Aufbruch
: Horbs mächtigster Mann

Michael Theurer ist in Berlin angekommen. Im Gespräch erzählt er von seinen ersten Erlebnissen in der Bundeshauptstadt und seiner neuen Rolle.
Von
Dagmar Stepper
Horb

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Nicht gesetzt

Mi chael Theurer ist seit der Bundestagswahl ein gefragter Mann. Für die Liberalen hat er als baden-württembergischer Spitzenkandidat das zweitbeste Ergebnis im Bund eingefahren. Gestern hat die SÜDWEST PRESSE ihn am Telefon erwischt, als er gerade auf einen Zug nach Stuttgart wartete. Durch den Sturm am Donnerstagabend kam es zu Ausfällen und Verzögerungen in der Luft und auf der Schiene. Daher hatte Theurer ein paar Minuten Zeit, über seine ersten Eindrücke und Erlebnisse in Berlin zu plaudern.

Herr Theurer, haben Sie schon einen Lieblingsplatz in Berlin? Michael Theurer: „Das Brandenburger Tor. Wann immer es mir möglich ist, gehe ich dahin zum Joggen.“

Theurer war als Zehnjähriger mit seinen Eltern zum ersten Mal in Berlin. Er sah die Mauer, dahinter das Wahrzeichen. „Ich konnte es als Kind nicht fassen, dass es eine Mauer gibt. Heute empfinde ich große Freude über die deutsche Einheit, wenn ich am Brandenburger Tor bin“, sagt er heute als 50-Jähriger. Berlin ist ihm nicht fremd. Auch als EU-Abgeordneter weilte er oft in der Bundeshauptstadt. Aber jetzt ist es etwas anderes. Theurer wird die Politik in den kommenden Jahren selbst entscheidend mitgestalten. Er wird als Finanzminister gehandelt, seit Wolfgang Schäuble als Bundestagspräsident im Gespräch ist. Aber Theurer hält sich bedeckt. „Es ist interessant, dass häufig kritisiert wird, dass es nicht um Inhalte, sondern um Personen geht. Jetzt werde ich ständig danach gefragt.“

Künftiger Finanzminister?

Seiner Meinung nach brauche es auch keinen neuen Finanzminister, sondern eine neue Finanzpolitik. Theurer zählt die Forderungen der FDP nach der steuerlichen Entlastung der Mitte, die Abschaffung des Solidaritätsbeitrags, die Förderung von Forschungsvorhaben auf. „Aber der Ball liegt ja bei Frau Merkel“, fügt er noch hinzu. Zur Jamaika-Koalition gibt er sich sybillisch: „Es gibt große Hürden. Aber sich nur darauf zu konzentrieren, was nicht geht, führt zu keinem Ergebnis“, sagt er.

Seine Tage in Berlin sind momentan ein wenig chaotisch. Theurer hat noch kein eigenes Büro, was seine Arbeit erschwert. Aber so geht es etlichen Abgeordneten. So groß wie jetzt war das Parlament noch nie, und diejenigen, die jetzt ihr Büro räumen müssen, lassen sich damit Zeit. Die Tage sind noch nicht so strukturiert, wie es bei normalen Sitzungswochen der Fall wäre. Der Bundestag muss sich erst noch am 24. Oktober konstituieren. Jetzt im Moment laufen die Einführungen für die neuen Abgeordneten, der Rest des Tages ist mit Gesprächen gefüllt. „Es fehlt noch der richtige Rhythmus“, sagt Theurer. Doch zumindest versucht er morgens, immer im Tiergarten laufen zu gehen.

Eine Wohnung hat Theurer ebenfalls noch nicht. Bewusst, wie er sagt. Er wohnt in einem Familienhotel, fühlt sich dort wohl. Außerdem: „Ich pendle ja sowieso zwischen Berlin, Horb und Erlangen.“ In Erlangen arbeitet seine Frau Antje Giede Jeppe. Die Wohnung in Horb behält Theurer auf jeden Fall. „Man braucht ja seine Wurzeln.“ Er plant, seine Ämter im Horber Gemeinderat und Freudenstädter Kreistag zu behalten. „Ich versuche abzuschätzen, was in Berlin auf mich zukommt, aber bis auf Weiteres bleibe ich drin.“

Für seine Heimat, seine Region wird er sich künftig in Berlin stark machen. Der Wahlkreis 280 wird neben Hans-Joachim Fuchtel (CDU) und Saskia Esken (SPD) noch einen dritten Bundestagskandidaten für sich verzeichnen können. Theurer unterschreibt das voll und ganz, auch wenn er für Karlsruhe kandidierte. „Ja natürlich, bei den kleineren Parteien ist der Wohnort immer wichtig. Wir vertreten ja auch mehrere Wahlkreise“, sagt er.

Heimatgefühle in Berlin

Theurer betont auch mehrmals, dass es ihm um grundsätzliche Debatten bei seiner parlamentarischen Arbeit gehe. Er erwähnt die Reichsbürger und andere Gruppen, die den Staat, die Justiz, die Presse in Frage stellen. „Wenn ich mir diese Melange ansehe, dann brauchen wir dringend eine Diskussion über die Grundfesten der Demokratie.“ Dass die AfD als drittstärkste Kraft im Bundestag vertreten ist, ist für ihn ein Zeichen einer Krise. Aber er gibt auch zu bedenken, dass fast 88 Prozent der Bürger eine andere Partei gewählt haben.

Mit der AfD in einem Parlament zu sitzen, ist für Theurer nicht ganz neu. Im Europäischen Parlament gibt es auch etliche rechte Gruppierungen. Theurer grüßt die AfDler, wenn er sie auf dem Gang trifft. „Natürlich mache ich das, wenn ich jemanden kenne. Ich habe eine gute Kinderstube genossen und verhalte mich als Humanist.“ Aber Theurer will entschieden dagegen ankämpfen, wenn die AfD sich daneben benimmt. „Wir brauchen keine Schmutzkampagnen, sondern eine Rückbesinnung auf die Säulen der demokratischen Grundordnung.“

Es wird also spannend für Theurer in den kommenden vier Jahren. Wenn ihn die Politik nervt, hat er zumindest schon ein Lieblingsrestaurant, in das er flüchten kann. „Die Schwarzwaldstuben. Da gibt es schwäbische Spezialitäten. Das weckt Heimatgefühle“, sagt er und lacht. Ja, die Heimat. Ein gutes Stichwort für die letzte Frage: Herr Theurer, was hat Horb, was Berlin nicht hat? Theurer lacht wieder am Telefon und zählt auf: das Neckarufer, eine wundervolle Altstadt, das Café Kipp… Ja, er kommt immer wieder gern hierher zurück – auch wenn es hier beschaulich zugeht.