Horb · Tourismus: Ritt durch den Zweirad-Dschungel

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Nicht gesetztWo ist denn hier der nächste Fahrradladen?“, fragt der ältere Herr auf seinem Pedelec. Er steht am Flößersteg, einige Meter neben der Umleitungsroute des Neckartalradwegs. Die Antwort ist schnell gegeben: In Sulz oder Empfingen oder in Nagold, hier können sich Radler aus drei Geschäften eines aussuchen. In Horb machte der Fahrradladen in der Neckarstraße schon vor Jahrzehnten dicht. Eine einsame Notfallstation auf dem Rauschbart mit Schläuchen und Werkzeug bewirbt die Stadt Horb auf ihrer Webseite.
Es ist in diesen Tagen kein seltenes Bild: Radfahrer in der Innenstadt, verwirrte Blicke, fragende Augen: Was, hier auf dem Marktplatz gibt es keine Gastronomie? Wo kann man denn hier seinen Akku laden? Wie komme ich aus dieser Stadt eigentlich wieder hinaus?
Fehlende Hinweisschilder, unzureichendes Übernachtungsangebot und eine Kommunikationspolitik, die nicht wirklich erkannt zu haben scheint, dass der Neckartalradweg jeden Tag hunderte zahlungswilliger Kunden über die Horber Gemarkungsgrenzen spült.
Eine touristische Goldader zieht sich entlang des Neckars durch Horb, aber es scheint den Entscheidern nur wenig daran gelegen, diesen Schatz zu heben.
Jetzt wäre es wohl recht unanständig, der Stadtverwaltung einen Vorwurf zu machen, weil sie aufgrund der Neckarwehr-Baustelle die Verkehrsführung des Radwegs ändern musste. Dennoch verdient es einen ordentlichen Batzen Anerkennung für Radfahrer, die sich von Ihlingen kommend durch den Schilderwald kämpfen, der in Horb auf sie wartet. Aldiparkplatz, hier rechts, da links, vorbei an der Industrieschick-Betonpassage des Kauflands, Bahnhofvorplatz.
Zur Orientierung steht ihnen hier eine digitale Infobox zur Verfügung, deren Bedienung so nutzerfreundlich wie ein Hartz-IV-Antrag scheint.
Biergartenparadiese ohne Gäste
Davon, dass nur wenige Meter weiter – am anderen Neckarufer – Biergartenparadiese auf die Radler warten, ob am Flößerwasen oder am Alten Freibad, davon ist eher nicht die Rede. Besser so, mögen böse Zungen behaupten, denn an welchen Tagen und bei welcher Regenmenge die beiden Paradiese geöffnet haben, weiß oft nur der große Boss, der das Wetter macht. Außerdem müsste man dann Abstellplätze für Fahrräder bauen, wer hat denn Zeit für so etwas?
Trotzdem beschleicht einen das Gefühl, dass Horb die Zweiradfahrer nach einem Bier im Gleis Süd oder Café Haag, so schnell wie möglich wieder Richtung Rottenburg schaufeln will. Dort werden die Radler übrigens über den Marktplatz geleitet, der im Vergleich zu seinem Horber Pendant, den Anschein des Zentrums einer chinesischen Großstadt erweckt.
Was übrigens am Bahnhofsvorplatz ebenfalls fehlt, ist ein Hinweis auf das Lademonster, das nur einen Steinwurf entfernt aufgestellt wurde, mit großem Festakt: der Chargercube.
Genau hier treffen wir auf ein nettes Pärchen, das aus Tübingen weiter nach Villingen-Schwenningen will. Er 56, sie 57, beide leidenschaftliche Radfahrer. Die große Ladestation an der Dammstraße hat der Mann über eine App gefunden. Allerdings zeigte die einen Standort an, der 100 Meter weiter entfernt liegt. Aber es gibt doch nichts Schöneres, als die Radtour mit einem kurzweiligen Suchspiel zu würzen. Nicht so wild, denn auf allen gängigen Tourismus-Portalen wird anscheinend sowieso nur eine Ladestation am Gleis Süd beworben, dann muss man sich nicht erst die Mühe machen, dieses sündhaftteure Monument eines neuen Zeitalters an der Dammstraße zu nutzen.
„Wichtig wäre hier ein Café in der Nähe der Station, oder eine Lademöglichkeit in der Nähe einer Gastronomie“, meint der Radtourist. Die Schließfächer am Chargercube finden die beiden gut, nur passt ihr Gepäck nicht hinein. Jetzt müssen sie sich damit begnügen, das Idyll der Wehrbaustelle während des Ladevorgangs in sich aufzusaugen. So einem Bagger zuzuschauen kann recht entspannend sein.
„Die Anlage an sich ist aber optimal gemacht“, fügt er fast entschuldigend an. Sein nächster Satz wiegt dennoch schwer: „Das ist nicht optimal in Horb, da sollte man sich ein Beispiel an Rottenburg nehmen, da fährt man mitten durch die Stadt, hier fährt man einfach weiter.“ Bumms, das hat gesessen.
Im Schilderwirrwarr gefangen
Unbegründet ist die Aussage nicht. Denn Radler, die aus Richtung Mühlen kommen, trifft es noch härter. Sie glauben mir nicht? Dann glauben sie vielleicht unserem Leser Karl-Josef Kreidler aus Ihlingen: „Von Mühlen kommend gibt es bei der Auffahrt in die B32 Richtung Bahnhof nur ein Schild, das auch noch irritiert. Deshalb fahren viele Radler auf der B14 Richtung Dettingen“, schrieb er uns erst vor wenigen Tagen. Nur der Vollständigkeit angemerkt sei hier, dass die B14 mittlerweile zur Landesstraße herabgestuft wurde –es tut nichts zur Sache.
Dass es bei den Radfahrern zu Verirrungen kommt, scheint wenig verwunderlich, da am Aldi-Kreisverkehr nur dürftig darauf hingewiesen wird, wie man überhaupt wieder auf den Radweg kommt.
So passiert es des Öfteren, dass man Radgruppen am Ihlinger Tor aufsammelt, die schon längst wieder aus diesem Höllenloch entschwinden wollten.
Andere fahren einfach auf der Landesstraße weiter Richtung Ihlingen und treiben BMW-Fahrern dicke Tränen in die Augen, weil sie auf der Strecke testen wollten, ob man die 100 Stundenkilometer Geschwindigkeitsbegrenzung auch pro Reifen fahren kann.
Auf dem „irritierenden Hinweisschild“ am Ortseingang aus Richtung Mühlen, steht übrigens eine weitere Tafel. Diese klärt Radfahrer über so essenzielle Betriebe wie Poll-Immobilien oder eine Ferienwohnung in Starzach auf, während der Rauschbart und die beiden Biergärten am Neckar fehlen. Standortmarker für Ladestationen? Nix. Nur ein ominöses Schild, das bedeutungsschwanger Richtung Innenstadt zeigt, hier, irgendwo muss sie sein, die Energie zum Auftanken.
Übrigens: Die OGL hat vor Jahren bereits einen Versuch gestartet, in einer halsbrecherischen Guerilla-Aktion eigene Hinweistafeln für Radfahrer aufzustellen. Die Dinger mussten selbstverständlich wieder abgeschraubt werden. Wenn hier jemand unverständliche Karten an den Weg schraubt, dann bitte nur mit hoheitlichem Segen des Horber Rathauses.
Dabei könnte es gerade bei der Streckenführung aus Richtung Mühlen über die Dammstraße recht einfach sein. Erstmal ein Schild drucken: „Hier rechts abbiegen für zwei verdammt schicke Biergärten, Neckaridyll pur, Altstadt, zum Heulen schön, bitte setzt eure Asche in Horb um, wir sind knapp bei Kasse.“ Das ganze Ding stellt man dann an den Flößersteg, nein, nicht auf die andere Seite bei der Markthalle, wie es aktuell bei dem schwer leserlichen Aufstellerchen für Biergarten Nummer 1 der Fall ist. Direkt an die Dammstraße.
Vielleicht könnte man dann auch noch einen Hinweis auf das Chargercube-Monster dazu packen, denn Pedelecfahrer ohne Internetzugang rauschen aktuell an der Stelle vorbei und fragen sich nur, warum das komische Bushaltestellenhäuschen eigentlich zum Neckar zeigt.
So macht es Horb dem fahrenden Volk bei Leibe nicht einfach. Ein letztes Beispiel: Auf der offiziellen Webseite des Neckartalradwegs ist unter „Highlights“ auch die Horber Altstadt gelistet. Dem neugierigen Touristen wird beim Klick darauf jedoch folgender Satz serviert: „Die Seite ,de/Freizeit+ Tourismus/Aktuelles+Veranstaltungen/Veranstaltungshighlights/Naturpark-Markt‘ konnte nicht gefunden werden.“ Verstehen Sie nicht? Das geht mir ähnlich.
Ergebnisse einer Neckartalradwegstudie
Einer aktuellen Studie der IGS Ingenieurgesellschaft Stolz im Auftrag des Landesverkehrsministeriums zur Folge wurden im Zeitraum 1. April 2019 bis 31. März 2020 872000 Radfahrer auf dem Neckartalradweg an sechs Messpunkten erfasst. Im Ergebnis: Rund 15000 Radwanderer sind im Jahr auf dem Neckartalradweg unterwegs, die etwa 85400 Etappen fahren. Davon waren 60 Prozent Tagesausflügler und rund ein Drittel Radwanderer. Laut Studie wurde auch eine deutliche Zunahme des Radverkehrs in der Pandemie-Zeit festgestellt. 700 Radfahrer wurden befragt, von denen 90 Prozent den Neckartalradweg weiterempfehlen würden. Die durchschnittliche Fahrtweite betrug 57 Kilometer. Knapp 30 Prozent der Männer und rund 38 Prozent der Frauen verwenden ein E-Bike oder Pedelec.
