Es sind Geschichten, die niemand lesen und keiner schreiben will. Etwa jene über die Holzdiebe im Stadtpark von Tarutino. Ganze Reihen Bäume sind dort nachts heimlich gefällt worden. Selbstredend nicht, weil Vandalen am Werk waren – sondern, weil die bittere Kälte vielen Menschen in der Schwarzmeer-Region extrem zusetzt. Heizen können viele Familien in den zerstörten Orten schon lange nicht mehr. Tausende Frauen, Kinder und Ältere frieren – vor allem nachts. Und Holz ist in den waldarmen Landstrichen zu einem kostbaren Rohstoff geworden, weil es wenigstens ein paar Stunden für Wärme sorgt, erzählt der Dettinger Simon Nowotni.

Die Hilfe ist gefragt, gerade jetzt in diesen schweren Tagen

Mit seinem Freund und Gemeinderatskollegen Martin Salzer hält Nowotni die Fäden in der Hand beim gemeinnützigen Verein „Ermstal hilft“. Seit Beginn des Ukraine-Krieges kümmern sich die beiden und ihre Mitstreiter zum einen um Flüchtende aus der Odessa-Region – zum anderen fahren sie regelmäßig Transporte mit notwendigen Gütern ins ehemalige Bessarabien. Gut zehn Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges ist das Netzwerk um die beiden Dettinger mehr denn je gefragt. Eine Tatsache, die beide noch im Frühjahr nicht für möglich hielten. „Anfangs dachten wir, jetzt packen wir einfach mal ein paar Wochen unbürokratisch mit an“, sagen die Männer. Aus den Wochen ist fast ein Jahr geworden, doch ein Ende des Kriegshorrors ist nicht in Sicht.

Ein Ende des Kriegshorrors ist nicht in Sicht

Gerade jetzt brauchen die Menschen in der Odessa Region Unterstützung – vor allem auch die der Organisation „Ermstal hilft“, für die in diesem Jahr die Spenden aus der Weihnachtsaktion der SÜDWEST PRESSE bestimmt sind. Denn mit dem Winter hat sich die Not endgültig ausgebreitet in der Schwarzmeer-Region.
Es sind nicht nur die Minusgrade, unter denen Tausende leiden. Längst haben russische Truppen die Energieversorgung zerstört. Ersatzteile fehlen, Generatoren gibt es zu wenige. Netzbetreiber berichten von mehr als tausend Angriffen der Russen auf die Stromversorgung der Ukraine. Nichts geht mehr, wechselnd von Region zu Region muss die Energie derzeit stundenweise zugeteilt werden.
Am schlimmsten aber ist die Angst um das eigene Leben, die mittlerweile allgegenwärtig ist. Erst am 5. Dezember attackierten Putins Truppen die Stadt Arzis mit Raketen. Die Kommune mit ihren gut 15 000 Einwohnern zählt zu den drei Gemeinden, die der Verein „Ermstal hilft“ mit seinen Transporten regelmäßig anfährt. Von dort aus werden die Spenden aus dem Kreis Reutlingen an die Ukrainer ausgegeben. Zu den drei „Verteilzentren“ für Güter gehört auch das benachbarte Sarata (gut 6000 Einwohner) und die Kleinstadt Tarutino.

Menschen ins Arzis durch Raketen verletzt

Beim letzten Besuch in Arzis fanden die Helfer aus dem Ermstal viele Trümmer vor. Durch den  Angriff wurden Menschen verletzt, einige Häuser vollständig zerstört. Andere Gebäude sind zwar nur teilweise beschädigt worden, aber nicht mehr bewohnbar. Die Einheimischen mussten in Notunterkünfte ziehen. Augenzeugen des Angriffs berichten, die Raketen hätten einen vier Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von etwa zehn Metern hinterlassen.
Mit Blick auf die zerstörte Infrastruktur sind es längst nicht mehr nur warme Kleider, Decken und Nahrungsmittelpakete, die Ehrenamtliche aus dem Ermstal mit ihren Transportern in die Odessa-Region fahren. Gefragt sind vor allem Geräte, die die Energieversorgung wenigstens vorübergehend wieder zum Laufen bringen sollen. Dieser Tage etwa sind drei Laster um den Bad Uracher Integrationsbeauftragten Ruben Stapelbroek von  Dettingen aus gestartet. Ihre Fracht: 18 Stromgeneratoren für die Odessa-Region. In Zeiten ständiger Stromausfälle sind aber auch Kerzen, Taschenlampen, Batterien, Gaskartuschen für Bunsenbrenner und Powerbanks wichtige Waren.

Ein funktionierendes Netzwerk

Mit viel Einsatz, einem funktionierenden Netzwerk und einem stetig wachsenden Unterstützerkreis schaffen es Martin Salzer und Simon Nowotni, vieles aufzutreiben, was im Kriegsgebiet gebraucht wird. Einen wichtigen Teil dazu tragen nicht nur unsere Leser mit ihren Spenden bei. Auch Firmen sind aufgesprungen und halten die Aktion mit finanzieller Unterstützung am Laufen. Der größte Geldgeber ist das Bempflinger Bäckerhaus Veit, betonen Salzer und Nowotni: Mehr als 40 000 Euro hat das Unternehmen mittlerweile an „Ermstal hilft“ überwiesen.
Wesentlich dazu beigetragen hat auch eine Idee der Bäckerei, von jeden verkauften Brötchen der Sorte „Ermstäler“ 20 Cents (je zur Hälfte aufgebracht von Kunden und dem Bäckerhaus) an die Hilfsorganisation zu spenden. Soziale Verantwortung gehört für Geschäftsführerin Cornelia Veit zu ihrem Job als Unternehmerin, sagt sie.
Ein Engagement, über das sich Simon Nowotni und Martin Salzer besonders freuen. Jüngst könnten die Helfer sogar 80 schusssichere Westen für die drei Städte auftreiben. Die Kleidung schützt nun die freiwilligen Soldaten, die den Eingang der Städte mit Panzersperren sichern.