Landwirtschaft
: Offensiv für Versöhnung geworben

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, besuchte den Überregionalen Bauerntag in Horb.
Von
Manuel Fuchs
Horb

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, sprach beim Überregionalen Bauerntag in Horb. Bilder: Karl-Heinz Kuball

Nicht gesetzt

Gut 400, vielleicht auch knapp 500 Gäste saßen an großen Tischen in der Hohenberghalle. Außen herum entfaltete sich der Markt der Möglichkeiten, wo sich landwirtschaftsnahe Unternehmen präsentierten. Das Spektrum reichte von der Hochdorfer Brauerei über den Landmaschinen-Anbieter Horsch bis zur Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und einen gemeinsamen Stand der Altheimer Walz-Mühle und der Bäckerei Saur. Auch Banken und Versicherungen warben für auf land- und forstwirtschaftliche Betriebe zugeschnittene Produkte.

Eine Blaskapelle sorgte für den angemessenen Ton, und Gerhard Faßnacht, Landwirt aus Altheim und Vorsitzender des Kreisbauernverbands Freudenstadt, konnte die Veranstaltung von der Bühne aus eröffnen. „In die Mitte der Gesellschaft“ will er die Landwirtschaft rücken und Netzwerke etablieren: „Partner und Freunde sind wichtig in einer Zeit, da wir Landwirte nahezu täglich neuen Anfeindungen ausgesetzt sind.“

In der langen Liste prominenter Gäste ging besonderer Dank an den Parlamentarischen Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU), der sich sehr um den Besuch der Ministerin Julia Klöckner verdient gemacht hatte.

Die Gleichheit der Lebensverhältnisse zwischen Metropolen und ländlichem Raum herzustellen war Peter Rosenbergers Kernanliegen. „Darin sind sich alle einig“, sagte Horbs Oberbürgermeister in seinem Grußwort. Allein fehle es häufig an Tatkraft, wenn es um die Umsetzung gehe. Kommunen im ländlichen Raum müssten sich selbst um ihre medizinische, digitale und Verkehrsinfrastruktur bemühen. Hierzu bedürfe es eines Schulterschlusses vieler kommunaler Akteure im Sinne einer gemeinsamen Entwicklung der Raumschaft.

Landrat Dr. Klaus Michael Rückert sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, „Stimmung in die Halle zu bringen“. Mit seinem Lob der hart arbeitenden Landwirte, „die schon lange im Stall stehen, wenn bei uns Beamten grade mal die Kaffeemaschine läuft“, löste er sie bravourös. „Wir politisch Verantwortlichen wissen, was wir an Ihnen haben“, rief er ins Rund.

Auftritt der Ministerin

Dann betrat, begleitet von Blitzlichtgewitter und Applaus, Julia Klöckner die Halle. Beim Willkommensfoto mit den lokalen Polit-Größen bestand Sie darauf, auch Vertreterinnen der Landfrauen ins Bild zu holen: „Ohne Frauen geht schließlich nichts.“ Beim raschen Rundgang durch die Halle zeigte sie sich charismatisch, hatte viele Lächeln und Händedrücke übrig, und nahm schließlich auf der Bühne Platz.

Dort trug ihr Gerhard Faßnacht die lange Wunschliste der Kreisbauernverbände vor, die von Bemühungen um Wettbewerbsgleichheit auf Europäischer Ebene und Bürokratieabbau über eine Revision der noch nicht in Kraft getretenen Ferkelkastrationsrichtlinie, neue Wege in der Raumschaftsplanung und ein staatliches Qualitätssiegel für Milch, bei dessen Definition nicht nur Tier- und Verbraucherschützer, sondern auch Landwirte mitreden dürfen. Beim Glyphosatverbot seien Emotionen vor Wirtschaftlichkeit gegangen; er wünschte sich mehr fachliche und weniger politische Entscheidungen.

Hans-Jochen Burkhardt, Viehwirt aus Oberreichenbach-Würzbach im Landkreis Calw, ergänzte Wünsche von Waldbesitzern, die sehr unter dem heißen und vor allem trockenen Sommer gelitten haben. „Sie haben ein Anrecht auf Unterstützung durch diejenigen, die die Schäden verursachen.“ Außerdem warb er für eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht: „Es darf sich keiner darüber aufregen, wenn wir das Tier, das an der Spitze der Nahrungskette steht, regulieren.“ Schlimme Szenarien drohten andernfalls; das berüchtigte „Cuxhavener Rudel“ beispielsweise treibe herdenweise Rinder ins Wasser und zerreiße sie dort.

Klöckner zeigte sich von den vielen Anliegen nur kurz überrascht, als sie das Mikrofon übernahm: „Ich hatte zwar eine Rede vorbereitet, aber die hab ich zur Seite gelegt.“ Sie betonte zum (offensichtlich vorbereiteten) Einstieg die grundlegende Rolle der Landwirtschaft und ihres Ministeriums: „Ohne Essen und Trinken gibt es keine Politik, keine Kultur und keine Philosophie.“

Ab da sprach sie ohne Manuskript, engagiert, humorvoll und mitreißend. Sie ermutigte die Landwirte, ihre Rolle in Konfrontationen nicht „reflexhaft zu verteidigen, sondern positiv in die Debatte zu gehen“. Als Bundesministerin sei sie für den Interessensausgleich verantwortlich. Dazu gehörten natürlich die Interessen der Landwirte, aber eben auch andere. In diesem Sinne erwarte sie von Inhabern landwirtschaftlicher Betriebe eine gewisse Bereitschaft zur Veränderung. Auf den Punkt gebracht: „Wer will, dass alles bleibt, wie es ist, wird erleben, dass nicht bleibt.“

Andererseits sei ein Ausstieg aus der Landwirtschaft in Deutschland angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung keine Lösung. Blühstreifen haben einen Nutzen, zweifelsohne, aber „von Blühstreifen alleine wird keiner satt“. Man benötige differenzierte Antworten auf differenzierte Problemstellungen.

Damit leitete sie zur Kernbotschaft ihrer Rede über: „Ich halte nichts von Kampfbegriffen.“ Die Logik, kleine Betriebe seien von Natur aus gut fürs Tierwohl und große schlecht, bezeichnete sie als „intellektuell unterkomplex“; schließlich könnten auch kleine Betriebe Tiere schlecht halten.

In einer versachlichten Debatte, wie Klöckner sie sich wünscht, gibt es nicht nur schwarz und weiß, sondern viele Zwischentöne. Die Landwirtschaft müsse die Auswirkungen ihres Tuns anerkennen, sich aber nicht zum Alleinschuldigen beispielsweise des Insektensterbens machen lassen. Sie habe in bayerischen Vorgärten Schilder gesehen, die für mehr Biodiversität warben. „Die Pfähle für diese Schilder waren bestimmt schwer in den Boden zu kriegen, so viel Kies, wie da lag.“

Die Pointe kam nicht überall an, aber sie verdeutlichte das Spannungsfeld, in dem Klöckner sich bewegt und vermitteln will. „Wenn Sie (gemeint waren die Landwirte) komplett mit mir zufrieden wären, würde ich was falsch machen.“ Aber auch Verbraucher müssten ihre Erwartungen an die Landwirte und ihr eigenes Verhalten abgleichen: „Wer sonntags was von Landwirten fordert, muss von Montag bis Samstag auch entsprechend einkaufen gehen.“ Immer niedrigere Preise und immer höhere Standards seien nicht beliebig unter einen Hut zu bringen.

In puncto Ferkelkastration verteidigte sie das Gesetz, welches zum 1. Januar 2021 in Kraft tritt und „Schmerzausschaltung“ verlangt. Für eine andere Formulierung, zum Beispiel „Schmerzlinderung“, gebe es im Bundestag keine Mehrheit. Daran könne sie als Ministerin – erst recht ohne Bundestagsmandat – nichts ändern; so arbeite eine Demokratie eben. Auch die Debatte um Glyphosat könnten die Landwirte nicht gewinnen. „Erkennen Sie wissenschaftliche Erkenntnisse an –und nicht nur dann, wenn sie Ihnen ins Konzept passen.“ Eine Landwirtschaft ohne Pflanzenschutzmittel hielt sie allerdings für utopisch. Mit sehr gezielter und damit reduzierter Dosierung, dem sogenannten „Precision Farming“, könne man Erträge weiter steigern und dennoch umweltschonend wirtschaften.

Zum Thema „Wolf“ stimmte Klöckner der Forderung nach einer kontrollierten Bejagung zu.

Gerhard Faßnacht dankte ihr für den „sehr engagierten, echt unterhaltsamen Vortrag“, widersprach ihr aber in einem Detail: Genug zu essen zu haben begünstige nach seiner Einschätzung nicht nur Politik, Kultur und Philosophie, sondern „zu satte Leute kommen auf dumme Gedanken“ zu Ungunsten der Landwirtschaft.

Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE zeigte er sich hinterher sehr zufrieden: „Man kann keine interessantere Rede halten“ als Julia Klöckner es getan habe. Dass man inhaltlich nicht vollkommen auf einer Linie liege, sei schon vorher klar gewesen. Sie habe gezeigt, wo und wofür sie stehe, und das auf eine sehr sympathische Art.