Horb: Ärztemangel in Horb: Nur ein Gefühl oder messbar?

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Nicht gesetztGrade wenn man einen Arzt benötigt, will man weder unnötig weit fahren noch übermäßig lange warten. Möglicherweise fällt es in Horb deshalb besonders unangenehm auf, wenn der nächste Hausarzt nicht im eigenen Teilort ansässig ist und man auf den nächsten Termin mehrere Wochen warten muss. Hartmut Keller, Geschäftsführer der AOK Nordschwarzwald, warf für ein Gespräch mit uns einen genauen Blick in die Statistik und kam zu dem Schluss: Der Ärztemangel in Horb ist nicht nur ein diffuses Gefühl, sondern lässt sichbelegen.
SÜDWEST PRESSE: Die Horber Bürger nehmen die Versorgung mit Hausärzten im Landkreis Freudenstadt und speziell in Horb als unzureichend wahr. Ist das nur eine Gefühlslage, oder lässt sich der Zustand durch Zahlen untermauern?
Hartmut Keller: Speziell in Horb ist die Gefühls- und Zahlenlage identisch. Im Bereich Horb herrscht eine sogenannte Unterdeckung an Hausärzten. Der Versorgungsgrad liegt aktuell bei 76,9 Prozent. Im Landkreis Freudenstadt schaut es mit 101,5 Prozent ein wenig besser aus.
Wie beurteilen Sie den Nutzen einer Kennzahl der Einheit „Ärzte pro Einwohner“ in einer sehr dünn besiedelten, aber flächengroßen Kommune wie Horb mit 25000 Einwohnern auf 120 Quadratkilometern?
Kennzahlen sind wichtig, aber man muss sich jede Situation unabhängig von den Zahlen anschauen und gegebenenfalls nach- oder umsteuern. Es gibt sicherlich Argumente, die eine höhere Zahl von Ärzten in einem bestimmten Gebiet notwendig macht, hierfür kann ein Sonderbedarf festgestellt werden. Für Horb ist das zunächst einmal nur Theorie. In Horb muss der Versorgungsgrad überhaupt erst auf ein ausreichendes Niveau gehoben werden, das heißt, dass es sieben Hausarztsitze gibt, die besetzt werden können.
Werden Zweitwohnsitze beispielsweise von Studenten bei der Bedarfsplanung der medizinischen Versorgung berücksichtigt?
Bei der Bedarfsplanung werden nur die Einwohnerzahlen mit einem Erstwohnsitz berücksichtigt. Die meisten Hochschulen achten aber darauf, dass sich ihre Studenten mit dem Erstwohnsitz am Studienort anmelden. Das hat auch für die Kommunen in anderen Bereichen Vorteile.
Spielen Einzugsgebiete der Arztpraxen bei der statistischen Erfassung und Planung eine Rolle?
Die Bereiche der Bedarfsplanung werden auf Mittelbereiche herunter gebrochen. Sollte für diese Bereiche festgestellt werden, dass zumBeispiel aufgrund der Fläche die Berechnung nicht passt, kann ein Antrag auf Sonderbedarf gestellt werden. Dann würde geprüft werden, ob es sinnvoll ist für diesen Bereich weitere Ärzte zuzulassen. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz soll unter anderem auch die Bedarfsplanung neu überarbeitet werden.
Welche anderen relevanten Kennzahlen für die Versorgungslage gibt es? Wie steht Horb hier im Vergleich mit dem Landkreis Freudenstadt und anderen ländlichen Kommunen in Baden-Württemberg da?
Als belastbare Kennzahl gibt es nur den Versorgungsgrad. Er wird aus Einwohner je Planungsbereich und der dort niedergelassenen Ärzte berechnet. Daraus ergibt sich dann der Versorgungsgrad eines Gebiets. Als weitere Möglichkeit gibt es die ermächtigten Ärzte im Krankenhaus. Sie unterstützen auch in der ambulanten Behandlung. Weiter besteht die Möglichkeit von Zweitpraxen. Im hausärztlichen Bereich verfügt Horb über keine Zweitpraxis, aber im Bereich Neurologie und Orthopädie sind jeweils eine Zweitpraxis in Horb genehmigt.
Konkret: Wie ist die Ärztesituation in Weingarten im Landkreis Ravensburg mit ebenfalls 25000 Einwohnern, aber nur 30 Quadratkilometern? Und in Heidelberg, wo sich 160000 Einwohner auf 110 Quadratkilometer verteilen?
Nach meinen Unterlagen zeigt sich die Situation dort jeweils besser. In Weingarten liegt der Versorgungsgrad bei 107,5 Prozent und in der Uni-Stadt Heidelberg bei 110,1 Prozent.
Sollte es in Horb aufgrund der größeren Entfernungen deutlich mehr Hausärzte geben als in Weingarten?
Wie gesagt, der zur Berechnung herangezogene Mittelbereich ist nur eine Möglichkeit. Es kann dazu immer noch ein Antrag auf Berücksichtigung gestellt werden. Aber diese Frage stellt sich in Horb leider nicht. In Horb müssen wir erst Ärzte gewinnen und motivieren, eine Praxis zu eröffnen.
Wie viele neue Ärzte müsste man für Horb gewinnen können, um auf kommunaler Ebene von einer guten Versorgungslage sprechen zu können?
Um von einer guten Versorgungslage zu sprechen bedarf es in Horb weiterer fünf Hausärzte. Dann wäre der Versorgungsgrad bei etwa 100 Prozent. Darüber hinaus könnten sich weitere zwei Hausärzte niederlassen, bevor Horb von der Kassenärztlichen Vereinigung als Bereich gesperrt würde.
Bei den Fachärzten verhält es sich etwas anders. Dort wird die Versorgungslage auf Kreisebene ermittelt, aber auch hier sind noch die Fachdisziplin Hautarzt und ganz besonders der Bereich Kinder- und Jugendpsychiater noch mit freien Fachärzten zu belegen.
Welche Mittel und Möglichkeiten stehen dafür zur Verfügung? Wem stehen sie zur Verfügung?
Es gibt finanzielle Mittel und andere Möglichkeiten der Unterstützung. Beides ist auf den Weg gebracht. Es gibt unterschiedlichste Unterstützungen von der kassenärztlichen Vereinigung, die für die Sicherstellung verantwortlich zeichnet. Diese alle aufzuzeigen würde sicherlich den Rahmen sprengen.
Ebenso gibt es Mittel vom Bund und vom Land Baden-Württemberg, aber auch jede Kommune beziehungsweise Stadt kann hierfür einiges tun. Das beginnt bei der zur Verfügungstellung von Räumlichkeiten und endet mit dem Betreiben einer Arztpraxis durch die Kommune. Der Doktor ist dann Angestellter der Gemeinde. Auch unsere Haus- und Facharztverträge helfen hier sicherlich ein wenig mit. Diese Mittel können von jedem niederlassungswilligen Arzt beantragt werden.
Warum ist das bisher noch nicht von Erfolg gekrönt?
Ganz genau wissen wir es nicht. Die Lage von Horb ist eigentlich gut. Ein lebenswerter Ort, der alles bietet. Aber wir erleben auch einen Paradigmenwechsel: Der Arzt als Einzelkämpfer ist ein Auslaufmodell, und der Arztberuf ist weiblicher geworden. Hier gilt es, Beruf und Familie in einen gesunden Einklang zu bringen.
Junge Mediziner möchten gerne in größeren Praxisgemeinschaften als angestellte Ärzte arbeiten um auch die Möglichkeit einer geregelten Arbeitszeit zu haben. Leider wurden diese Möglichkeiten aber noch nicht ergriffen. Darüber hinaus gibt es sicherlich noch viele weitere Punkte wie zum Beispiel das unternehmerische Risiko und der hohe Finanzbedarf bei einer Neueröffnung, der aber zu lösen wäre. Es gibt auch Erfolgsgeschichten wie die Regio-Praxis in Baiersbronn oder das MVZ in Klosterreichenbach. Es braucht aber immer einen Treiber mit Vision und einem Stück Beharrlichkeit.
Arztversorgung in Zahlen
Eine Möglichkeit, die Versorgungslage in Zahlen zu fassen, bietet der Quotient „Einwohner pro Hausarzt“. Hier gilt: Je kleiner der Wert, desto besser die Versorgung. Für Baden-Württemberg ingesamt liegt er bei 1537, für den Landkreis Freudenstadt bei 1667, für die Kommune Horb bei 1914.
In den an Horb angrenzenden Kommunen sieht es wie folgt aus: Glatten 1198, Schopfloch 1290, Sulz 1363, Nagold 1388, Haigerloch 1773, Waldachtal 2002, Empfingen 2013, Eutingen 2852, Haiterbach 2875, Starzach 4353.