Kolumne: Essengehen darf nicht nur für Reiche erschwinglich sein

Symbolbild: Ulrich Metz
Nicht gesetztW enn die Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants von derzeit 7 Prozent ab 1. Januar 2024 wieder auf 19 Prozent angehoben wird, dann ist einfach alles wieder beim Alten, könnte man argumentieren. Die vorübergehende Absenkung war als Coronahilfe für die Gastronomie gedacht. Ende des Jahres läuft diese Regelung aus. Gastwirte und Hoteliers malen Horrorszenarien für die kommenden Jahre und üben Druck auf die Politik aus, es beim abgesenkten Mehrwertsteuersatz zu lassen. Alles nur Gezeter, weil niemand Privilegien gern wieder hergibt? In den Jahren 2020 und 2021 ging der Umsatz im Gastgewerbe pandemiebedingt um knapp 40Prozent zurück. Derzeit sind die Restaurants wieder voll, manchmal schon zu voll bei dem schönen Spätsommerwetter und angesichts fehlender Servicemitarbeiter. Der Andrang täuscht darüber hinweg, dass das Gastgewerbe im 1. Quartal 2023 noch immer mit Umsatzeinbußen von gut 12Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Niveau zurecht kommen musste.
Denn auf die Pandemie folgten weitere Erschwernisse: Die Energiekosten stiegen, die Preise für Lebensmittel erhöhten sich, die Löhne für Mitarbeitende wurden angepasst. Diese Mehrkosten können die Gastwirte nicht 1:1 an Restaurantbesucher weitergeben, denn angesichts allgemeiner Teuerung haben auch sie weniger im Geldbeutel und gucken beim Essengehen mehr auf die Ausgaben.
Essengehen also nur noch für Reiche? Jürgen Kirchherr, Hauptgeschäftsführer des Dehoga Baden-Württemberg, sagt: „Die Mehrwertsteuererhöhung ist kein Fiskal-, also die Staatskasse betreffendes, sondern ein Chancenthema. Nur wenn der finanzielle Rahmen stimme, können sich auch Menschen mit geringeren Einkommen, Essen gehen leisten, und Gastwirte können auf Bio und Regionalität setzen und in erneuerbare Energie investieren. Der Freudenstädter Gastronom Oliver Widmann betont die gesellschaftliche Bedeutung von Gasträumen: Von der Taufe bis zum Leichenschmaus treffen sich dort Menschen generationenübergreifend.
Norman Kapfer, Pächter des Lokals „Schlupfwinkel“, überlegt, seinen Pachtvertrag nicht zu verlängern. Während der Pandemie hat er hinter einer Fleischtheke gearbeitet und mehr verdient. „Wenn nichts mehr hängenbleibt, wie sollen wir der jungen Generation vermitteln, dass sie das Unternehmen übernehmen will?“, fragt „Adler“-Wirtin Beate Gaiser. Und Steffen Schillinger sagt: „Ich bin Jungunternehmer, aber auch ich habe langsam keine Lust mehr.“
Wenn ein Sterben der einfachen Gasthäuser verhindert werden und Essengehen ein Event für viele bleiben soll, dann dürfen sich Speisen nicht ab Januar um 12 Prozent verteuern. Sonst droht nicht nur eine gastronomische, sondern auch eine gesellschaftliche Schieflage.
