Wolfgang Grupps Krankheit
: Wie man Altersdepressionen erkennen und helfen kann

HintergrundUnternehmerlegende Wolfgang Grupp macht seine psychische Erkrankung öffentlich. Psychologin Dr. Ines Keita erklärt, warum Altersdepressionen oft übersehen werden.
Von
Lea Irion
Burladingen
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Wolfgang Grupp

Wolfgang Grupp gibt seine psychische Erkrankung bekannt – und will somit für Aufklärung sorgen. (Archivfoto)

Bernd Weißbrod/dpa
  • Unternehmer Wolfgang Grupp macht seine Altersdepression und einen Suizidversuch öffentlich.
  • Laut RKI erkranken jährlich 8,1 % der deutschen Erwachsenen an Depressionen, bei Älteren oft unerkannt.
  • Psychologin Keita: Verlust, Einsamkeit und Ruhestand erhöhen das Risiko für Altersdepressionen.
  • Frühzeitige Diagnose und Psychotherapie sind entscheidend, doch nur 6 % der über 60-Jährigen nutzen sie.
  • Hilfe: Hausarzt, Psychotherapeuten, Infotelefon Depression 0800 33 44 5 33, weitere Ressourcen online.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als Wolfgang Grupp am Donnerstag (17. Juli 2025) bekanntgab, dass er an Altersdepressionen leide und einen Selbstmordversuch überlebte, wurde einmal mehr deutlich: Erkrankungen der Psyche machen selbst vor jenen Menschen nicht Halt, die aus gesellschaftlicher Sicht alles erreicht haben. Und auch Grupps letzter öffentlicher Auftritt am Tag der offenen Tür bei Trigema zeigte: Hinter einem Lächeln steckt nicht zwangsläufig Lebensfreude. Geld und Besitztümer bilden keine Schutzmauer gegen Depressionen.

Laut einer repräsentativen Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts (DEGS) erkranken jährlich etwa 8,1 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren in Deutschland an einer Depression. Bei den 70- bis 79-Jährigen liegt der Anteil mit 6,1 Prozent etwas niedriger. „Allerdings treten bei älteren Menschen mildere oder unvollständig ausgeprägte depressive Symptome deutlich häufiger auf – etwa zwei- bis dreimal so oft“, so Dr. Ines Keita, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention und Diplom-Psychologin. „Auch diese Formen beeinträchtigen die Lebensqualität und das Wohlbefinden spürbar.“

Hilfe bei negativen Gedanken und Depression

Wenn Sie sich in einer persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, reden Sie darüber. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, die es Ihnen ermöglichen, anonym mit Menschen über Ihre Situation zu sprechen.

Die offizielle Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass die Suizidrate – also die Anzahl der Suizide bezogen auf 100.000 Personen derselben Altersgruppe – mit steigendem Alter zunimmt. Das Risiko, an Suizid zu versterben, ist somit vor allem für ältere Menschen extrem erhöht. „Das höhere Alter ist oft durch belastende Lebensereignisse gekennzeichnet, wie der Verlust nahestehender Personen, Veränderungen der Wohnsituation oder der Rückgang körperlicher und geistiger Fähigkeiten“, erläutert Keita. Etwa 35  Prozent aller Suizide werden von Menschen über 65 Jahren verübt. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt derweil nur bei 21 Prozent.

Was sind typische Symptome?

Typische Symptome der Depression wie niedergeschlagene Stimmung, Hoffnungs- und Freudlosigkeit würden darüber hinaus bei älteren Menschen oft nicht als Symptom einer eigenständigen schweren Erkrankung erkannt, sondern „als Folge körperlicher Erkrankungen oder als nachvollziehbare Reaktion auf die Bitternisse des Alterns fehlinterpretiert“, wie Ines Keita ausführt. Depressionen werden daher bei älteren Menschen häufig übersehen – noch öfter als bei Jüngeren.

Gerade auch der Wechsel in den Ruhestand ist für viele Menschen eine unerwartete Belastung. Wolfgang Grupp thematisierte das in seinem Brief an die Trigema-Belegschaft selbst: „Ich bin im 84. Lebensjahr […]. Da macht man sich auch Gedanken darüber, ob man überhaupt gebraucht wird.“ Die Pensionierung sorgt für den Wegfall wichtiger Tagesstrukturen, aber auch von Möglichkeiten, sich gebraucht, kompetent und geschätzt zu fühlen, wie etwa Psychologin Julia Dobmeier auf Netdoktor.de schreibt. Eine inoffizielle Bezeichnung hierfür ist das „Empty-Desk-Syndrom“ – bildlich gesprochen der leere Schreibtisch, der stellvertretend für die plötzlich auftretende Verlassenheit steht, die mit dem Wegfall der Berufstätigkeit einhergehen kann.

Veränderungen im Verhalten erkennen

Derweil verhält es sich mit psychischen Erkrankungen nicht wie mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Vorbeugen kann man einer Depression nicht wirklich – und der Heilprozess ist nicht linear, wie etwa bei einem gebrochenen Bein. „Entscheidend für die Entstehung einer Depression ist die individuelle Veranlagung, also das Risiko, an Depression zu erkranken“, so Diplom-Psychologin Keita. Diese könne durch genetische Faktoren bedingt sein, aber auch durch Missbrauchserlebnisse und Traumatisierung in der Kindheit. Bei hoher Veranlagung kann laut Keita auch ohne belastendes Ereignis oder Auslöser eine Depression entstehen – „hingegen sind Menschen mit geringer Veranlagung resistenter, auf Belastungen mit depressiven Symptomen zu reagieren.“

Wichtig sei, Veränderungen im Verhalten eines sonst geselligen Menschen zu erkennen und nicht als Begleiterscheinung des Alters abzutun, und sich frühzeitig professionelle Hilfe zu holen. „Der Hausarzt ist auch bei Depression die erste Anlaufstelle“, erklärt Dr. Ines Keita. Und wie bei allen anderen Erkrankungen auch sei die frühzeitige Diagnose und zeitnahe Behandlung entscheidend: Für die Psychotherapie gibt es laut der Deutschen Depressionshilfe ausreichende Belege, dass diese auch bei älteren Menschen wirksam ist. Dort heißt es aber auch: „Leider ist der Anteil über 60-jähriger Patienten in Psychotherapie mit gerade mal sechs   Prozent noch sehr gering.“

Wer besonders gefährdet ist

Besonders gefährdet sind allein lebende oder sozial isolierte, ältere Menschen. „Fehlende soziale Kontakte und Einsamkeit sind als Risikofaktoren bekannt und spielen insbesondere im hohen Lebensalter eine Rolle“, so Keita, und verweist im selben Satz auf die Pflegeheime. Dort sei die Häufigkeit depressiver Störungen deutlich erhöht. Der Verlust von Selbstständigkeit, das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Krankheiten sowie institutionelle Lebensbedingungen können demnach depressive Entwicklungen begünstigen. Manchmal käme es auch zu sogenannten subklinischen Depressionen, die zwar nicht alle Kriterien einer Depression erfüllten, aber nichtsdestoweniger mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität einhergingen.

Gespräche mit dem Pflegepersonal, mit Angehörigen, der direkte Anruf bei einer Fachärztin oder einem Psychologen – all das kann im ersten Schritt für Entlastung der Betroffenen und auch Angehörigen sorgen. Doch der Weg dorthin ist oftmals schwierig – und in der Regel kaum aus eigener Kraft zu bewältigen. „Depression ist keine Schwankung des Befindens oder ein Stimmungstief, das zum Leben dazugehört“, betont Keita. „Depression ist eine Erkrankung, die jeden von uns treffen kann und Behandlung bedarf, da man sich selten selbst aus den Beschwerden befreien kann.“

Weitere Ressourcen für Betroffene und Angehörige

• Erster Ansprechpartner bei Verdacht auf eine Depression oder Suizidgedanken ist der Hausarzt, Psychiater oder psychologischer Psychotherapeut. Hilfe und Beratung gibt es auch bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter.

• Deutschlandweites Infotelefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)

• Infomail Depression (kostenfrei): bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de

• Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de

• Fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch: www.diskussionsforum-depression.de

• Für Angehörige: www.bapk.de und www.familiencoach-depression.de