Kreis Freudenstadt · Tourismus
: Unbürokratische und schnelle Hilfe nötig

Gastronomie und Hotellerie im Landkreis sind völlig verunsichert. Kurzarbeit betraf sie bisher kaum. Die Bettenstornierungen gehen schon jetzt über den April hinaus.
Von
Hannes Kuhnert
Kreis Freudenstadt

Zurzeit stark beansprucht: Jörg Möhrle und Beate Gaiser.

Nicht gesetzt

Wegen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ist die Verunsicherung in Gastronomie und Hotellerie derzeit groß. „Die Drähte laufen heiß, die Kollegen wollen Klarheit“, sagt Beate Gaiser, Kreisvorsitzende des Dehoga (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Viele Gastronomen wussten am gestrigen Vormittag nicht, was sie tun können, was sie noch tun dürfen.

Anlass waren laut Gaiser unterschiedliche Anweisungen der Landesregierung Baden-Württembergs und der Bundesregierung. Während das Land noch geöffnete Gaststätten unter Einhaltung bestimmter Sicherheitsvorkehrungen gestattete, gab Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt, dass von Montag an nur noch Restaurants und nur zwischen 6 und 18 Uhr geöffnet haben dürfen. Ähnlich ist es bei den Hotels. Touristen sollen in Hotels und Pensionen vorerst nicht mehr übernachten dürfen, wohl aber Geschäftsreisende. „Was soll ich jetzt mit meinen Hausgästen tun, muss ich die sofort rausschmeißen?“, fragte ein Gastronom bei Beate Gaiser an.

Die Dehoga-Kreisvorsitzende, Chefin im Hotel „Adler“ in Freudenstadt, steht nervlich unter starkem Druck, nicht weniger ihr gleichberechtigte Stellvertreter, Jörg Möhrle von der „Tanne“ in Baiersbronn-Tonbach. Gaiser und Möhrle sind im ständigen Kontakt, tauschen ihre jeweiligen Wissensstände aus. „Wir könnten glatt zusammenziehen“, lacht Gaiser gallig.

Sie verhandelt mit der Stadt Freudenstadt und dem Landratsamt und versucht, an die neuesten Informationen und Beratungen des Dehoga-Landesverbands in Stuttgart zu gelangen: „Aber dort ist man Tag und Nacht aktiv.“ Was sie und ihre Kollegen im Landkreis Freudenstadt in erster Linie bewegt, ist die Frage, wie es weitergeht. Vor allem nerve die Unsicherheit. Dazu komme die Angst vor der nächsten Ansage aus Stuttgart oder aus Berlin und die Angst um die Existenz. Gaiser: „Da lobe ich mir die klare Kante in Bayern“.

Dabei ist die Branche in den vergangenen Wochen gebeutelt genug: Leere Gaststuben, leere Betten und ständig neue Absagen. Gaiser berichtet vom eigenen Betrieb. „Der Monat März wäre richtig, richtig gut geworden. Dann kam eine Stornierung nach der anderen. Wir haben fast nur noch Absagen angenommen. Im März bricht alles weg. Schlimmer noch, die Stornierungen gehen in den April, bis in den Mai und Juni hinein, weil die Gäste ja auch nicht wissen, wie es weitergeht. Wir können wohl den Frühsommer ganz abschreiben.“

Gaiser ist der Politik dankbar, die Hilfspakete schnürt, die Kurzarbeit erleichtert und individuelle Unterstützung in Aussicht stellt. Derzeit versuche der Landes-Dehoga bei der Kurzarbeit-Regelung für die Gastronomie noch an ein paar Stellschrauben zu drehen, berichtet sie. Die Hilfsaktionen müssten jetzt schnell und vor allem unbürokratisch kommen, sonst wäre es vor allem für die kleinen und kleinsten Unternehmen zu spät.

Dazu müssten bürokratische Wege verkürzt, die Erreichbarkeit und die Kapazitäten der Agenturen für Arbeit erleichtert beziehungsweise aufgestockt werden. „Die Branche kennt bisher noch keine Kurzarbeit“, sagt Gaiser. „Das ist für uns ein weißes Blatt“. Das alles macht die Sache nicht einfacher. „Wie soll man sich verhalten?“, fragt die Unternehmerin. „Wir haben Verantwortung für unsere Mitarbeiter und für unsere Gäste, andererseits müssen wir versuchen, Umsatz zu generieren, um unsere Mitarbeiter halten zu können“. Größere Betriebe im Landkreis versuchen derzeit, mit Urlaubsregelungen, mit dem Abbau von Überstunden und mit Kurzarbeit über die Runden zu kommen. Die Branche leide seit Jahren am Personalmangel, jetzt kämpfe sie um jeden Mitarbeiter, so die Kreisvorsitzende.

Gaiser: „Ich bin jetzt seit 30 Jahren dabei, wir haben einiges überstanden, die Schweinepest und die Finanzkrise. Doch das jetzt ist die Katastrophe, das ist Wahnsinn“.

Fuchtel: Dehoga-Branche braucht Unterstützung

Die momentane Situation für das Hotel- und Gaststättengewerbe macht mir angesichts der ohnehin schon angespannten Situation aufgrund des Corona-Virus ganz besondere Sorge“, betonte der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel gegenüber den Kreisverbänden Calw und Freudenstadt des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. Er hatte sich an einem Krisengespräch mit dem Tourismusbeauftragten der Bundesregierung, Thomas Bareiß, beteiligt und die Probleme dargelegt.

Bei der Finanzkrise 2009 sei die Frage im Mittelpunkt gestanden, wie man die Konjunktur wieder aufbauen und besondere investive Maßnahmen auf den Weg bringen könne. Hier würden jetzt der ganzen Branche Buchungen wegbrechen und Tagesgäste aufgrund des verständlichen Verhaltens der Menschen ausbleiben.

Anders als in der sonstigen gewerblichen Wirtschaft könne das Hotel- und Gaststättengewerbe den Ausfall nicht nachholen, in dem länger und mehr produziert werde.

Gerade im Nordschwarzwald hätten die Familienunternehmen, die durch die Reduzierung der Mehrwertsteuer freigewordenen Beträge in außerordentlich starkem Maße investiert, um das Angebot zu verbessern. Das müsse unter dem Gesichtspunkt der Attraktivität der Destination Schwarzwald hochgeschätzt werden. „Daraus ergaben sich erhebliche Verpflichtungen für Kredite, die für solche Investitionen notwendig sind“, betonte Fuchtel. In den Landkreisen Freudenstadt und Calw sei davon auszugehen, dass bis zu 30 Prozent der Wirtschaftskraft durch das Gastronomie- und Hotelleriegewerbe erbracht werde, wenn man die vor- und nachgelagerten Bereiche einbeziehe.

Bundesregierung und Deutscher Bundestag haben ein Maßnahmenpaket als Schutzschild für Beschäftigte und Unternehmen zur Abfederung der Auswirkungen des Corona-Virus geschnürt. Das müsse jetzt auch für diese Branche unter Beteiligung der Banken umgesetzt werden.

Dazu erwarte er, dass gerade die regionalen Banken alles unternehmen, um dem Hotel- und Gaststättengewerbe bei der Nutzung dieser Möglichkeiten zur Seite zu stehen.