Kandidatenvorstellung in Mössingen
: Jochen oder Bulander – wer hat sich besser geschlagen?

250 Mössingerinnen und Mössinger machten sich am Donnerstag ein Bild von den zwei Kandidaten, die am 5. Juli den Rathaus-Sessel für sich gewinnen wollen.
Von
Benjamin Breitmaier
Mössingen
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Vor etwa 250 Mössingerinnen und Mössingern stellten Michael Bulander und Claudia Jochen ihre wichtigsten Themen im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahl am 5. Juli vor.

Vor etwa 250 Mössingerinnen und Mössingern stellten Michael Bulander und Claudia Jochen ihre wichtigsten Themen im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahl am 5. Juli vor.

Benjamin Breitmaier
  • In Mössingen stellten sich zwei OB-Kandidaten vor, die Wahl ist am 5. Juli.
  • Claudia Jochen betonte Jugendbeteiligung, Transparenz und sichere Radwege.
  • Sie kritisierte die Neue Mitte, forderte mehr Bäume und gerechtere Gebühren für Familien.
  • Michael Bulander hob Erfolge bei Kitas und Schulen hervor – und kündigte ein Mobilitätskonzept an.
  • Er plant Innenentwicklung mit Hoeckle-Areal, Freibadsanierung und neue Gewerbegebiete für Einnahmen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Luft ist diesig in der Halle. Wahlleiter Martin Gönner hat Kisten mit gekühltem Sprudel vor der Quenstedt-Aula aufbauen lassen. Kurz vor 19 Uhr sind zwei Drittel der 370 Stühle im Raum besetzt. Etwa 250 Personen sind gekommen, um die beiden zu sehen. Sie waren fleißig im Wahlkampf, haben Bürgerdialoge geführt, sind gemeinsam Fahrrad gefahren, haben zu Gesprächen auf roten Sofas geladen. Die Bewerbervorstellung ist einer der Höhepunkte in jedem Bürgermeister-Wahlkampf. Es sind noch knapp eineinhalb Wochen, bis sich die Mössingerinnen und Mössinger am 5. Juli entscheiden müssen: Wer wird der neue Oberbürgermeister oder die neue Oberbürgermeisterin sein?

Michael Bulander, der Platzhirsch, 54 Jahre alt, seit 2010 lenkt er die Geschicke im Mössinger Rathaus. Ein Mann, der auf der Verwaltungsklaviatur spielt wie ein Virtuose auf dem Steinway.

Claudia Jochen, 49, seit 2019 ist sie seine Gegenspielerin im Mössinger Gemeinderat. Menschlich, nahbar, kreativ. Sie ist die einzige Frau bei den zahlreichen Bürgermeisterwahlen im Kreis Tübingen des Jahres 2026. Jetzt will sie Bulander zumindest ärgern, oder ist sogar mehr drin?

Applausometer schlägt in eine Richtung aus

Das Applausometer zeigt für den Donnerstag eine klare Gewinnerin an. Und dann gibt es am Ende so eine Szene, die fast etwas unangenehm ist. Dass die beiden eigentlich gut miteinander können, zeigen sie auch am Donnerstagabend. „Viel Erfolg“, wünscht Bulander noch seiner Konkurrentin, bevor er den Saal verlassen muss.

Jochen fängt an. Sie hat als Erste ihre Bewerbung abgegeben. Um 19.04 Uhr betritt sie das Podium. Die Regeln: 15 Minuten Redezeit, 15 Minuten Fragen beantworten. Jugendbeteiligung, Klimaschutz, Mobilität und das Ehrenamt sind ihre Themen. Eingangs spricht sie die Menschen an, die vor acht Jahren nicht zur Wahl gegangen sind, etwa 12.500. Die Wahlbeteiligung lag nur bei 22 Prozent. „Das ist bitter“, so Jochen. Jetzt gebe es eine echte Wahl.

Nach etwas Lob für die Verwaltungsangestellten geht sie in die Themen: „Der Jugendgemeinderat hätte gerne eine Infotafel über die Umbenennung der Farrenbergschule. Warum hören wir nicht auf unsere Jugend?“ Dafür gibt es zum ersten Mal Szenenapplaus aus dem Publikum.

Jochen skizziert ein Mössingen nach ihrer Vorstellung: „Ein Mössingen, das sich als Blumenstadt, ja, seine grüne Lunge wiederentdeckt. Ein Mössingen mit lebendigen Ortskernen und eigenen Ortsbeiräten, auch in Belsen und Bästenhardt. Bezahlbarer Wohnraum, sichere Radwege und eine Innenstadt, in der Menschen sich gerne begegnen.“

Wo Kinder neben Blechlawinen spielen

Eines ihrer Kernthemen: Transparenz. „Wir brauchen weniger nicht-öffentliche Sitzungen und mehr Transparenz bei den Gemeinderatssitzungen. Öffentlichkeit ist der Sauerstoff der Demokratie!“

Kritik hagelt es für die Gestaltung der neuen Mitte: „Wissen Sie noch, was für die Neugestaltung der Stadtmitte vereinbart war? Etwa eine autogerechte Umgestaltung wie im vorigen Jahrhundert? Mit viermal so vielen PKW-Stellplätzen wie Bäumen? Mit Gefährdung der Radfahrer durch ausparkende Autos? Und einen Marktplatz ohne Bäume und Schatten, wo Kinder neben einer Blechlawine am Wasserspiel planschen?“, fragt sie sarkastisch.

Der Amtsinhaber Michael Bulander

Der Amtsinhaber Michael Bulander

Benjamin Breitmaier

Als Jochen über das Thema „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ spricht, gibt ihr Hausherr Martin Gönner das 2-Minuten-Signal.

Zum Ende betont sie, wie viel Spaß ihr der Wahlkampf gemacht hätte, wie viel Spaß Demokratie machen könnte. Bei den letzten Worten ist das Mikrofon bereits stumm.

In der Fragerunde will Roland Strauß von der Radaktivisten-Gruppe Critical Mass wissen, was sie denn für den Radverkehr machen wolle. Sie sehe in der Karl-Jaggy-Straße ein großes Gefahrenpotenzial, „da kann man doch auch einfach mal einen Kübel Farbe nehmen und drauf hinweisen“, erklärt sie hemdsärmelig. Des Weiteren wolle sie die Teilorte stärker in den Fokus nehmen, wo es wenig bis gar keine Radinfrastruktur gebe.

Der ehemalige CDU-Stadtrat Andreas Gammel will von Jochen wissen, was sie gegen eine leere Stadtkasse tun wolle. Viele Projekte wurden in den vergangenen Jahren nicht verwirklicht, weil das Geld fehlt. Jochen verweist darauf, dass sich auch ehrenamtlich viel bewirken ließe, außerdem: „Wenn die Endelbergtrasse nicht gebaut wird, dann haben wir ja wieder Geld“, so Jochen mit einem Augenzwinkern, wobei sie weiter für einen B27-Ausbau sei, nur nicht auf der Trasse.

Wahlleiter Martin Gönner führte durch den Abend.

Wahlleiter Martin Gönner führte durch den Abend.

Benjamin Breitmaier

Doro Müller will als Vertreterin des Gesamtelternbeirats wissen, was sie für Familien in Mössingen zu tun gedenke. Darauf gibt es eine klare Antwort: Gebühren gerechter gestalten. Jochen: „Es kann nicht sein, dass das Ärzteehepaar genauso viel bezahlt, wie die alleinerziehende Mutter.“

Bulander verweist auf zahlreiche Erfolge

Nach weiteren Fragen zu den Themen Parkraumbewirtschaftung und Kommunalfinanzen ist der Amtsinhaber an der Reihe. „Heißt es nicht, aller guten Dinge sind drei?“, eröffnet der Oberbürgermeister in Anspielung auf seine potenziell dritte Amtszeit. Er hebt  seine Qualitäten als Krisenmanager hervor. Corona, Ukraine, Inflation, Cyberangriff – trotzdem verfolge Mössingen „unverdrossen das, was uns wirklich wichtig ist.“

Er betont die Erfolge in der Ausweitung der Betreuungslandschaft, den Kindergärten, die gebaut wurden, wie das Kinderhaus Hinter Höfen, der ganze Reigen an Schulhäusern, die saniert wurden, wie jüngst das Quenstedt-Gymnasium. Weiter geht es zu aktuellen Herausforderungen. Beispiel: Anspruch auf Ganztagsbetreuung. „Unsere Grundschulen sind dafür gewappnet“, so Bulander.

Die Herausforderin Claudia Jochen

Die Herausforderin Claudia Jochen

Benjamin Breitmaier

Er verweist weiter beim Thema Bürgerbeteiligung auf den Sportstättendialog. Gemeinsam wurde eine Reihenfolge erarbeitet, wie die überwiegend maroden und veralteten Mössinger Hallen zukunftsfähig gemacht werden.

Bulanders Rede ist durchzogen von kleinen Neuigkeiten: So ist er sich sicher, dass die Räumlichkeiten der Steinlach-Klinik nicht lange leerstehen werden.

Pausa-Areal und Mobilitätskonzept als Zukunftsthemen

Beim Thema Baugebiete konzentriert er sich auf Innenentwicklung. Bulander: „Wir müssen dem Flächenverbrauch Einhalt gebieten.“ Er verweist auf das Hoeckle-Areal, auf dem 450 Wohnungen entstehen. Wichtig sei ihm: „Was wir machen, egal wo, soll nachhaltig sein.“

Im Herbst will er dem Gemeinderat außerdem einen Plan für die Sanierung des Freibades vorlegen, inklusive Kleinkindbecken. Die Jugendmusikschule soll organisatorisch optimiert werden, da sie ihre Räume im Pausa-Areal aufgeben muss.

Hier gibt es ebenfalls Neuigkeiten. Bulander: „Wir haben einen renommierten Projektentwickler aufgetan, der das Pausa-Verwaltungsgebäude samt Bogenhalle und ,Mehl-Hochhaus' erwerben wird, um dort reichlich Wohnraum möglich zu machen, dazu Büroeinheiten, Gewerbeflächen und weitere Einrichtungen.“

Außerdem: „Ab Herbst entwickeln wir ein zukunftsweisendes Mobilitätskonzept. Alle verkehrlichen Aspekte sollen dabei gewürdigt werden: Rad- und Fußwege – ÖPNV – motorisierter Individualverkehr – Parken“, so der Oberbürgermeister.

Auf die Frage, wo mehr Geld herkommen soll, hat Bulander eine Antwort: Gewerbegebiete. Innerhalb von drei Jahren will er Hegwiesen/Vor Dörnach erschließen. Danach soll es mit Schlattwiesen II weitergehen.

Jochens Sohn kritisiert Neue Mitte

„Was spricht denn gegen eine Parkraumbewirtschaftung?“, wollte die Mössingerin Ursula Reuter in der Fragerunde wissen. „Prinzipiell nichts“, erklärte Bulander. Aber Mössingen sei bislang nicht so weit, die Händler bräuchten Frequenz. Auch das Parkhaus ist für Bulander genau an der richtigen Stelle. „Das sieht man von der Bahnhofstraße aus gar nicht.“ In Kombination mit dem Gesundheitszentrum sei es genau das, was Mössingens Mitte belebt.

Was er denn für den Radverkehr tue, wollte Roland Strauß auch von Bulander wissen. „Es gibt an einigen Stellen etwas nachzuholen. Deswegen starten wir im Herbst mit unserem Mobilitätskonzept. Da werden Rad- und Fußwege und der ÖPNV drin sein.“

Schärfer wird der Ton, als Claudia Jochens Sohn aufsteht und kritisiert: „Wie kommt es, dass wir eine Stadtmitte haben, die so hässlich ist?“ Schon für die Frage gibt es Applaus im Saal. Bulander will den Ball zurückspielen und fragt selbst in die Reihen: „Wer hier findet denn die neue Mitte gelungen?“ Das nachfolgende Klatschen ist eher zögerlich. Bulander hält die Neue Mitte für einen „wichtigen Kristallisationspunkt, an dem sich Jung und Alt treffen.“

Um 20.15 Uhr ist die Kandidatenvorstellung vorbei. Die beiden Kandidaten können erhobenen Hauptes aus der Aula schreiten. Jetzt sind die Wählerinnen und Wähler am 5. Juli gefragt.