Olympische Spiele: Wie Handschuhe aus Glems den Rodelsport revolutionieren

Rainer Seiz freut sich auf die Olympischen Spiele. Wer auch immer im Rodeln gewinnen wird, trägt Handschuhe aus seiner Fabrikation.
Thomas Kiehl- Start der Olympischen Winterspiele am Freitag; Seiz hat Zugang zu allen Events und Deutsches Haus.
- Seiz rüstet Rennrodler, Bobfahrer, Skispringer, Nordische Kombinierer, Skeletonfahrer aus.
- Seine Rodelhandschuhe mit Spikes sparen laut Seiz zwei Hundertstel Sekunden am Start.
- Erstmals tragen alle maßgeblichen Rodel-Nationen seine Handschuhe, auch Österreich.
- Technik aus Feuerwehrhandschuhen: Spikes über Bänder bis zum Handgelenk kraftschlüssig fixiert.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
In seinem Büro hat Rainer Seiz ein Paar alte Handschuhe liegen. Das Gegenteil von solchen, die Philatelisten gerne zum Sortieren ihrer Briefmarken anziehen, damit sie die Sammlerstücke vor der Haut anhaftenden Fetten, Schweiß und Säuren schützen.
Jene Handschuhe tragen im Gegenteil sogenannte Eiskrallen an den Spitzen von Ring-, Mittel- und Zeigefinger. Briefmarken würden sie zerschreddern, doch im Eiskanal erfüllen sie ihren Zweck. Rodler haken sich damit beim Start in den spiegelglatten Untergrund, ziehen sich vor, beschleunigen ihren Schlitten und rauschen dann hinab in einer Hatz, bei der es am Ende um Tausendstelsekunden geht.
Zwei Hundertstel Sekunden, und das ist eine Menge in diesem Wettbewerb, sparen jene Athleten beim Start, die auf Handschuhe der Marke Seiz vertrauen. Das jedenfalls sagt Firmenchef Seiz. So wie die Dinge liegen, ist das nicht nur Marketing-Getrommel.
Kampf um zwei Hundertstel
Vermutlich hat Rainer Seiz recht. Bei den Olympischen Spielen, die am Freitag beginnen, tragen erstmals alle Piloten der maßgeblichen Nationen seine Handschuhe, auch die Österreicher, die einige Jahre vertraglich an einen anderen Hersteller gebunden waren. Sie alle wollen diese zwei Hunderstel ins Ziel retten.
Die alten Handschuhe, die im Büro von Rainer Seiz liegen, haben einst einem gewissen Armin Zöggeler gehört. Man kommt gar nicht umhin, ihn nicht zu kennen. Nicht, wenn man jemals Wintersport oder ganz und gar olympische Winterspiele im Fernsehen angesehen hat. Armin Zöggeler war der italienische Gegenspieler vom deutschen Georg Hackl, auch Hackl Schorsch genannt. Seiz kennt beide gut. „Zöggeler war immer der Athlet“, sagt er, „der Hackl Georg der Tüftler.“
Dass er die beiden kennenlernte, verdankt er einem Zufall. Vor etwa zehn Jahren stand er in einem Skilift einer neugierigen Dame gegenüber. Was er denn beruflich so mache, wollte sie wissen. Er stelle Handschuhe her. Sie: „Reusch oder Roeckl?“ Er: „Technische Handschuhe.“ Sie war enttäuscht: „Ach so.“
Die Firma aus dem Metzinger Stadtteil Glems fertigt Arbeits- und Montagehandschuhe für sämtliche deutsche Autohersteller und zig andere Branchen.
Zudem ist Seiz weltweit der führende Hersteller für Feuerwehrhandschuhe. Auf dem Gebiet haben sich die Glemser über die Jahre einen technischen Vorsprung erarbeitet. Der lähmt die Konkurrenz: „In diesen hochtechnischen Bereich wagen sich andere kaum vor“, sagt Rainer Seiz. In einem eigenen Labor entwickeln er und seine Mitarbeiter Patente. Die Ansprüche an Feuerwehrhandschuhe sind gewaltig: Sie müssen Chemikalien, Hitze und mechanischer Belastung standhalten, dennoch so bequem sein, dass Feuerwehrleute damit arbeiten können.
Spikes für die Finger
Die Eiskrallen, auch Spikes genannt, sind das Herzstück der Handschuhe. Nach dem Abstoßen an den Haltegriffen ziehen sich die Sportlerinnen und Sportler mit kräftigen Paddelbewegungen nach vorn. Die Spikes an den Fingerspitzen sorgen dabei für den nötigen Halt auf dem Eis, sodass sie sich kraftvoll abstoßen und beschleunigen können.
Hingegen ein Skihandschuh? „Ein bisschen Leder mit Futter, eine Membran, und dazu noch hübsch sollte er sein“, beschreibt Seiz das Anforderungsprofil für ein Produkt, das auch neugierige Damen im Skilift kennen: „Das ist einfach“, sagte er sich also vor zehn Jahren,. Und trug den Gedanken, künftig auch das Segment „Sport“ zu bedienen, in seinen Mitarbeiterstab. Ein Kollege riet spontan dazu, Sporthandschuhe für Rodler zu machen: „Ich kenne den Hackl Georg gut.“
Zwei Wochen später waren Hackl und Zöggeler in Glems. Beide längst nicht mehr aktiv, aber in verschiedenen Funktionen für ihre jeweiligen Verbände tätig. Die Spezialisten von Seiz schauten sich den Zöggeler-Handschuh mit den Eiskrallen an den Fingerspitzen an.
Die Krallen, auch Spikes genannt, waren angebracht mit Klebeband. „Hat funktioniert“, erinnert sich Rainer Seiz, „aber das wollten wir besser machen.“ Die Lösung: Die drei Eiskratzer sind jetzt jeweils mit einem starken Band verbunden, ähnlich der Sehne einer Hand. Diese Bänder führen über die Handinnenfläche und werden mit einem Band vernäht, das das Handgelenk fest umschließt. So kann die Kraft des Unterarms über die drei Finger mit den Eiskrallen in den Eiskanal übertragen werden.
An diesen zwei Hundertsteln, die diese Handschuhe bringen, war schon lange der Dritte im Bunde der Spitzenrodler interessiert, der Österreicher Markus Prock. Österreich aber ist erst jetzt vertraglich nicht mehr an einen anderen Hersteller gebunden. Seiz freut’s: Alle Rodelnationen tragen seine Handschuhe. Und weil er noch so viele andere Sportlerinnen und Sportler ausrüstet, steht ein Gewinner also schon fest, auch wenn er nicht selbst aufs Podest steigt.

