Tatort „Lass sie gehen“
: So reagieren Filmkritiker auf die Darstellung des Münsinger Dorflebens

Von „überzeugend“ bis „albern übersteigert“: Wie die Macher der aktuellen Tatort-Folge den Alltag in einem schwäbischen Dorf aussehen lassen, gefällt vielen nicht – darunter auch einigen Filmkritikern.
Von
Nico Pannewitz
Münsingen
Jetzt in der App anhören
ARD - „Tatort: Lass sie gehen“

Die Tatort-Folge „Lass sie gehen“ kam bei vielen auf dem Land Lebenden in Baden-Württemberg nicht gut weg.

Benoît Linder/SWR/dpa
  • Die Tatort-Folge „Lass sie gehen“ sorgt für Kritik wegen der Darstellung des schwäbischen Dorflebens.
  • Münsinger Bewohner und Kritiker bemängeln die klischeehafte und negative Darstellung.
  • Filmkritiken sind gemischt: einige loben die Inszenierung, andere sehen Klischees und Übertreibungen.
  • SWR reagierte auf die Kritik mit einer Stellungnahme.
  • Zuschauermeinungen sind ebenfalls geteilt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Dass der neue baden-württembergische Tatort „Lass sie gehen“ in einigen Medien solche Wellen schlagen würde, haben die die Macher der Episode vermutlich nicht erwartet. Denn die öffentliche Diskussion dreht sich weniger um den eigentlichen Krimi-Plot und mehr um die vermeintlich negative Darstellung des Lebens in der schwäbischen Provinz. „Wir werden als die Deppen von der Alb dargestellt“, beschwert sich der Münsinger Hirsch-Betreiber Alfred Tress – und da stimmen ihm viele zu. Nicht nur bei seiner Gaststätte, sondern auch in anderen Teilen Münsingens wurde die Tatort-Folge gedreht – doch das Endprodukt lässt die Landbevölkerung in den Augen vieler als kleingeistig und überholt erscheinen. Angesichts dieser lauten Kritik an der Inszenierung des Films reagierte der SWR sogar mit einer Stellungnahme.

Doch wie haben eigentlich die Filmkritiker der Online-Zeitungen auf den neuen Tatort reagiert? Hatten sie ähnliche Kritikpunkte oder war das Ambiente des ländlichen Lebens für sie nur unbedeutendes Beiwerk zur eigentlichen Krimigeschichte? Hier eine Auswahl:

Spiegel: „Engstirnigkeit der Dorfbewohner recht konventionell“

Christian Buß geizt in seiner Kritik für den „Spiegel“ nicht mit Lob für die Körperlichkeit, mit der Drehbuchautor Norbert Baumgarten und Regisseur Andreas Kleinert den Provinzkrimi inszeniert haben: „Beachtlich, wie in dem engen, starren Kosmos der Familie die Trauer und die Wut in Beweglichkeit übersetzt wird: Der Körper sagt, was der Kopf nicht artikulieren kann.“ Der „Tatort“ handele von dem Versuch, die Enge der eigenen Herkunft hinter sich zu lassen bis sie einen immer wieder einhole: die Heimat, die einen wortwörtlich im Würgegriff hat.

Dennoch hat Buß letztlich nur eine mittelmäßige Bewertung für die Episode übrig. Die Bilder sind eigenwillig, doch der Plot kommt der visuellen Eigenwilligkeit nicht ganz hinterher, so der Kritiker. „Die Auflösung wirkt ein bisschen wie hingeworfen, und die Engstirnigkeit der meisten Dorfbewohner wird recht konventionell zum Thema gemacht; etwa wenn sie einen polnischstämmigen Nachbarn vorschnell als das unheimliche Fremde und den mutmaßlichen Schuldigen desavouieren.“

Stern: „Düsternis dieser Welt in bedrückenden Bildern eingefangen“

Wesentlich positiver ist Carsten Heidböhmer in seiner Kritik für den „Stern“ gestimmt: „‚Lass sie gehen‘ ist ein exzellenter Fernsehfilm, der weit mehr ist als nur ein Krimi. Sie sollten ihn nicht verpassen.“ Warum er der Episode in seiner Betrachtung „Dunkeldeutschland liegt auf der Schwäbischen Alb“ 4 von 5 Punkten gibt? Weil für ihn die Sozialstudie des dörflichen Lebens interessanter ist als der eigentliche Mordfall: „In dem Film wird die dortige Welt als eng und kleingeistig dargestellt. Geprägt von Religiosität und Pflichterfüllung. Die Kamera (Michael Merkel) fängt die Enge, die Düsternis dieser Welt, in bedrückenden Bildern ein.“

Dass es nicht für eine perfekte Wertung reicht, hat indes für Heidböhmer gar nichts mit eventuellen Klischees zu tun, sondern damit, dass sich der Film nicht allein auf die Provinz-Kritik fokussiere: „Die Studie des ländlich-katholischen Milieus allein wäre Inhalt genug für einen spannenden ‚Tatort‘. Doch in der zweiten Hälfte wird dieses Motiv von einem anderen Thema überlagert: die Vorverurteilung und die Gruppenhetze gegen einen Unschuldigen, der den falschen, weil polnischen Nachnamen hat. Das überfrachtet diesen Film ein wenig.“

Süddeutsche Zeitung und FAZ: Licht und Schatten

Holger Gertz zeigt sich in der „Süddeutschen Zeitung“ ziemlich begeistert vom „grandiosen Sonntagskrimi“ aus Stuttgart: „Ein starker Tatort, dem ein eigener Trommelwirbel gebührt. Jede Rolle hervorragend besetzt, die Ermittler Lannert und Bootz eh auf dem Zenit ihres Schaffens – wenn auch erstaunlich aufgeräumt unterwegs im Minenfeld der Tragödie. Als sich am Ende alles noch mal dreht (ein Detail wie in alten Columbo-Folgen spielt eine Rolle), erkennt man, dass der Episodentitel doppelt und dreifach richtig gewählt ist.“

Auch Oliver Jungen lobt in seiner Rezension „Dahoim ist, wo’s Geweih hängt“ in der FAZ die Inszenierung des Tatorts: „Andreas Kleinert verlegt sich als Stimmungsregisseur viel stärker auf das leicht gemäldeartige Porträt eines in Traditionen gefangenen, sich nie über sich selbst hinausstreckenden Dorfes, geschmort im eigenen Sud, das vielleicht als Menetekel der neuerdings wieder kursierenden Heimatverklärungen verstanden werden soll. Ästhetisch ist das ein Fest“.

Dennoch teilt er die Kritik an der Darstellung der schwäbischen Dorfbevölkerung: „Das alles wirkt als Stadt-Land-Gegensatz so albern übersteigert, dass man es nur als Spiel mit Klischees auffassen kann. Inhaltlich ist das alles freilich ein großer Quatsch. Wenngleich viele ländliche Kommunen sich abgehängt fühlen, weil Supermärkte und Bankfilialen geschlossen haben, ist der wichtigste Trend auch in Baden-Württemberg seit Jahren, dass junge Menschen und Familien aus den überteuerten Städten wieder raus aufs Land ziehen. Was zu ganz anderen Problemen führen mag.“

Was sagt der Tatort-Spezialist der Südwest Presse?

Und wie sieht es bei den Zeitungen in Baden-Württemberg aus, deren ländliche Leser sich von der Tatort-Folge eventuell auf den Schlips getreten fühlen? Für die Südwest Presse schreibt „Tatort“-Spezialist Martin Weber jede Woche eine Kritik zum aktuellen „Tatort“ und bewertet den Film. „Lass sie gehen“ legt er den Leserinnen und Lesern entgegen einiger negativen Kritiken an's Herz: „Der so atmosphärische wie spannende ‚Tatort‘ aus Stuttgart kombiniert geschickt einen finsteren Dorfwestern mit einer packenden Familientragödie und der Story um die Emanzipation einer selbstbewussten jungen Frau, der das Landleben nicht genug ist.“

Weber bezeichnet den Film als „gelungenen, mit einem unsentimentalen Blick aufs Landleben inszenierten Schwaben-Krimi“ – der immer wieder mit kleinen humoristischen Einlagen um Thorsten Lannert unterhalte.

Stuttgarter Zeitung: Pietismus im Provinznest „wirkt überzeugend“

In der „Stuttgarter Zeitung“ gibt Adrienne Braun der Episode die Schulnote 2 – und ist ziemlich angetan: „Auch wenn manches Klischee bedient wird, wirkt es überzeugend, wie in dem Provinznest der Pietismus regiert. Eigene Wünsche und Bedürfnisse müssen unterdrückt werden.“ Die Kritikerin sieht die Darstellung der engstirnigen Dorfbevölkerung als Teil einer gelungenen Plot-Konstruktion. „Von wegen große Freiheit in der Großstadt. Auch in Stuttgart ist das Opfer angeeckt bei den Nachbarn“, schreibt Braun. „Andreas Kleinert hat den Widerspruch zwischen Freiheit und Enge auf vielen Ebenen überzeugend durchgespielt.“

Schwäbische: Viele Jugendliche wollen nicht aus dem Dorf weg

Barbara Waldvogel hatte weitaus weniger Spaß mit „Lass sie gehen“ und hält damit in der „Schwäbischen Zeitung“ nicht hinterm Berg. Im Gegensatz zu anderen Kritikern konnte sie über die Klischees nicht hinwegsehen: „Drehbuchautor Jürgen Hartmann und Regisseur Andreas Kleinert vermeiden keine Stereotype für ihre Schilderung des dumpfen, öden Landlebens. Entsprechend zäh zieht sich der Fall auch dahin.“ Auch den Aspekt der Geschichte, dass die Dorfjugend unbedingt raus wolle in die Großstadt, ließ sie nicht unkommentiert: „Nun mal weg von der Fiktion zur Realität: Im ‚Zeit‘-Magazin wurden unlängst einige junge Männer und Frauen zu ihrem Leben auf dem Dorf befragt. Und siehe da: Es gefällt ihnen, sie wollen gar nicht weg.“

Die Augsburger Allgemeine Zeitung: Tolle Schauspieler lassen Klischees vergessen

„Tür auf für jede Menge Provinzklischees: hier der Porsche-Kommissar aus der Großstadt, dort die verschrobenen Landeier“ schreibt Andreas Frei in seiner Rezension für die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ – welche zwar freilich nicht in Baden-Württemberg sitzt, aber in Bayern ebenfalls viele Leser in Dörfern hat. Für den Kritiker fallen die Stereotype aber nicht sonderlich ins Gewicht. Vielmehr werden diese seiner Ansicht nach von den grandiosen Leistungen der Schauspieler überlagert: „Beeindruckend die so harte wie von Schuldgefühlen geplagte Wirtin und Mutter der Toten, Luise Riedle (Julika Jenkins), und Vater Hannes (Moritz Führmann), der die Familie zusammenzuhalten versucht, dann aber einen teuflischen Plan schmiedet. Die Kamera gönnt sich Studien verzweifelter Gesichter und der Ton längere Auszeiten – großartig.“

Und die Zuschauer?

Auf der Webseite „Wie war der Tatort“ bewerten treue Tatort-Zuschauer regelmäßig und ausführlich die aktuellen Episoden. Auch bei den Kommentaren zu „Lass sie gehen“ lassen sich viele User über die provinziellen Klischees aus. „Ich bin selbst Hinterwäldler aus Württemberg, aber so ein hinterwäldlerisches Dorf findet man heute nirgends mehr“, schreibt ein Nutzer, der sich passenderweise den Namen Hinterwäldler gegeben hat. „Wenn schon, dann hätte man den Tatort vielleicht in den 1970er spielen lassen können.“

Ein anderer anonymer User stößt sich an dem in der Folge gesprochenen Dialekt: „Kein Mensch redet solches Schwäbisch, völlig verwässert, mit halb-hochdeutschen Nebensätzen, wie auswendig gelernt. Nicht flüssig und charmant wie im echten Leben.“ Und: „Warum werden alle Bewohner des Dorfes dumm dargestellt?“

Der Nutzer „Dorfkind“ verfasst seine Kritik gleich teilweise in Schwäbisch: „Wie im richtigen Läbe… Finster düstere Alb gegen helles gleißendes Stuttgart, mit gepflegten korrekt angezogen Städtern, die auf Anhieb den Täter identifizieren… Dagegen die hinterwäldlerischen engstirnigen Älbler, im Schaffhäs, die nix von nouvelle cuisine oder gar vegetarischer Kost verstehen und noch immer Fleisch fressen. Klar, dass die Selbstjustiz mit dem Kreuzeszeichen legalisiert wird! Subber for the länd and the Dorf! Kein einziges Klischee hat man sich gespart!“

Jedoch fanden nicht alle Zuschauer die Darstellung des ländlichen Lebens im Film unrealistisch. So schreibt „Tobias“: „Solche pathologischen Systemstukturen im Dorfleben gibt es leider nach wie vor in vielen Dörfern im Schwoabaländle. Alles Fremde ist suspekt und wenn ein Sündenbock gebraucht wird, ist es der Reingeschmeckte. Traurig, aber wahr.“