Freudenstadt · Stellenabbau: Bürklianer sind „maximal empört“

Nicht zum ersten Mal bangt die Belegschaft der Robert Bürkle GmbH um ihre Arbeitsplätze. Dabei, so Betriebsratsvorsitzender Marco Eberhardt, sei die Loyalität der zumeist langjährigen Mitarbeiter zu ihrem Arbeitgeber nach wie vor bemerkenswert.
Karl-Heinz KuballDer Betriebsratsvorsitzende Marco Eberhardt war gerade im Urlaub, als er am 15. September aus der SÜDWEST PRESSE erfuhr, dass sein Arbeitgeber, die Robert Bürkle GmbH, Entlassungen plant.
Zunächst war von 70 der rund 220 Arbeitsplätzen in Freudenstadt die Rede, die im Zuge einer „strategischen Internationalisierung“ und Produktionsverlagerungen nach Ungarn und China ausgerechnet im Jahr des 100-jährigen Bestehens des Traditions-Unternehmens abgebaut werden sollen.
Bei einer Betriebsversammlung im Oktober stellte sich die Geschäftsführung erstmals den Fragen der Belegschaft. Seit diesem Donnerstag weiß der Betriebsrat aus einem Gespräch mit der Bürkle Geschäftsführung: Konkret sollen 54 Beschäftigte schnellmöglichst entlassen werden.
Volle Auftragsbücher
Für Marco Eberhardt, der seit 1980 bei dem Maschinenbauer arbeitet und als Bürkle-Urgestein gilt, ist das völlig unverständlich: „Uns geht es doch gerade vögeleswohl!“ Auch Ingenieur Michael Hoffer, der in der Konstruktion und Entwicklung tätig ist, kann angesichts der vollen Auftragsbücher das Gebaren der Geschäftsführung nicht nachvollziehen: Sie stelle die Lage massiv schlechter dar, als sie sei.
Die Robert Bürkle GmbH hat seit 2013 starke Turbulenzen hinter sich. Um die drohende Insolvenz abzuwenden, erklärten sich die Beschäftigten damals bereit, auf Weihnachts- und Urlaubsgeld zu verzichten sowie vier Wochenstunden unbezahlt zu arbeiten.
„Die Belegschaft hat damit über die Jahre einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag eingebracht, um ihre Beschäftigung zu sichern“, so Eberhardt. Dennoch wurde 2017 die Zerspaner-Fertigung mit 60 Mitarbeitern ausgelagert. Diese Kollegen, so sagt Eberhardt, „wurden doppelt beschissen: Sie haben ihr Geld und ihren Arbeitsplatz verloren.“
Für Bürkle hat sich der Schrumpfkurs indessen gelohnt. 2018 ging mit 116 Millionen Umsatz als Rekordjahr in die Firmengeschichte ein, auch 2019 ergab einen soliden Gewinn. Und selbst 2020 laufe trotz Corona gut, so der Betriebsrat. Zwar wurde in der Verwaltung präventiv Kurzarbeit gefahren, doch auf minimalem Niveau. Die Produktion im Zwei-Schicht-Betrieb ist ausgelastet. Zudem sei man durch die verschiedenen Standbeine – mit Kunden in der Holzbau-Industrie bis hin zur Plastikkarten-Herstellung - gut aufgestellt. Die Strategie der Internationalisierung, die seitens der Geschäftsführung als notwendig erachtet wird, sieht der Betriebsrat deshalb mehr als skeptisch: „Wir sind maximal empört!“
Auf Eberhardt und seine Kollegen wirken die Abbau-Pläne eher so, als werde „die Braut geschmückt“, ein Wiederverkauf vorbereitet, die Rendite möglichst noch gesteigert – ohne Rücksicht auf die Beschäftigten und den Standort Freudenstadt. Und an dem, so sind sie überzeugt, hängt die Existenzfrage des gesamten Unternehmens.
Die Robert Bürkle GmbH gehört seit 2018 dem Münchner Investor Auctus. Diese Kapitalgesellschaft hat das einstige Familienunternehmen von dem holländischen Sanierer Nimbus übernommen, der 2014 eingestiegen war. Mit einem eigenen Konzept will der Betriebsrat jetzt den Investor Auctus von den tatsächlichen Stärken der Firma überzeugen - die er eindeutig in Freudenstadt sieht. Eberhardt gibt zu bedenken: „Kein Bauer wird die Kuh, die gerade am meisten Milch gibt, jetzt aus dem Stall treiben. Es gibt keinen Anlass für den Stellenabbau in Freudenstadt, wo es so viel langjähriges Fachwissen gibt!“
Made in Germany
Der Betriebsrat bezweifelt, dass von Bürkle überhaupt noch etwas übrig bleibt, wenn der Qualitätsstandard durch Verlagerungen nach Asien leidet. Für die Kunden, so ist sich der neunköpfige Betriebsrat sicher, ist „Made in Germany“ nach wie vor entscheidend.
Zwar produziert Bürkle schon seit 15 Jahren in Shanghai. Doch die bisherige Produktionsstätte mit unbefestigtem Boden ähnle eher einer besseren Scheune. Der neue Standort liege zwei Fahrstunden entfernt und müsse erst noch aufgebaut werden. Wenn Bürkle sein gesamtes High-End-Segment der Leiterplatten-Elektronik jetzt nach China verlagere, sei das Ingenieur Hoffer zufolge auch ein „politisches Drama“: „Dann wandert die ganze Technologie nach China ab.“ Die Kunden, so befürchten er, würden sich anders orientieren, wenn Bürkle nicht mehr als „schwäbische Entwicklungsstube“ punkten kann.
Und auch die „Low Cost“-Produktion in Ungarn, die dort vor einem Jahr angelaufen ist, kämpfe mit großen Schwierigkeiten. Täglich müssen deshalb Teile rund 1300 Kilometer weit zwischen Freudenstadt und Debrecen hin- und hergeschickt werden, weil die die Produktion dort noch nicht rund läuft, so berichten die Betriebsräte.
Der Betriebsrat wird deshalb sein bislang 28-seitiges Gegenkonzept zum geplanten Stellenabbau mit der Unterstützung des Stuttgarter Instituts IMU weiter ausarbeiten und hofft auf Einsicht des Investors und der Geschäftsleitung. Betriebsratsvorsitzender Eberhardt versichert: „Ich werde um jeden Arbeitsplatz kämpfen!“
Unterstützung von DGB und IG Metall
„Unser Rohstoff ist das Wissen und Können der Menschen hier“, betonte Martin Kunzmann, DGB-Landesvorsitzender, beim Pressegespräch mit Dorothee Diehm, der 1. Bevollmächtigten der IG Metall Freudenstadt .
Deshalb müsse die anstehende Transformation der Unternehmen mit den Menschen und nicht gegen sie gestaltet werden. Diehm und Kunzmann war beim Gespräch des Betriebsrats mit der Geschäftsleitung der Robert Bürkle GmbH dabei. Denn dort, so der DGB, gehe es ausschließlich um Gewinnmaximierung auf dem Rücken von Beschäftigten. „Sie sollen für noch höhere Gewinnmargen geopfert werden.“ Kunzmann: „Es ärgert uns, wenn eine Schlüsselindustrie wie der Maschinenbau die Belegschaft reduzieren will und mit Auslagerungen droht.“ Immerhin habe der Staat einiges getan, um die Unternehmen in der Corona-Krise zu stützen: „Da wünscht man sich dann auch gesellschaftliche Verantwortung!“
Die Gewerkschafter hoffen auf das Betriebsverfassungsgesetz, um die Interessenvertretung in den Betrieben zu stabilisieren. Zum Teil werde mit sehr harten Bandagen gegen die Gründung von Betriebsräten gekämpft. Kunzmann: „Wer Betriebsratswahlen verhindert, muss bestraft werden!“
Die IG Metall Freudenstadt vertritt rund 100 Betriebe mit etwa 28000 Beschäftigen im Nordschwarzwald. Acht davon sind Dorothee Diehm zufolge derzeit im Krisenmodus; die Robert Bürkle GmbH plane als einziges Unternehmen einen Stellenabbau.