger Markwiesenstraße an einer Kundgebung, weil das Unternehmen mitteilte, die Bereiche Radar und Lenkung in Kusterdingen aufzulösen. Dass damit ein Stellenabbau einhergeht, war allen klar – aber wie viele Arbeitsplätze das kosten würde, sagte der Konzern damals nicht.
Forderung nach einem Zukunftsplan ignoriert
„Seitdem haben IG Metall und Betriebsrat konsequent gefordert, dass die Arbeitgeberseite endlich einen Zukunftsplan für den Standort Kusterdingen sowie die geplanten Personalanpassungen offenlegt“, erklärt die IG Metall. Auch die Belegschaft forderte mit zahlreichen Aktionen klare Informationen über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze und ihre Perspektiven bei Bosch. „Die Unternehmensführung blieb jedoch die Antworten schuldig.“
Die internationale Steuergerätesparte, zu der auch das Werk in Kusterdingen gehört, umfasst die Entwicklung und Fertigung von Steuergeräten im automobilen Bereich, zum Beispiel Motorsteuergeräte, Fahrzeugcomputer, Wechselrichter, Steuergeräte für Radar-, Kamera oder Airbagsysteme.
Die IG Metall betont zudem, dass bis Ende 2027 ein von der Gewerkschaft abgeschlossener Zukunftstarifvertrag für die dem Automobilbereich zugeordneten Bosch-Standorte gelte. Dieser schließe betriebsbedingte Kündigungen aus. „Bei dem von der Arbeitgeberseite geplanten Umfang ist ein sozialverträglicher Abbau – etwa über freiwillige Aufhebungsverträge mit Abfindungen oder Altersteilzeit – nur schwer vorstellbar“, sagt Claudia Hülsken.
Wirtschaftskrise: Stadt und IHK richten Runden Tisch ein
Die Insolvenz der Manz AG, Kurzarbeit bei Wafios, die Schließung des Traditionsunternehmens Stoll und nun der Stellenabbau bei Bosch: Der Standort Reutlingen befindet sich wie viele andere Städte in einer Wirtschaftskrise. Um auf diese zu reagieren, wird die Stadt Reutlingen gemeinsam mit der IHK Reutlingen in Kürze einen Runden Tisch „Zukunftsfähigkeit Industriestandort Reutlingen“ einrichten. „Gemeinsam wollen wir ausloten, was es für die Zukunftsfähigkeit des Industriestandortes Reutlingen braucht, welchen Beitrag dazu die Stadt leisten kann und welche Erwartungen wir in Reutlingen an die Landes- und Bundespolitik haben“, erklärt Oberbürgermeister Thomas Keck.

