Holocaust-Gedenktag
: Hechinger Neuntklässler erfahren vom Schicksal von Ruth Solomon und Joel Eppstein

Was nie in Vergessenheit geraten darf, der Mord an sechs Millionen Juden, dazu steuert ein deutsch-israelisches Projekt Erinnerungen von Zeitzeugen bei. Zwei frühere Hechinger Juden sind zu hören.
Von
Christian Steinhilber
Hechingen
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  • Gegen Antisemitismus hilft Erinnerung: Einen Einblick in zwei jüdische Hechinger Leben gewährte Hechinger Gymnasiasten Linda Sum, Jugendguide für die Alte Synagoge Hechingen.⇥

    Gegen Antisemitismus hilft Erinnerung: Einen Einblick in zwei jüdische Hechinger Leben gewährte Hechinger Gymnasiasten Linda Sum, Jugendguide für die Alte Synagoge Hechingen.⇥

    Christian Steinhilber
  • Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworteten die Vortragenden ausführlich. Nachgehakt wurde ausgiebig zu den unterschiedlichsten Themenfeldern jüdischen Lebens damals und heute.

    Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworteten die Vortragenden ausführlich. Nachgehakt wurde ausgiebig zu den unterschiedlichsten Themenfeldern jüdischen Lebens damals und heute.

    Christian Steinhilber
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Erinnern ist der Versuch, die Ereignisse mit dem Verstand zu erfassen: Eine spannende Veranstaltung organisierte Benjamin Bräuer, Geschichtslehrer am Gymnasium Hechingen, für die vier neunten Klassen mit Lehrerinnen und Lehrern in der Alten Synagoge zum Holocaust-Gedenktag. Ebenfalls anwesend war die Rektorin, Melanie Dreher.

Um anhand von Lebensgeschichten über die Schrecken des Antisemitismus zu erfahren, stellten Dr. Martin Ulmer, Geschäftsführer des Gedenkstättenverbundes Gäu-Neckar-Alb, und Linda Sum, Jugendguide des Gedenkstättenverbundes in Hechingen, den Schülerinnen und Schülern das deutsch-israelische Austauschprojekt „Pieces of Memorys“ vor.

Verstehen und Mahnen

Wozu dieses Gedenken? Dies nahm der Organisator Benjamin Bräuer in seiner Einführung vorweg: Zum Verstehen, was geschehen ist, zum Erinnern daran und zum Mahnen vor dem, was passierte – dazu sei auch der Geschichtsunterricht da. Passend, einen Tag vor dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und angesichts des wieder erstarkenden Antisemitismus.

Gespräche mit 32 Überlebenden

Einen kurzen Einblick in das Projekt und die daraus resultierende Internetseite „Pieces of Memorys“ gab Martin Ulmer. Im Jahr 2019 hatten sieben Jugendguides aus Israel und 13 aus Deutschland mit dem Projekt begonnen. Hierzu führten sie Interviews mit 32 Überlebenden des Holocaust und sammelten weitere Daten, um deren Biografien auch online nacherlebbar zu machen.

Ruth und Joel waren noch Kinder

Darunter sind auch zwei Biografien von Hechinger Juden, Ruth Solomon und Joel Eppstein, zur NS-Zeit noch Kinder und Jugendliche. Deren Lebenswege und Familiengeschichte machte Linda Sum für die Schülerinnen und Schüler in ihrem Vortrag erlebbar. Sie hat die Biografien auch für die Internetseite erstellt. Beide Leben hatten beschaulich angefangen, führten dann aber zur sozialen Ausgrenzung in der Schulzeit, Joel Eppstein war auf dem Hechinger Gymnasium, zu vernichteten Lebensträumen, zu auch körperlichen Verletzungen und zur beschwerlichen Flucht aus Deutschland. Die jedoch bedeutete kein Ende der Schrecken.

Ein Ausschnitt aus einem der Zeitzeugeninterviews, zu Wort kam ein Überlebender des KZ Theresienstadt, gab den Schülerinnen und Schülern nochmals Einblick in das aktuelle Projekt und die Schrecken der NS-Zeit. Im Anschluss an die Vorträge und das Gezeigte gab es die Möglichkeit für die neunten Klassen und deren Lehrerinnen und Lehrer, Fragen zum Projekt, zur Alten Synagoge und zum jüdischen Leben in Hechingen und der Region heute und damals zu stellen.

Juden „erkennen“

Die Jugendlichen erfuhren nicht nur über Symbolik in der Synagoge und im Judentum, sondern auch, dass die „Religion“ der Nazis die völkische Ideologie war. Diese Ideologie wurde auch angewandt, um Juden zu „erkennen“ anhand der sogenannten Rassenlehre. Auch ein Wechsel zum Christentum, sogar Generationen zuvor, schützte nicht vor der Verfolgung.

Beim Projekt selbst, so die Vortragenden auf Nachfrage, war es inzwischen schwierig, heute noch Quellen zu finden. Den Stellenwert der Interviews setzen die Projektbeteiligten hoch an, erzählen da doch echte Menschen ihre Geschichte, was diese emotional nachvollziehbarer macht. Diese Erfahrungsgeschichte ist audiovisuell wiedergegeben ein Mehrwert im Vergleich zu bloßen Dokumenten.

Neues Bild von Deutschland

Von den Überlebenden der Shoah, damals Kinder und Jugendliche, leben heute nur noch fünf bis zehn Prozent, berichtete Martin Ulmer. Auch deshalb sei die Arbeit so wichtig.

Abschließend wurde die Frage erörtert, wie Zeitzeugen heute über Deutschland denken. Da die Bundesrepublik bei der Aufarbeitung des europäischen Antisemitismus in ihrer Erinnerungskultur mittlerweile anderen Ländern voraus ist, sei die Offenheit gegenüber Deutschland groß. Größer jedenfalls als in den 70er- und 80er-Jahren. So ist es auch zu verstehen, dass Ruth Solomon zur Eröffnungsfeier der Alten Synagoge ihre Heimat besuchte.

Info Wer sich für das Projekt interessiert, findet es unter https://www.piecesofmemory.com/de. Die Videointerviews in Deutsch, Englisch und Hebräisch gibt es dort mit Untertiteln. Sie sind ebenso auf Youtube zu finden.

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Jugendguides sind beteiligt am deutsch-israelischen Projekt „Pieces of Memorys“ zu Überlebenden des des Holocaust. Sieben von ihnen sind aus Israel, 13 aus Deutschland.