Unerfüllter Kinderwunsch
: Betroffene aus Neu-Ulm: „Ich hatte mich in eine Besessene verwandelt“

Die Reproduktionsmedizin boomt. Auch ein Paar aus dem Kreis Neu-Ulm hat versucht, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen. Vergeblich.
Von
Nadja Ruranski
Region
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Unerfüllter Kinderwunsch: Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos (Symbolfoto).

Unerfüllter Kinderwunsch: Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos (Symbolfoto).

Andrew Itaga/unsplash
  • Ein Paar aus Neu-Ulm versuchte vergeblich, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen.
  • Eva Schmid berichtet von ihren Erfahrungen und dem emotionalen Auf und Ab.
  • Die Erfolgsquote für künstliche Befruchtung in Ulm liegt bei 30-40% pro Versuch.
  • Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen und hohen Kosten gibt das Paar den Kinderwunsch auf.
  • Ein Hund hilft ihnen, den Verlust zu verarbeiten und neue Lebensfreude zu finden.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kennen Sie das Anti-Müller-Hormon, kurz AMH? Das Anti-Müller-Hormon wird in den Eierstöcken geschlechtsreifer Frauen gebildet. Je mehr befruchtungsfähige Eizellen in den Eierstöcken produziert werden, desto höher ist der AMH-Wert. „Daher wird das Anti-Müller-Hormon häufig im Vorfeld einer Hormonbehandlung bestimmt, um die Erfolgschancen auf eine Schwangerschaft grob einschätzen zu können“, berichtet Eva Schmid (Name von der Redaktion geändert). Die heute 41-Jährige aus dem Kreis Neu-Ulm ist mittlerweile Expertin beim Thema künstliche Befruchtung. Sie sagt: „Mein AMH-Wert liegt bei 0,3.“

Bei fruchtbaren Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren gilt ein Wert von ein bis fünf Nanogramm pro Milliliter als normal. Bei Werten unter ein Nanogramm pro Milliliter wird von einer eingeschränkten ovariellen Funktion ausgegangen. Eine Frau gilt als unfruchtbar, wenn sie innerhalb eines Jahres trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs nicht schwanger wird. Schmid erzählt: „Ich bekam Tabletten, musste mir Auslösungsspritzen setzen, die den Eisprung herbeiführten.“ In Deutschland ist laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos.

Ausgeglichenes Verhältnis bei den Ursachen der Kinderlosigkeit

Natalie Kitterer, Neu-Ulmer Kinderwunschberaterin und erste Vorsitzende im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung (BKiD e. V.), sagt: „Wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappen will, muss geklärt werden, an wem und woran es liegt.“ Generell ist die Ursache für Kinderlosigkeit bei Mann und Frau relativ ausgeglichen. „Die Diagnose Unfruchtbarkeit trifft viele Paare völlig unvorbereitet“, sagt Kitterer. Mit der Zeit werden Paare auch mutloser, das Warten zermürbt, dazu kommt immer noch Scham – denn über ungewollte Kinderlosigkeit wird nicht gesprochen. Das Ehepaar Schmid holt sich Hilfe, entscheidet sich für eine Kinderwunschklinik in Ulm. „Da haben wir uns gut aufgehoben gefühlt.“

Beide Herzen schlagen beim Ultraschall nicht mehr

Mehrmals täglich spritzt sich Eva Schmid Hormone. „Ich war zu einer Gleichung aus Mutterkuchendicke, AMH-Wert und Zyklustag verkümmert.“ Ein paar Wochen später werden ihr Eizellen entnommen und mit dem Sperma ihres Mannes „künstlich zusammengebracht“. Sie berichtet, dass ihr mit einem Katheter am höchsten Punkt in der Gebärmutter zwei Eier eingesetzt wurden. Dann heißt es warten. „Das war das Schlimmste.“ In der Klinik erhält sie das langersehnte Ergebnis: Zwillinge. Schmid kann ihr Glück kaum fassen.

Da sie als Erzieherin in einer Kinderkrippe arbeitet, wird sie umgehend beurlaubt. Sie geht zum Frauenarzt, soll ihren Mutterpass erhalten. Beim Ultraschall die Ernüchterung: beide Herzen schlagen nicht mehr. „Das war hart.“ Bei Eva Schmid folgen eine Ausschabung, viele Tränen und weitere Versuche. „Der erste Versuch war ein Abort, deshalb haben wir noch drei weitere Versuche bekommen.“

Leihmutterschaft oder Adoption kamen für das Paar nicht infrage

„Ich hatte mich von einer unbesorgten Frau, die sich ein Kind wünscht, zu einer Besessenen verwandelt, die nur noch an eine potenzielle Schwangerschaft denken konnte.“ Die Schmids zahlen 2021 den fünften und letzten Versuch selbst, gehen dieses Mal in ein Kinderwunschzentrum in Söflingen. „Rund 11.000 Euro haben wir ausgegeben, viel Geld für uns.“ Doch es klappt wieder nicht. Eine Leihmutterschaft im Ausland – in Deutschland ist dies zum aktuellen Zeitpunkt nicht erlaubt – lehnt Schmid ab, eine Adoption kommt für ihren Mann nicht infrage. Für die Schmids war klar: „Jetzt ist Schluss, wir können nicht mehr.“

Der Druck sei enorm gewesen. Kitterer sagt: „Eine psychologische Begleitung ist in solch einer Belastungssituation sinnvoll.“ Eva Schmid zog sich stark zurück. Die Rettung: ein Hund. „Er wurde 2017 geboren.“ Der Vierbeiner ist ein festes Familienmitglied. „Ich konnte mich kümmern, hatte eine Aufgabe – das hat mir sehr geholfen.“ Rückblickend sagt sie: „Innerlich leiden mein Mann und ich manchmal noch, aber insgesamt haben wir uns von diesem Traum verabschiedet.“ Das Paar sei enger zusammengewachsen. „Wir unternehmen viel, reisen und versuchen, das Leben zu genießen.“

Kinderwunschkliniken in der Stadt

Kinderwunschkliniken in der Region gibt es keine. Dafür gibt es aber in der Stadt Ulm gleich mehrere Anlaufstellen, wie die Villa Kinderwunsch, Next Fertility, das Kinderwunschzentrum Bestfertility oder UniFee. Laut Professorin Katharina Hancke, stellvertretende Klinikdirektorin und Leiterin UniFee, besuchen über 1000 Kinderwunschpaare jedes Jahr „das UniFee - Kinderwunsch“ der Universitätsfrauenklinik Ulm. „Die Paare kommen aus der gesamten Region, vom Alb-Donau-Kreis bis zum Bodensee“, so die Leiterin. Die Erfolgsquote hängt laut Hancke vom Alter der Frau ab. Die Chance beim ersten Versuch einer künstlichen Befruchtung schwanger zu werden, liege sowohl in der Universitätsfrauenklinik Ulm als auch deutschlandweit bei 30 bis 40 Prozent. Nach drei bis fünf Versuchen sei ein Großteil der Paare erfolgreich. Das sei aber unterschiedlich und hänge vom Alter und der Methode ab.