Nachruf Haigerloch
: Der älteste Mann der Stadt ist tot

Leopold Kempter starb mit 102 Jahren. Der vormalige Bahnhofvorsteher war ein Mensch, dem das Gemeinwohl am Herzen lag. Seine große Liebe gehörte dem Albverein.
Von
Matthias Badura
Haigerloch
Jetzt in der App anhören
Leopold Kempter

Leopold Kempter war bis zuletzt geistig rege. Jetzt starb er mit 102 Jahren. Man wird ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.

Privatfoto

Dieser Tage verstarb Leopold Kempter im 102. Lebensjahr. Der vormalige Bahnhofvorsteher war der älteste Mitbürger Haigerlochs. Bis kurz vor seinem Tod nahm er trotz seines schlechten Gehörs immer noch geistig frisch am Tagesgeschehen teil, las tägliche die Zeitung, war über das Welt- und Ortsgeschehen informiert.

In der Stadt wird Kempter in Erinnerung bleiben als ein leutseliger, freundlicher und hilfsbereiter Mitbürger– der sich über Jahrzehnte ehrenamtlich für die Gemeinschaft engagierte.

Geboren wurde Leopold Kempter am 26. Juli 1923 in Ruhestetten, heute Gemeinde Wald/Kreis Sigmaringen.

Einst Innungsbester

Nach der Schulzeit ergriff Kempter den Beruf des Schreiners. Mit Erfolg: Seine Lehre  schloss er bei der Gesellenprüfung als Innungsbester ab.

Nach nur einem Gesellenjahr wurde Kempter 1941 mit 18 Jahren zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, anschließend folgte der Wehrdienst, der ihn zum Kriegseinsatz in Russland führte. Er überlebte den Krieg, wurde jedoch schwer an der Hand verwundet und konnte fortan seinen Beruf nicht mehr ausüben.

So trat er am 1. Mai 1943 eine Stelle bei der Hohenzollerischen Landesbahn in Burladingen als Eisenbahnanwärter an.

Dort war der Verstorbene zunächst in verschiedenen Bahnhöfen im Innendienst tätig, bis er im Januar 1947 nach Haigerloch versetzt wurde und in den Jahren 1950/51 in Lindau die Eisenbahnfachschule besuchte.

1959 wurde Kempter Bahnhofsvorsteher in Haigerloch. Als solcher arbeitete er mit großer Sachkenntnis, Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit bis zu seiner Zurruhesetzung im November 1984 nach 41 Jahren Dienst für die Landesbahn.

Als der Bahnangestellte 1947 nach Haigerloch kam, nahm er „Im Haag“ eine Wohnung und lernte bald seine spätere Ehefrau Anni kennen. Am 6. September 1956 läuteten die Hochzeitsglocken. Das jung vermählte Paar zog ins Haus der Schwiegereltern in der „Annhalde“. Kinder waren den Kempters nicht beschieden.

2006 wurde in der „Annhalde“ im Kreis von Verwandten und Freunden das Fest der Goldenen Hochzeit gefeiert.

Doch zwei Jahre später erfolgte mit dem Tod von Anni Kemptner ein schwerer Schlag für den Ehemann. Von nun an war er auf sich selbst gestellt, musste das Haus und den großen Garten alleine versorgen.

Doch der Witwer meisterte seine Aufgabe – eingebettet in eine gut funktionierende Nachbarschaft, unterstützt von Freunden in der Stadt sowie von der Verwandtschaft seiner Frau, zu der unter anderem die Familie Martin Schäfer aus Steinhofen gehört.

Im Alter von 98-Jahren übersiedelte er 2022 ins einheimische Altenpflegeheim St. Josef, dort bewohnte er, gut versorgt, ein Einzelzimmer.

Mitglied des Pfarrgemeinderates

Außerhalb seines Berufes engagierte sich der Haigerlocher ehrenamtlich. So war er von 1971 bis 1994 – also 23 Jahre – Mitglied des Pfarrgemeinderates St. Anna, einige Jahre davon als Vorsitzender. Als eines der wichtigste Projekte dieser Zeit ist die Sanierung der Schlosskirche (1987) zu nennen: Über 60 Jahre war er zudem als Kriegsversehrter Mitglied im VdK-Ortsverband Haigerloch. Hier amtierte er mehrere Jahre im Beirat.

Seine große Leidenschaft als Wanderer und Bergwanderer galt der Haigerlocher Ortsgruppe des Albvereins. Kempter agierte er hier als Wegewart, 1971 als 2. Vorsitzender und von 1973 bis 1992 als Vorsitzender.

Mit enormer Tatkraft setzte er sich für seine Albvereinler ein und feierte mit ihnen groß das 100-jährige Jubiläum der Ortsgruppe. Einen weiteren Höhepunkt seiner Vorstandstätigkeit stellte der Neubau der Auenlochhütte mit Grillstelle dar. Sie wurde 1991 der Öffentlichkeit übergeben.

Über Jahrzehnte hinweg bis ins hohe Alter verbrachte Kempter seine Urlaube in Berchtesgaden, was ihm zur zweiten Heimat wurde. Die Bergwelt hatte es ihm angetan. Deshalb war er seit Jahrzehnten Mitglied im Alpenverein.