Freizeittipp für Radfahrer
: Luxus-Biketour mit Aussicht im Herz der Schwäbischen Alb

ReportageMit dem Rad quer über die Alb - dorthin, wo das Herz des Biosphärengebiets schlägt: Das geht bestens an einem einzigen Tag. Wir haben die Bike-Tour getestet, die unter anderem zum früheren Truppenübungsplatz Münsingen führt.
Von
Christina Hölz
Kreis Reutlingen
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Fantastische Aussichten gehören dazu bei der Radtour durchs Biosphärengebiet und über den Truppenübungsplatz Münsingen. Rasten lässt es sich prima auf dem Hartberg bei Wittlingen - von dort aus hat man einen schönen Blick auf Seeburg.

Fantastische Aussichten gehören dazu bei der Radtour durchs Biosphärengebiet und über den Truppenübungsplatz Münsingen. Rasten lässt es sich prima auf dem Hartberg bei Wittlingen - von dort aus hat man einen schönen Blick auf Seeburg.

Christina Hölz
  • Radtour durch das Biosphärengebiet: Start in Münsingen, 42 km und 605 Höhenmeter.
  • Route führt über den Ex-Truppenübungsplatz, Gruorn, Hursch-Turm und Trailfinger Schlucht.
  • In Gruorn stehen Stephanuskirche und Schule, der Rest des Dorfs wurde im Krieg aufgegeben.
  • Hursch-Turm ist 42 Meter hoch – bei klarem Wetter Sicht bis zu den Alpen.
  • E-Bikes gibt es am Bahnhof. Highlights sind Ausblicke, Ermsquellen und Panorama bei Seeburg.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es muss schön sein, immer in die Landschaft schauen zu können. Der Schäfer, dem wir auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in Münsingen begegnen, führt seine Herde jeden Tag über dieses hügelige Gelände aus Wacholderheiden, Streuobstwiesen und Buchenwälder. Über diese Weiten, die sich irgendwo in der Ferne wieder mit dem Himmel vereinen  – und die so typisch sind für die Hochebenen der Schwäbischen Alb. Fast ein wenig neidisch blicken wir vom Fahrradsattel aus hinüber zu dem Mann mit seinen Merinolandschafen. Wenn er innehält, schweifen die Augen über das ehemalige Dorf Gruorn, über Felsen und Wiesen mit kniehohem Gras. Über ein einsames Idyll, auch wenn diese Ecke der Alb überregional bekannt ist.

Im Gegensatz zum Schäfer haben wir haben diese Aussicht allerdings nur für einen Tag „gebucht“ - und zwar mittels einer Bike-Tour quer durch das Herz des Biosphärengebiets. Gestartet sind wir mitten in Münsingen. Über den früheren Übungsplatz, das Albgut und die Trailfinger Schlucht geht es via Römerstein ins Ermstal und dann wieder den Berg hoch. Wer sich nicht ohne Antrieb abstrampeln will, steigt einfach aufs E-Bike um (ein Verleih findet sich im Mobilitätszentrum am Münsinger Bahnhof) und genießt dann die Fahrt durch die historische Landschaft des Münsinger Harts. Aussichts-Enthusiasten kommen hier voll auf ihre Kosten. Und das nicht nur, weil es unterwegs einen besonderen Turm zu erklimmen gilt.

Doch dazu später. Zunächst blicken wir zurück, tauchen ganz tief ein in die Geschichte des ehemaligen Truppenübungsplatzes. Nur wenige Kilometer haben wir Münsingen hinter uns gelassen, nur ein kurzer Anstieg, dann liegt sie vor uns auf einer Anhöhe: Die Stephanuskirche in Gruorn gilt heute als das Symbol des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Wie kein Gebäude steht sie für Vergangenheit und Gegenwart, aber auch für die Zukunft des UNESCO-Schutzgebietes. Nur die Kirche und das gegenüberliegende Schulhaus (heute Museum und Gaststätte) sind übrig geblieben von einem einst blühenden Dorf.

Der Aussichtsturm "Hursch" im Biosphärengebiet: Bei gutem Wetter sieht man von dort bis in die Schweiz.

Stählerner Riese: Der Aussichtsturm "Hursch" im Biosphärengebiet. Bei gutem Wetter sieht man von dort bis in die Schweiz.

Christina Hölz

In Gruorn lebten vor dem Zweiten Weltkrieg rund 670 Einwohner, darunter viele Landwirte und Schafhalter, die schon damals die Weideflächen schätzten. Doch in den späten 1930er-Jahren lief Hitlers Kriegsmaschinerie bereits auf Hochtouren. Der Truppenübungsplatz Münsingen, entstanden 1895 für das „Königlich Württembergische Armeekorps“, musste wachsen. Für Mensch und Vieh war kein Platz mehr. Die Nazis siedelten die Bewohner des Dorfes um, in den Gebäuderuinen übten später die Soldaten den Häuserkampf. Noch heute sind die Spuren dieser Zeit nicht zu übersehen. Der Boden in der Gegend ist voller Wellen, es sind kleine Gräben, die die Panzer hinterlassen haben. Die Landschaft hat trotzdem profitiert: Weil nicht gedüngt wurde, haben sich die Kräuterwiesen erhalten, es gibt keine Monokulturen, keinen gestutzten Rasen. In diesem Untergrund allerdings liegen noch tausende Blindgänger. Schilder mahnen Besucher des Geländes, die ausgewiesenen Wege nicht zu verlassen. Radfahrer und Wanderer, die uns an diesem Sonntag begegnen, befolgen die Regeln streng.

In Grourn stehen wir auf dem beschaulichen Friedhof mit den überwucherten Gräbern. Auf der Alb bekannte Namen sind auf den Kreuzen und Grabsteinen zu lesen, Vorfahren vieler Münsinger, Ehinger, Laichinger oder Bad Uracher liegen dort beerdigt. Zeitungsausschnitte in der Kirche und die Austellung in der Schule erzählen die Geschichte des „Geisterdorfes“ weiter:  Nach dem Krieg fuhren französische Soldaten mit ihren Panzern über das Gelände, in den Sechzigerjahren kamen Bundeswehrsoldaten hinzu. Ende 2005 wurde der Truppenübungsplatz geschlossen - damit eröffneten sich neue Perspektiven für eine ganze Region: Weite Teile der Schwäbischen Alb sind seit 2009 ein UNESCO-Biosphärenreservat.

Auch das verlorene Dorf Gruorn, hier die Stephanuskirche, ist eine Station auf der Tour.

Auch das verlorene Dorf Gruorn, hier die Stephanuskirche, ist eine Station auf der Tour.

Christina Hölz

Wirtschaft und Tourismus sollen in diesen Modellregionen mit der Natur in Einklang gebracht werden, im Sinne der Nachhaltigkeit. Unser Schäfer weidet seine Tiere auf den Kalkmagerwiesen. Weil die Schafe das Gras kurzhalten, wachsen Kräuter und es erhält sich der Artenreichtum im Gebiet. Die Landschaft wiederum lockt Touristen und Tagesausflügler, Wanderungen und Fahrradtouren im Biosphärengebiet werden immer beliebter.

Das wundert nicht. Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf diesem Teil der Alb unterwegs ist, kann eine ganze Reihe von Sehenswürdigkeiten mitnehmen. Burgen, Schlösser und Wasserfälle sind das eine  – Ausblicke auf den Hochebenen des Biosphärengebiets sind das andere. Absoluter Bestseller und Top-Adresse für Fernsichtfans: Der Aussichtsturm Hursch auf dem ehemaligen Übungsplatz. Wer von Grourn aus noch gut 15 Minuten in die Pedale tritt, kommt an dem Stahlgitterkoloss südlich des Römersteiner Teilorts Zainingen nicht vorbei.

Auf dem stählernen Riesen sieht man bis in die Schweiz

42 Meter hoch ist der metallene Riese - schwindelfreie Zeitgenossen erklimmen die vielen Stufen nach oben, um dann auf der (leicht schwankenden) Aussichtsplattform mit einem traumhaften Blick bis zu Alpen belohnt zu werden. Der „Hursch“ zählt zu den drei ehemaligen militärischen Beobachtungstürmen aus dem Jahr 1981, die nun für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Türme gehören heute dem Schwäbischen Albverein, der sie täglich öffnet und ehrenamtlich betreut.

Noch etwas trunken vom Ausblick über Wälder, Wiesen und Dörfer am Horizont steigen wir wieder in den Sattel und fahren weiter. Über Böhringen, Hengen und Wittlingen geht es in Richtung Seeburg. Auch der Bad Uracher Stadtteil geizt nicht mit eindrücklichen Bildern. Auf dem Hartberg zwischen Wittlingen und Seeburg halten wir direkt am prominenten Wanderweg, dem Seeburgsteig, stellen die Räder ab und rasten auf einer Bank oberhalb des Ortes. Von dort eröffnet sich ein wunderschönes Panorama auf das Dorf, Schloss Uhenfels und das auf einem Hügel liegende Seeburger Kriegerdenkmal.

Eine wildromantische Schlucht

Steil bergab kurven wir dann, ehe wir wieder den Aufstieg in Richtung Münsinger Höhen in Angriff nehmen. Wer es bequemer haben will, schaltet jetzt einen Gang hoch, denn der Weg nach oben führt durch die wildromantische Trailfinger Schlucht. Felsen, Bäume und die Quellweiher der Erms, inklusive des Flussursprungs, säumen die kühle und auch im Sommer tiefschattige Klamm. Ein bisschen Via Mala auf der Alb, ein Erlebnis selbst für Einheimische. Oben angekommen, sind es nur noch wenige Minuten, ehe wir wieder die Münsinger Innenstadt erreichen. Nach rund 42 Kilometern Radtour und 605 Metern Auf- und Abstieg steigen wir wieder ab, beseelt von vielen Eindrücken, Ausblicken und Einsichten.