Bergfelden/Holzhausen · Landwirtschaft: Versorgung statt Versiegelung

„Nein zum Flächenverbrauch“ prangt in großen Lettern auf den neuen Bannern, die Landwirte der Bürgerinitiative (BI) „Pro Mühlbachebene“ bei den Äckern zwischen Bergfelden, Holzhausen und Renfrizhausen aufgehängt haben. Ein gutes Dutzend Bauern tauschte sich am Freitagabend mit Vertretern von Nabu, Kreis- und Landesbauernverband, Landjugend, Streuobstfreunden Bergfelden und der BI aus.
Cristina PriottoDie Halle von Martin Schneckenburger diente bereits vor zwölf Jahren beim Protest gegen die Daimler-Teststrecke als Treffpunkt für betroffene Landwirte. Kurzfristig versammelte sich dort am gestrigen Freitagabend erneut ein Dutzend Bauern. Dabei wurden auch die neuen Banner gegen das geplante Regionale Gewerbegebiet „Best Invest A81“ vorgestellt. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass die fortschreitende Flächenversiegelung schlecht sei.
Eugen Haberer, Kreisobmann des Kreisbauernverbands Rottweil-Tuttlingen, zufolge werden in Baden-Württemberg täglich fünfeinhalb Hektar Fläche versiegelt. Beeindruckt hat Haberer die Traktorenaktion der Landjugend mit rund 300 Fahrzeugen im September 2021. „Die kämpfen um ihre Böden und ihre Zukunft, da muss man als Kreisbauernverband dahinterstehen“, versicherte der Kreisobmann und warb dafür, dass die Ernährungssicherung in Deutschland wieder einen anderen Stellenwert bekommen sollte.
Michael Scholz von der Ravensburger Geschäftsstelle des Landesbauernverbands betonte: „In Zeiten von Pandemien und Kriegen wird die Nahversorgung der Bürger mit Lebensmitteln immer wichtiger“. Landwirtschaft sei ebenfalls Wirtschaft, sagte Scholz.
Lisa Guth, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Rottweil-Tuttlingen, gab zu bedenken, dass Ausgleichsflächen nicht so gut bewirtschaftbar seien wie die ursprünglichen Äcker. Der Bürgerinitiative (BI) „Pro Mühlbachebene“ versicherte Guth: „Wir stehen voll hinter diesen Interessen, denn eine weitere Versiegelung kann nicht funktionieren.“
Tamara Ayoub, Leiterin des Nabu-Bezirksverbands Neckar-Alb, wies darauf hin, dass nicht nur die Landwirte, sondern auch der Naturschutz durch das „Best Invest“-Gewerbegebiet bedroht wären. „Wenn die Landwirte woanders hin ausweichen müssen, brauchen die Bauern Naturflächen, dann leidet auch der Artenschutz“, stellte Ayoub klar.
Margit Schleicher und Beatrix Lamprecht von der Nabu/BUND-Ortsgruppe Oberndorf Sulz bemerkten frustriert, dass die Befürworter seit der Daimler-Kontroverse „nichts dazugelernt“ hätten.
Frank Eberhardt von den Streuobstfreunden Bergfelden befürchtet, dass etwa 70 Streuobstbäume einer Versiegelung zum Opfer fallen würden. „Durch den ‚InPark A81‘ ist ein weiteres Regionales Gewerbegebiet doch gar nicht mehr nötig“, meinte der Bergfelder und kritisierte, die Bezeichnung „Ausgleichsfläche“ sei Schönfärberei, da diese Flächen schon bewirtschaftet seien. Lothar Ellinger, ebenfalls Mitglied der Streuobstfreunde, wünscht sich, dass mehr Industriebrachen neu bebaut werden. Streuobstfreund Rainer Reichensperger glaubt indes, dass die betroffenen Bauern sich nicht mehr wehren können, da die politischen Entscheidungen für das Regionale Gewerbegebiet bereits gefallen seien. Reichensperger stößt sauer auf, „dass Kommunen weiterhin Vorgaben aus den 1980er-Jahren umsetzen anstatt dem Flächenverbrauch Einhalt zu gebieten.“
Martin Schneckenburger vom Geflügelhof in Bergfelden echauffierte sich: „Uns wurde immer versprochen, wir kriegen etwas, aber es wurde nichts Konkretes genannt“.
Ernst Schmid, Schweinehalter aus Bergfelden, bestätigte: „Die Verwaltungen versprechen viel, machen aber nix für die Bauern“.
Klaus Hezel, Rindviehhalter aus Renfrizhausen, schilderte, dass der Familienbetrieb sich seit Jahren um einen Stallneubau bemühe, doch ausgerechnet das Landwirtschaftsamt Rottweil rate, zu warten, weil die Zukunft des Standorts auf der Mühlbachebene offen sei. „Andere Ämter wirken offenbar stärker auf das Landwirtschaftsamt ein als die Landwirte“, stellte Hezel enttäuscht fest.
Wilhelm König, Bauer aus Mühlheim, dachte weiter: Wenn ein Großinvestor auf 40 Hektar besten Ackerböden gut Fuß fasse und irgendwann erweitern wolle, müsste noch mehr Fläche versiegelt werden. „Für die Leute, die an den 2000 bis 3000 Arbeitsplätzen arbeiten sollen, müssten neue Baugebiete geschaffen werden, was weiterern Flächenverbrauch bedeuten würde“, gab König zu bedenken. Dies entspräche einem Stadtteil mehr für Sulz.
Zu Wort meldeten sich auch einige Junglandwirte: Anja Maier aus Bergfelden sagte: „Wir bauen und investieren und möchten unsere Flächen behalten“. Jakob Schon, der den Hof Rosenfelder in Holzhausen übernehmen wird, meinte: „Ein Landwirt ohne Land ist bloß ein Wirt“. Samuel Klingele aus Bergfelden warb dafür, regional zu produzieren:. „Deutschland kann sich nicht selbst ernäheren, deshalb ist es wichtig, landwirtschaftliche Flächen zu erhalten“, sagte Klingele. Diana Stierle vom Vöhringer Berghof als Vertreterin der Landjugend Rottweil-Tuttlingen, appellierte: „Wir sind die Generation, die die Flächen in den nächsten 40 Jahren bewirtschaften wird“. Industrielle Großansiedlungen würden dies erschweren. Stierle warb ebenfalls für Unabhängigkeit und regionale Lebensmittelerzeugung. „Was bringt mir ein Job in der Industrie, wenn ich nichts zu essen habe?“, formulierte die Jungbäuerin überspitzt.
Seitens der BI „Pro Mühlbachebene“ bezogen Jörg Dinkelaker und Cornelia Häussermann Position: Dinkelaker betonte die Rolle der landwirtschaftlichen Flächen auch als Erholung und Lebensqualität für die Bürger rund um Sulz. „Planerisch ist etwas schiefgelaufen, wenn der Regionalverband immer noch am ‚Best Invest A81‘ festhält, denn Daimler hat sich in Immendingen und damit in der Region angesiedelt“, meinte der BI-Sprecher, der in Sulz andernorts Platz für Gewerbe sieht und keinen Großinvestor will. Häussermann fand es „untragbar, dass die Nein-Voten der Ortschaftsräte Holzhausen und Bergfelden vom Gemeinderat nicht berücksichtigt wurden“. Wirtschaftswachstum müsse vom Fälchenverbrauch entkoppelt werden, forderte Cornelia Häussermann, die das Gewerbegebiet „ökologisch unverantwortlich und ökonomisch fragwürdig“ nannte.
Im Anschluss zeigte die Bürgerinitiative in der Bergfelder Dickeberghalle den Film „Kein schöner Land“ von Sabine Winkler (wir werden noch berichten).