Verletzungsgrade nach Unfällen: Unfallberichte: Wann gilt ein Mensch als schwer verletzt?

Wann gilt man als leicht und wann als schwer verletzt? Medizier und Polizisten bewerten den Verletzungsgrad nach unterschiedlichen Kriterien.
© Christian Schwier/adobe.stock.comEin junger Mann trägt nach einem Crash bei hoher Geschwindigkeit Knochenbrüche und Schnittverletzungen davon und wird in die Klinik eingeliefert. Doch nach wenigen Stunden entlässt er sich auf eigene Verantwortung selbst und gilt somit statistisch als Leichtverletzt. Ein Rentner stößt sich hingegen bei einem Auffahrunfall den Kopf. Vorsorglich wird er zur Überwachung im Krankenhaus behalten. In der Statistik wird er als schwer verletzt auftauchen.
Für den Laien nicht immer nachvollziehbar
Für den Laien sind solche Einstufungen nicht immer nachvollziehbar. Aber wenn Menschen bei Unfällen zu Schaden kommen, werden deren Verletzungen von verschiedenen Personen definiert. Von Ärzten, dem Rettungsdienst oder Polizisten. Die Kategorisierung dient Einsatzkräften und Medizinern zur besseren Einschätzung der Lage — aber auch die Öffentlichkeit wird bei bestimmten Vorfällen informiert. So verfasst die Polizei nach Unfällen und Delikten Pressemitteilungen, deren Inhalt auch der Verletzungsgrad der beteiligten Personen ist. Und viel wichtiger: Dieser taucht auch in Statistiken auf, die der Öffentlichkeit zum Beispiel Aufschluss über die Schwere von Verkehrsunfällen geben sollen.
Doch nach welchen Kriterien wird entschieden, wie schwerwiegend die Verletzungen sind? Und weshalb deklarieren Mediziner und Einsatzkräfte unterschiedlich?
„In der Unfallstatistik der Polizei gelten Unfallbeteiligte als leicht verletzt, wenn die jeweilige Verletzung einen Klinikaufenthalt bis zu 24 Stunden zur Folge hat“, erklärt Thomas Hagel von der Pressestelle der Polizei. Bleibe eine Person über 24 Stunden in einer Klinik, werde diese statistisch bei der Polizei als schwerverletzt erfasst. Nicht immer ist eine Definition also treffsicher. „In der Praxis sieht es häufig so aus, dass unmittelbar an der Unfallstelle noch unklar ist, wie schwer die Verletzungen sind. Personen werden zum Teil auch mit dem Verdacht auf schwere Verletzungen in Kliniken eingeliefert und anschließend doch noch am selben Tag oder Folgetag entlassen. Andererseits erweisen sich Verletzungen immer wieder im Nachhinein als so gravierend, dass längere Klinikaufenthalte notwendig werden“, erklärt Hagel. So kommt es auch, dass sich die ersten Erkenntnisse vom Unfalltag später als nicht zutreffend erweisen. „Sie werden dann aber auch in der polizeilichen Statistik korrigiert“, weiß Hagel.
Andere Herangehensweise bei Medizinern
Eine ganz andere Herangehensweise haben Mediziner. „Eine allgemeingültige Einteilung von Verletzungen, die von Laien, Polizei und Fachpersonal gleichermaßen benutzt werden könnte, kann es kaum geben“, sagt Professor Dr. René Schmidt, Chefarzt des Orthopädisch–Unfallchirurgischen Zentrums der Alb Fils Kliniken. Dazu seien die fachlichen Voraussetzungen viel zu unterschiedlich und die Komplexität von Verletzungen viel zu groß.
In der Medizin nutzt man zwei Systeme: Das „Manchester–Triage–System“ oder den Injury Severity Score (ISS). Diese allgemeine Verletzungseinteilung folgt Werten zwischen „unverletzt“ und „polytraumatisiert“. Beim „Manchester–Triage–System“ geht es vor allem um die schnelle Festlegung von Behandlungsprioritäten. Die Skala hat fünf Stufen und reicht von „Sofort“ (unverzüglicher Behandlungsbeginn) bis „Nicht dringend“.

