Sie sind allein in einem fremden Land, meist beherrschen sie die Sprache nicht, sie kennen kaum jemanden und die Erfahrungen von Krieg und Flucht stecken ihnen noch in den Knochen. Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine mit den unterschiedlichsten Angeboten zu helfen – auch das hat sich die Organisationen „Ermstal hilft“ zum Ziel gesetzt.

Angebote im Ermstal

Neben Lieferungen von Hilfsgütern, die sie in die Ukraine bringen, um die Menschen dort mit dem Notwendigsten zu versorgen, lässt man auch die Hilfesuchenden im Ermstal nicht im Stich. Eine, die sich seit April engagiert, ist Vitalia Glöcker mit ihren Malkursen in abstrakter Malerei. In den Räumen der altpietistischen Gemeinschaft bietet sie alle zwei Wochen Treffen an, bei denen die Teilnehmer abstrakte Werke erschaffen können. Die Malerei ist seit vielen Jahren die große Leidenschaft von Vitalia Glöckler, die im Hauptberuf Prozessmanagerin ist. Sie hat sich in etlichen Kursen weitergebildet und kann auf viele Ausstellungen zurückblicken. Vor allem aber weiß sie um die heilende Wirkung der Malerei. Ihr selbst hat dieses Hobby geholfen, schwere Zeiten zu durchstehen und diesen Weg will sie auch den Frauen, Mänern, Kindern und Jugendlichen eröffnen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat.

Ein Leben in der Fremde

Denn es sind fürchterliche Erfahrungen, die auf ihnen lasten. „Sie haben ihre Heimat verloren, mussten ihr Land verlassen und in der Fremde ganz neu anfangen“, sagt Glöckler. Die, die schon länger da sind, leider immer stärker unter Heimweh, hinzu kommt oft die Sorge um Verwandte und Freunde, die noch in der Ukraine leben.

Furchtbare Erlebnisse

Die, die erst seit kurzem hier sind, haben oft fürchterliche Kriegserlebnisse gemacht. Eine junge Frau habe ihr erzählt, so Glöckler, dass sie sich über Tage hinweg in der U-Bahn-Station versteckt haben, während die Stadt unter Beschuss stand. Immer wieder mussten sie während der Gefechtspausen nach oben, um sich um Verletzte zu kümmern oder Leichen zu bergen. Das sind Dinge, die man kaum wieder loswird, die einen belasten, auch wenn man in einem sicheren Land Zuflucht gefunden hat.

Im Hier und Jetzt sein

Diese Erinnerungen auszulöschen, schafft natürlich auch das Malen nicht, aber es hilft einem zumindest, auf andere Gedanken zu kommen, ganz im Hier und Jetzt zu sein, ein wenig loszulassen. „Wenn sie hier sind, können sie all das eine Zeitlang vergessen“, beobachtet Vitalia Glöckler immer wieder. Gerade die abstrakte Malerei sei dafür geeignet: Da sie nichts Gegenständliches abbildet, entzieht sie sich auch eher der Kritik. „In der abstrakten Malerei kann man sich die Farben und Formen nach dem Gefühl aussuchen, das ermöglicht einen intensiven Prozess.“

Gespräche neben dem Malen

Zwischen zehn und 15 Teilnehmern finden immer den Weg in ihre Kurse. Manche kommen öfter, andere malen ein oder zwei Bilder und suchen sich dann eine andere Tätigkeit. In der Zwischenzeit hat sich das Angebot im ganzen Landkreis herumgesprochen, bis aus Reutlingen kommen manchmal Teilnehmer. Dabei ist nicht nur das Malen hilfreich, sondern auch der Austausch nebenher. Während des Malens erzählen sie von dem, was sie belastet und so manches Mal fließen dabei auch Tränen.

„Ich kenne beide Seiten“

Vitalia Glöckler ist nicht nur wegen ihres Maltalents für diese Kurse perfekt geeignet, sondern auch wegen ihrer Herkunft. Sie kam als Jugendliche von Kasachstan ins Ermstal, „ich kenne beide Seiten und trage beide in mir“, sagt sie. Sie ist ein Kind der einstigen Sowjetunion, kann sich darum auch problemlos mit den Ukrainern unterhalten, aber sie kennt auch die deutsche Mentalität. Zudem weiß sie, wie es ist, wenn man die Heimat verlassen muss. Ihre Eltern, sagt sie, haben damals natürlich aus freien Stücken beschlossen, Kasachstan zu verlassen und in dem Land ihrer Vorfahren ein besseres Leben zu beginnen. Darum sei ihre Situation damals nicht mit der der heutigen Flüchtlinge zu vergleichen. Trotzdem erinnert sie sich nur zu gut, wie hart es für sie als 17-Jährige war, komplett aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen zu werden und neu anzufangen. Wie es ist, in ein Land zu kommen, dessen Sitten und Sprache man kaum kennt und sich darin zurechtzufinden.

Ausstellung in der Kirche

„Ich habe mich darum in der Pflicht gefühlt, etwas zu tun“, sagt Vitalia Glöckler. Als die ersten Ukrainer in der Gemeinde angekommen sind, hat sie sich dem Helferkreis angeschlossen und schnell entstand die Idee zu den Malkursen. Unterstützt wurden sie dabei von Beginn an von „Ermstal hilft“. Nun ist Vitalia Glöckler glücklich, dass es eine erste Ausstellung mit den Werken ihrer Eleven gibt. Dadurch bekommt das Projekt eine breitere Öffentlichkeit und Wertschätzung. Den Verkaufserlös wollen sie dazu verwenden, um die Malkurse fortzuführen. Deshalb sind sie erleichtert, dass die Kirchengemeinde ihnen unentgeltlich die Räume in der Stiftskirche zu Verfügung gestellt hat.

Ausstellung ab Samstag in der Stiftskirche

Das Malprojekt „Durch Kunst zur inneren Balance“ organisiert seine erste Ausstellung. Die Stiftskirche hat dafür den Kirchenraum zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung wird am kommenden Samstag, 12. November, um 19 Uhr mit einer Vernissage eröffnet. Einige Teilnehmer und die Kursleiterin Vitalia Glöckler werden anwesend sein und freuen sich auf einen regen Austausch mit den Besuchern. Die ausgestellten Bilder werden zum Verkauf angeboten. Der Erlös wird für die Fortführung des Projektes verwendet.
Die Bilder sind im Anschluss bis zum 4. Dezember täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen.