SWR reagiert auf „Tatort“-Kritik
: Münsinger: „Wir werden als Deppen von der Alb hingestellt“

Viel Kritik, aber auch Lob: Die Reaktionen auf den Stuttgarter Tatort „Lass sie gehen“ fallen sehr gespalten aus. Der SWR äußert sich zur Kritik.
Von
Ralph Bausinger
Münsingen
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Mehr als 120 Freiwillige waren am Samstagmittag als Komparsen bei den Dreharbeiten des Stuttgarter Tatorts in Bichishausen dabei. ⇥

Mehr als 120 Freiwillige waren im vergangenen Jahr als Komparsen bei den Dreharbeiten des Stuttgarter Tatorts in Bichishausen dabei.

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  • Der Stuttgarter Tatort "Lass Sie laufen" spaltet die Meinungen in der Region Münsingen.
  • Über 120 Freiwillige nahmen an den Dreharbeiten in Bichishausen teil.
  • Der SWR betont, dass der Film eine fiktive Geschichte ist und keine reale Verallgemeinerung darstellt.
  • Kritik im Netz: Klischeehaft und beleidigend gegenüber den Albbewohnern.
  • Einige loben den Krimi für Spannung und schauspielerische Leistung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Stuttgarter Tatort „Lass sie gehen“ hat für Empörung in der Region gesorgt. Viele aus dem Raum Münsingen haben sich auf die Ausstrahlung gefreut, einige von ihnen haben als Komparsen mitgewirkt. Umso größer war die Enttäuschung über die arg klischeehafte Darstellung der Albbewohner.

Unsere Zeitung hat daraufhin beim SWR nachgefragt und um eine Reaktion auf die Vorwürfe gebeten: „Die Kritik am Film unterstellt die Erwartung, dass der ‚Tatort‘ die Realität 1:1 abbildet. Das ist aber nicht unser Anspruch. Der ‚Tatort – Lass sie gehen‘ ist eine fiktive Geschichte, die in erster Linie das individuelle Drama einer Familie erzählt, deren Tochter getötet wird und deren Vater unter dem Einfluss der Mutter zum tragischen Rächer wird.“

„Freiheit der künstlerischen Zuspitzung“

Der Film wolle, heißt es weiter in der Antwort des SWR „keine Verallgemeinerung über das Leben in ländlichen Gebieten sein. Norbert Baumgarten und Andreas Kleinert nehmen sich die Freiheit der künstlerischen Zuspitzung: Verhältnisse, die in verschiedenen Kontexten, durchaus auch in städtischen, existieren, werden in dem Setting des Films zusammengefasst und im Dienste der Erzählung überhöht. Dass der Mörder am Ende nicht aus dem Dorf kommt, unterläuft die gezeigten Verhältnisse bewusst“.

Der Ortsname Waldingen sei fiktiv, um auch auf dieser Ebene zu signalisieren: Konkrete Personen oder ihr Umfeld sind keinesfalls mit dem „Tatort“ gemeint. Die bekannten Kommissare führten mit ihren geteilten Ermittlungen differenziert durch den Krimiplot. Es gehe in dem Film, so der SWR in seinem Statement weiter, um das „immerwährende Problem des Individuums – auf dem Land wie in der Stadt – Freiheit zu suchen und dennoch zu einer (Herkunfts-) Gruppe gehören zu wollen. Das ist die Problematik, die der Film erzählt und die am Ende durch die Entscheidung der jüngeren Schwester abgeschlossen wird“.

Ob diese Stellungnahme die Kritiker zufrieden stellen wird, muss offen bleiben. Alfred Tress, dessen Gaststätte „Hirsch“ die als Außenansicht für das Wirtshaus diente, hatte am Sonntagabend Freunde und Bekannte zu einem Public Viewing eingeladen. Auf Nachfrage fand er manche Szene unverständlich, wie beispielsweise, als sich die Wirtin mit Klößen vollstopft. Auch der Titel sei falsch gewählt, die Tatort-Folge hätte besser geheißen: „Es war einmal ein Dorf auf der Alb.“ Bitter stößt ihm auch auf, dass „wir als Deppen von der Alb dargestellt werden“.

Auch auf Münsingens Bürgermeister Mike Münzing sind am Montag und Dienstag unzählige Reaktionen aufgeschlagen, bis hin zur Frage, wie die Stadt Münsingen dies habe genehmigen können. „Weder die Handlung (welche Handlung?), noch das Stereotyp, die hier vom Drehbuchautor und dem Regisseur gezeichnet wurden, hatten Klasse. Und auch der Versuch, die Protagonisten Schwäbisch schwätza zu lassen, scheiterte kläglich“, findet der Rathauschef. „Auch ich hätte besser mein Schlafdefizit versucht auszugleichen.“

Man müsse aber auch einräumen, dass hier kein Imagefilm für die Schwäbische Alb produziert oder gar von der Stadt Münsingen ein Dokumentarfilm in Auftrag gegeben worden sei. Hier hätten sich „Kunstschaffende“ voll ausgelebt und würden wohl die Kritik damit abtun, dass sie in ihrer künstlerischen Interpretation frei wären: Seine erste Reaktion sei gewesen: „Was für ein Schrott, und dafür zahlen wir Rundfunkgebühren.“ Aber weitergedacht: Auch den Bildern im Tatort aus Leipzig, Hamburg oder Berlin, in denen Drogenabhängige, Rechtsradikale, Arbeitsscheue oder Bandenmilieus die Kulisse prägen, sollte man als Zuschauer nicht trauen und diese als alltägliche Realität wahrnehmen", so der Bürgermeister.

Unterschiedliche Reaktionen im Netz

Auch die Reaktionen im Netz fallen unterschiedlich aus: „So schreibt beispielsweise Nicole: Ich könnte wetten, dass dieser Tatort von jemand geschrieben wurde, der schon Jahrzehnte nicht mehr oder nie auf dem Land gelebt hat. Klischees aus den 60er Jahren. Altbacka, wie der Schwabe sagen würde“. Noch deutlicher wird Radlcilli: „Was für ein Sch..-Tatort. Und die Bewohner der wunderschönen Alb als grenzdebile Deppen darzustellen ist eine Frechheit!!!“ Eher ironisch formuliert es Julie Koerner: „Mit herzlichen Grüßen von der Schwäbischen Alb: Das mag zwar gerade nicht so aussehen, aber wir haben Strom, fließend Wasser, und Inzest ist verboten“. Und Armin K. schreibt: „Als Schwabe sag ich: das war mir ein wenig zu viel schwäbisches Bauerntheater.“

Andere fanden den Krimi toll: „Toller Tatort, spannend, teilweise verstörend und traurig. Gerne mehr aus Stuttgart“, schreibt Elke. Und auch Sebastian Corsten ist voll des Lobes:„ Endlich mal wieder ein Tatort aus Stuttgart, der vom Drehbuch und vom schauspielerischen überzeugt. Glatte Note 2.“

„Lass sie gehen“ - einige ausgewählte Kritiken zum Tatort

„Dunkeldeutschland liegt auf der Schwäbischen Alb“. So hat Carsten Heidböhmer seinen Artikel im „Stern“ getitelt.  Der Tatort führe in ein Milieu, das vielen Großstädtern fremd ist: das dörfliche Leben auf der schwäbischen Alb. In dem Film (Buch: Norbert Baumgarten, Regie: Andreas Kleinert) wird die dortige Welt als eng und kleingeistig dargestellt. Geprägt von Religiosität und Pflichterfüllung.

„Ein starker Tatort, dem ein eigener Trommelwirbel gebührt“, zeigt sich Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung ziemlich begeistert vom „grandiosen Sonntagskrimi“ aus Stuttgart. „Jede Rolle hervorragend besetzt, die Ermittler Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) eh auf dem Zenit ihres Schaffens – wenn auch erstaunlich aufgeräumt unterwegs im Minenfeld der Tragödie.“

„Ästhetisch ein Fest“, schreibt Oliver Jungen in der Frankfurter Allgemeinen über den Tatort.  Aber: „Inhaltlich ist das alles freilich ein großer Quatsch. Wenngleich viele ländliche Kommunen sich abgehängt fühlen, weil Supermärkte und Bankfilialen geschlossen haben, ist der wichtigste Trend auch in Baden-Württemberg seit Jahren, dass junge Menschen und Familien aus den überteuerten Städten wieder raus aufs Land ziehen. Was zu ganz anderen Problemen führen mag.“