Kandidatinnen-Porträt: Deswegen will Claudia Jochen Oberbürgermeisterin von Mössingen werden

Claudia Jochen ist meistens mit ihrem grünen Lastenrad in Mössingen unterwegs. Mehr Grün würde sie sich auch für die Mössinger Mitte wünschen.
Benjamin Breitmaier- Claudia Jochen kandidiert als Oberbürgermeisterin in Mössingen und tritt gegen Michael Bulander an.
- Sie will „für Mössingen“ antreten, Reibung erzeugen und Beteiligung stärken – 2018 gab es keinen Gegenkandidaten.
- Themen im Fokus: autofreie Mössinger Mitte, Parkraumbewirtschaftung, mehr Räume und Stimme für Jugend.
- Jochen ist 49, parteilos, LiSt-Gemeinderätin, Lehrerin für Deutsch und Finnisch sowie freie Journalistin.
- Trotz geringer Chancen erfährt sie viel Zuspruch, sammelt Unterstützer und strebt ein zweistelliges Ergebnis an.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wer in das Zuhause von Claudia Jochen eintritt, muss mit einem stürmischen Empfang von Rudi rechnen. Mischlingsrüde, acht Jahre alt. Die Wohnung im Mössinger Zentrum ist wie Claudia Jochen selbst: bunt, ausdrucksstark, geschäftig-chaotisch mit einem ordentlichen Schuss „Sisu“, dieser finnischen Beharrlichkeit, für die es keine deutsche Übersetzung gibt. In den wahrscheinlich mehr als zehn Bücherregalen steht politische Literatur neben Kinderbüchern. Finnische Autorinnen wechseln sich mit Walter Moers oder Heinz Strunk ab. Klavier, Bassukulele, Traditionswanduhr von Junghans.
Mössingerinnen und Mössingern muss nicht erklärt werden, wer Claudia Jochen ist. Wenn im Gemeinderat niemand eine Gegenposition zum Vorgehen der Verwaltung äußert, gibt es immer noch Claudia Jochen, die ihrem lieben „Herr Oberbürgermeister“ in deutlichen Worten erklärt, dass die Radwege in der Stadt ausgebaut werden sollten, bevor irgendwo neue Parkplätze ausgewiesen werden.
Jochen: „Ich mach’ das für Mössingen“
Jetzt steht die Wahl zur Oberbürgermeisterin in Mössingen an – und bisher hat sich niemand getraut, gegen den lieben Oberbürgermeister Bulander anzutreten. Bis eben zum Montagabend, 4. Mai, als Claudia Jochen in einer Sitzung des Gemeinderats ohne weiteren Kommentar aus Befangenheitsgründen auf der Zuschauerbank Platz nahm, als es um die Wahl ging.
Ihre Chancen auf den Wahlsieg sind im besten Fall überschaubar. Das ist kein Geheimnis, das weiß Claudia Jochen selbst. Gegen einen weitgehend skandalfreien Amtsinhaber anzutreten, scheint ein ambitioniertes Vorhaben zu sein, um das Wort Himmelfahrtskommando zu vermeiden. Warum also den Schritt wagen, Zeit und Geld zu investieren? „Ich mach’ das für Mössingen“, sagt sie im Gespräch am hölzernen Esstisch. „Reibung erzeugt Wärme, Demokratie verlangt Einmischung“, so Jochen. Zur Erinnerung: 2018 trat niemand gegen Bulander an. Er erhielt 97,2 Prozent der Stimmen. Wahlbeteiligung: 22,1 Prozent. Reibung sieht anders aus. Mit ihrer Kandidatur muss sich der Amtsinhaber dieses Mal erklären, warum er sich für den besseren Kandidaten hält.
Die 49-Jährige ist sich bewusst, dass sie sich einem Risiko aussetzt. „Ich habe ehrlich gesagt mit einem Shitstorm gerechnet, aus gewissen Kreisen.“ Wenngleich sie als parteilose Kandidatin antritt, verbinden sie zahlreiche Mössingerinnen und Mössinger mit ihrer LiSt-Fraktion, der Linken im Steinlachtal. Ebenfalls ist sie als Gegnerin der Endelbergtrasse bekannt. In einem bürgerlich-konservativen Umfeld kein einfacher Standpunkt.
Mit der Lektüre von Hasnain Kazims „Post von Karlheinz“ hat sie sich ein dickes Fell quasi angelesen. Doch es stellt sich heraus: Es gab keinen Shitstorm. Jochen: „Ich war überrascht, das Gegenteil ist der Fall.“ Sie erzählt von einer beeindruckenden Welle des Zuspruchs, nachdem sie ihre Kandidatur publik gemacht hatte. „Mich sprechen die Leute im Supermarkt an. Eine Frau sagte neulich zu mir: I fend des fei guad, dass sie kandidiered.“ Selbst nach Abgabe ihrer Bewerbung würden weiterhin Unterstützer-Unterschriften bei ihr eintrudeln, obwohl sie die 50 nötigen Signaturen längst beisammen hat. „Das ging ruckzuck. Ehrlich gesagt gibt mir das großen Auftrieb.“
Bulander nicht unter den Kandidatur-Unterstützern
Einen Namen findet man in den Unterschriften nicht. „Im Läba ned“, habe Bulander gesagt, als sie ihn um seine Unterschrift bat.
Ein dickes Fell musste sich die Freie Journalistin und Lehrerin für Deutsch und Finnisch im Übrigen nicht erst anlesen. Das hat sie von ihrer Mutter mitbekommen, einer Finnin. „Ich erinnere mich noch, als Mama und ich in einem Schuhladen auf Finnisch debattiert haben und die Verkäuferin uns fragte: ,Du wolle kaufe Schuh?' Mama hat dann zurückgefragt, ob die Verkäuferin der deutschen Sprache nicht mächtig sei.“
Die Person
Die 49-jährige Claudia Jochen ist freischaffende Lehrerin für Deutsch und Finnisch und arbeitet als Freie Journalistin für mehrere Tageszeitungen, unter anderem für das SCHWÄBISCHE TAGBLATT. 2015 machte sie ihren Magister in den Fächern Empirische Kulturwissenschaft und Allgemeine Rhetorik an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 15 und 21 Jahren. Seit 2011 lebt sie mit ihrem Mann in Mössingen. Seit 2019 sitzt sie für die LiSt-Fraktion im Mössinger Gemeinderat. Daneben ist sie als Schul- und Elternbeirätin engagiert und in mehreren Vereinen aktiv. Weitere Infos gibt es auf www.chefinnin.de.
Ihre finnischen Wurzeln will Claudia Jochen in den Wahlkampf einfließen lassen. Schließlich wohnen in dem Land die glücklichsten Menschen der Welt. Platz 1 beim World Happiness Report zum neunten Mal in Folge. „Die Finnen lassen jeden sein, wie er ist, aber man hilft sich gegenseitig.“ Was das angeht, sei Mössingen bereits recht finnisch. Jochen setzt sich dennoch für mehr Miteinander ein, aber auch dafür, dass die Menschen sich mehr einmischen. „Nicht jammern, sondern mitmachen“, ihr Credo. Darüberhinaus bewegt sie ein „fanatisches Gerechtigkeitsempfinden“. Jochen: „Wenn es mir gutgeht, dann muss ich danach schauen, dass es auch den anderen gutgeht.“
Ein autofreies Zentrum und mehr Räume für die Jugend sind Themen
Sollte sie ins Amt gewählt werden, steht der Fahrplan fest. Sie will die neue Mössinger Mitte autofrei gestalten. „Als neulich Landrat Bednarz zu Besuch war, konnte man den Oberbürgermeister fast nicht verstehen, weil der Lärm so groß war“, erinnert sich Jochen. Zeitnah würde sie auch das Thema Parkraumbewirtschaftung angehen, einer ihrer Dauerbrenner aus dem Gemeinderat. Aber nicht mit dem Vorschlaghammer, das sei ihr wichtig. „Kurz einkaufen gehen soll weiterhin kostenlos bleiben“.
Eines ihrer weiteren Themen: die Jugend. „Ich bin erst seit Kurzem alt“, sagt die 49-Jährige und lacht. Es störe sie, dass in Mössingen – trotz Jugendvertretung – die Stimme der Jüngeren oft nicht gehört werde. Als Beispiel nennt sie den Wunsch der Verantwortlichen, nach einer Info-Tafel zum Thema Gottlieb Rühle. Bis heute wird der Wunsch ignoriert. Auch Kinder haben keine große Lobby. Seit Jahren setze sie sich für eine Sozialstaffelung etwa bei Kindergarten-Gebühren ein. Wenn Tübingen das kann, könne Mössingen das auch.
Was sagt sie zum Vorwurf der fehlenden Verwaltungserfahrung? Jochen knapp: „Boris Palmer hat auch keine Verwaltungswissenschaft studiert.“ Den Job traut sie sich also zu, wenngleich ihre Chancen gering sind. Was würde sie also als Erfolg erachten? „Wenn ich zweistellig werde.“
Offenlegung
Claudia Jochen wird während ihrer Kandidatur die Tätigkeit für das SCHWÄBISCHE TAGBLATT/SÜDWEST PRESSE ruhen lassen.


