Filmdreh in Dettingen
: Remstal-Rebell Helmut Palmer und sein Erbe im Ermstal

Helmut Palmer ist schon lange tot. Seine Tochter Gudrun Mangold will das Erbe des Obstbauern und Politiker-Schrecks bewahren. Was das mit der Dettinger Firma „Leitern-Beck“ zu tun hat – und weshalb ein Filmteam nun im Ermstal dreht.
Von
Christina Hölz
Dettingen
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Die Firma Leitern-Beck in Dettingen ist die einzige in Baden-Württemberg, die noch Holzleitern für den Obstbau herstellt, wie sie der Pomologe Helmut Palmer verwendet hat.

Die Firma Leitern-Beck in Dettingen ist die einzige in Baden-Württemberg, die noch Holzleitern für den Obstbau herstellt, wie sie der Pomologe Helmut Palmer verwendet hat.

Thomas Kiehl
  • SWR dreht in Dettingen: Thema ist die traditionelle Palmer-Obstleiter aus Holz.
  • „Leitern-Beck“ baut die Leiter noch, Beschläge kommen aus der Schlosserei in Hülben.
  • Drehtermin ist am 8. Juni, sofern das Wetter mitspielt – gefilmt wird die komplette Fertigung.
  • Gudrun Mangold will das Erbe ihres Vaters Helmut Palmer bewahren und sucht Material.
  • Gesucht sind Kirschbäume mit Palmer-Schnitt und Videos von Palmer auf der Leiter.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Lange bevor Boris Palmer, der wohl bekannteste Oberbürgermeister Deutschlands, in das Tübinger Rathaus einzog, hatte sein Vater schon unzählige Male für das Amt eines Verwaltungschefs im Land kandidiert: Der Remstäler Helmut Palmer war Dauerbewerber bei OB-Wahlen, er galt als Rebell und Kämpfer gegen die Obrigkeit. Seine eigentliche Berufung sah der 2004 verstorbene Bürgerrechtler aber im Obstbau: Er erfand den Palmer-Schnitt, eine spezielle Art, Bäume zu stutzen, die bis heute in Baden-Württemberg praktiziert wird.

Geht es nach Palmers Tochter Gudrun Mangold, der Halbschwester des Tübinger OBs,  so soll das auch so bleiben: Die Autorin und Journalistin will das Erbe ihres Vaters bewahren. Sie hat mit einem Freund der Familie eine Obstbau-Akademie gegründet, Bücher über das Schaffen und die Baumpflege-Philosophie ihres Vaters verfasst (aktuell: „Der originale Palmer-Schnitt – Spitzenerträge im Streuobstbau“) und rückt in dieser Mission demnächst mit Fernsehleuten in Dettingen an.

Nun wirkte der streitbare Pomologe überwiegend auf den Wiesen im Remstal. Das Ermstal ist zwar eine Obstbau-Hochburg, doch was soll ausgerechnet Dettingen mit Palmers Arbeit zu tun haben? Sehr viel, erklärt Gudrun Mangold und verweist auf ihre Schriften. „Dort findet sich immer auch ein Kapitel über das beste Werkzeug. Denn ohne g'scheites Werkzeug kann man keine Bäume pflegen“, betont sie. Unabdingbar für den Baumschnitt sei dabei die traditionelle und an jedes Gelände anzupassende Obstleiter. Sie ist aus Holz, wird speziell angefertigt und kommt –  eben aus Dettingen.

Hergestellt wird sie in der Werkstatt der Firma „Leitern Beck“ – womit wir beim Grund für Gudrun Mangolds Filmdreh wären: Das alteingesessene Unternehmen zählt zu den ganz wenigen Unternehmen in Deutschland, die Palmers Lieblingswerkzeug noch produzieren. Ingrid Ertel, Geschäftsführerin bei „Leitern-Beck“, spricht von gerade drei solcher Werkstätten – laut Gudrun Mangold ist Beck sogar die einzige in Baden-Württemberg.

zeigt der Pomolge Helmut Palmer den richtigen Schnitt der Bäume

Hier zeigt der Pomolge Helmut Palmer auf einer alten Aufnahme den Schnitt seiner Bäume.

Archiv

Von Dettingen aus gehen die Leitern à la Palmer mit dem Spediteur auf weite Reisen: „Wir liefern bis nach Hamburg und raufwärts an den Bodensee“, erklärt Ingrid Ertel. Die Dettingerin, eine geborene Beck, stammt aus einer alten Handwerkerfamilie. Ihr Vater, Wilhelm Beck, war einer der letzten Wagner in der Ermsgemeinde und führte den Betrieb viele Jahre lang. Sein Beruf gilt heute als ausgestorben – das Alleinstellungsmerkmal in Sachen Leiternbau verschafft Ingrid Ertel und dem Beck-Team aber demnächst einen Auftritt im SWR-Fernsehen: So das Wetter mitspielt, rücken am 8. Juni die Filmteams an. Für die Reihe „Handwerkskunst“ im dritten Programm schauen sie mit ihrer Kamera den Schreinern beim Leitungsbau über die Schultern, fangen Szenen aus der Firma ein und drehen auch in Hülben in der Schlosserei von Klaus Schwenkel. Dort nämlich werden die Beschläge für die Leiter gefertigt, was für das Thema des Films ebenfalls wichtig ist: Es geht um den Bau der Palmer-Leiter von Anfang bis zum Ende.

Gudrun Mangold

Bild: Rothe, 14.11.2002

Autorin Gudrun Mangold.

Archiv

„Für meinen Vater gab es nur diese und keine andere Leiter. Deshalb ist es auch mir wichtig, dieses Know-how weiterzugeben“, erklärt Gudrun Mangold. Zumal sich schon für Helmut Palmer das Problem stellte, dass dieses „geniale Werkzeug“ kaum noch zu bekommen war. Palmer ließ seine Leitern deswegen eigens von einem Wagner auf dem Hochsträß herstellen.

Was braucht es denn tatsächlich, wollen Obstbauern nach der Palmer-Methode und mit dessen Werkzeug arbeiten? Eben aus Holz muss die Leiter sein, „damit sie im Winter, wenn man die Bäume schneidet, nicht zu kalt wird.“ Zu schwer darf das Gerät allerdings nicht werden. Und es sollte zwei freie und in alle Richtungen bewegliche Stützen haben, die man in jeweils verschiedene Richtungen positionieren kann:  „Die Obstwiesen sind hierzulande ja oft recht uneben oder sogar steil.“

Gesucht: Bäume mit Palmer-Schnitt

Autorin und Filmemacherin Gudrun Mangold dreht in Dettingen und Hülben für die SWR-Reihe „Handwerkskunst“. Im Film über die traditionelle Palmer-Obstleiter geht es um die Herstellung des Werkzeugs. Nur: Wo gibt es im Ermstal nach Helmut Palmer geschnittene Kirschbäume, fragt die Journalistin? Bislang hat das Filmteam erfolglos nach solchen Bäumen gesucht. Wer damit und mit weiteren Informationen dienen kann, möge sich bei ihr melden, und zwar unter folgender Mailadresse: gudrunmangold@t-online.de
Gefragt seien auch gute Videoaufnahmen mit Helmut Palmer auf seiner Leiter, die möglicherweise bei einem der Schnittkruse des Pomologen entstanden sind.

Experten erkennen den Palmer’schen Schnitt übrigens schon von weitem: Ein spiralförmiger Stamm mit schräg nach oben wachsenden Leitästen, an denen die Fruchtäste hängen, zeichnet ihn aus. Der Gedanke: Durch diesen Aufbau gelangt überall Licht an den Baum. Wie das Schneiden genau funktioniert, demonstriert Obstbauer Helmut Ritter („der beste Schüler meines Vaters“) im Film auf den Obstwiesen in Dettingen. Er soll zeigen, dass es speziell für die Kirschenernte „nur diese eine Leiter geben kann‘“, sagt Gudrun Mangold. Warum? Weil man an Kirschbäume keinesfalls Leitern aus Metall anlehnen sollte. „Das Holz schlitzt leicht. Bei der Kirschenernte sind schon viele tragische Unfälle passiert.“

Gesucht sind Bäume mit Palmer-Schnitt

Für die Aufnahmen hat sich das Filmteam jetzt in Dettingen auf die Suche nach Kirschbäumen mit Palmer-Schnitt gemacht. Das Ergebnis bislang: Es gibt keine. In Fachkreisen gehen die Meinungen über die Theorie des Remstäler Pomologen auseinander – in vielen Obst- und Gartenbauvereinen wird die „Rundkrone“ gelehrt – eine Mischform. Auch Roland Heinkel, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Dettingen, und viele seiner Mitgliederschneiden nicht nach der reinen Palmer-Lehre. „Das ist schade“, findet Gudrun Mangold. Ihr geht es darum, die Theorie ihres Vaters  zu bewahren. Deshalb sucht sie weiterhin nach Obstbauern, die nach der Methode Helmut Palmers  verfahren. Ihr Baum kann dann immerhin als Modell im Film dienen.